Nicht verpassen – 15 Alben abseits der Top 50!

von am 6. Januar 2016 in Jahrescharts 2015

Bei einer Rangliste von gerade einmal 50 Alben fällt natürlich zwangsläufig einiges unter den Tisch. Weil da aber eben so viele Veröffentlichungen bleiben, die zum Jahresabschluss keineswegs unerwähnt bleiben sollten, gibt es auch dieses Jahr wieder 15 (eigentlich: 16, aber was soll’s) Honorable Mentions – Geheimfavoriten, faszinierende Ausnahmeerscheinungen und eben schlichtweg in ihrer Weise herausragende Alben des Jahres 2015, die man keinesfalls verpasst haben sollte.

Nicht verpassen! | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 bis 01 |

Arca - MutantArca – Mutant

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Die größte Leistung des Venezolaners im Jahr 2015 war es, die desillusionierten Perspektiven von Björk auf deren neunten Studioalbum in aufregende Bahnen zu lenken, indem er der Isländerin ein so faszinierendes wie forderndes Elektroniggerüst auf den Leib maßschneiderte und ‚Vulnicura‚ zum besten Album der Isländerin seit Jahren hinaufproduzierte. Dabei kann man schon einmal übersehen, dass der 25 Jährige Alejandro Ghersi hinsichtlich seiner eigenen Karriere kaum weniger zielführend nachgelegt hat: er arbeitet in der ersten Reihe ohne Netz und doppelten Boden sogar noch unkonventioneller. Vertrackte Ahnungen von Songs werden auf ‚Mutant‚ kompromisslos auseinandergenommen und neu zusammengeschweisst, ergeben ein kompliziertes Potpourri aus schillernden Sounds und hakeligen Beats.
Eingängige Anhaltspunkte die abseits davon bei der Stange halten, blitzen wie zufällig auf, sind jedoch derart geschickt in das akribische Klangkonstrukt eingeflochten, dass ‚Mutant‚ eine hypnotisch-verstörende Abhängigkeit erzeugt: Motive der 90er zerbersten in tausend Stücke, tropische Versatzstücke explodieren inmitten von IDM-Momente, die lieber Synapsen zerschießen, als die Beine zu bewegen, durch Repetition brennt sich ein zerfahren erscheinendes Stück Experimental-Kunst hartnäckig in die Gehirnwindungen. ‚Mutant‚ ist keine Gelegenheitsplatte und auch kein reines Schaulaufen von Arcas imposanten Produzentenfähigkeiten (dafür muss man sich nur einem ‚Snakes‚ in die Augen blicken) aber doch auch eine triftiges Unterstreichen der Tatsache, wen Kanye West oder FKA Twigs auch weiterhin kontaktieren können, wenn sie nach der Zukunft klingen wollen.

Bad Guys - Bad GuynaecologyBad Guys – Bad Guynaecology

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Es passt wie die Faust aufs Auge, dass die Typen von Oozing Wound der Legende nach einmal eine halbe Nacht lang das famose Video zum nicht weniger famosen ‚Prostitutes (Are Making Love In My Garden)‚ auf Repeat laufen hatten: Humortechnisch sehr nahe an den Thrashern aus Chicago angesiedelt, musikalisch an den asozialeren Melvins und optisch irgendwo bei ZZ Top nach dem Entzug, ist ‚Bad Guynaecology‘ (der Name auch) eine unwiderstehlich knochentrocken abgehende dicke-Hose-Rock Angelegenheit, gespickt mit bösen Wörtern und Handclaps.
Könnte man zu schnell als nicht ganz ernst gemeinte Spaßkapelle abtun (wie eben Oozing Wound auch schon), spätestens auf halben Weg durch die besagte Prostituierten-Hymne, die mit einer Inbrunst vorgetragen wird, wie King Buzzo sie zuletzt auf ‚(A) Senile Animal‚ zur Schau gestellt hat, stellt sich das hier allerdings als bierenst zu nehmen heraus. Tighter war Dampfhammerrock 2015 nicht, subtiler vielleicht schon.

Jessica Curry - Everybody's Gone to the RaptureJessica Curry – Everybody’s Gone to the Rapture

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Everybody’s Gone to the Rapture feels like a religious experience … and I’m atheist„. Wann ein Computerspiel nach gängigen Konventionen überhaupt noch ein Computerspiel ist, das hat Everybody’s Gone to the Rapture  als geistiger Nachfolger von Dear Esther erfolgreich in Frage gestellt – wie kongeniale Soundtrackarbeiten vorhandene Stimmungen intensivieren können und ein spielerisches Erlebnis noch einmal auf eine gänzlich neue Ebene heben können, das hat der dazugehörige Soundtrack der Musikerin Jessica Curry (ihres Zeichens auch Co-Director bei dem verantwortlich zeichnenden britischen Entwicklerstudio The Chinese Room) praktisch meisterlich definiert. Ätherische Neo-Klassik breitet sich aus, sakkrale Solostimmen schmiegen sich nahtlos an Choralgesänge, die Orchesterparts treiben melancholisch zwischen leiser Hoffnung und trauriger Einsamkeit.
Wo Max Richter nach den monumentalen Opening-Credits der ersten Season für die zweite Staffel der Ausnahmeserie The Leftovers an dieser Stelle einen augenzwinkenderen Zugang gewählt hat, schlägt Everybody’s Gone to the Rapture als gefühlte Parallelwelt-Ergänzung thematisch eine ergreifende Brücke zur sachte inszenierten Oppulenz. Die Atmosphäre der digitalen Erlebnisse transportiert Curry damit perfekt, mehr noch funktioniert die klangmalende Schönheit Everybody’s Gone to the Rapture aber auch ohne die entsprechenden Bilder im Kopf als majestätischer Score, der für die Dauer von 28 Tracks den Alltag in ein anderes Licht taucht – und damit eben in der Tradition legendärer Soundtrackarbeiten wie Shadow of the Colossus oder The Last of Us steht. Ob Curry’s bisheriges Meisterstück auch ihre letzte Veröffentlichung geworden ist, zeichnet sich jedoch leider ab: Eine voranschreitende Krankheit und grasierender Sexismus in der Spieleindustrie haben sie  dazu veranlasst, sich aus der Öffentlichkeit und ihrem Posten bei The Chinese Room zurückzuziehen.

Hey Colossus - Radio Static HighHey Colossus – Radio Static High

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In Hey Colossus die Wiederkunft von The Heads (die ja eigentlich nie weg waren) zu sehen würde die Nuancen von ‚Radio Static High‚ (sowie ‚In Black and Gold‚ zuvor schon) und die subtilen Errungenschaften der Band unter Wert verkaufen: Ja, das ist eine bratzende, zutiefst britische Gitarrenkombo, und ja, der Dame am Cover raucht’s aus den Augen. Nichtsdestotrotz haben wir es hier mit 42 Minuten Lust am Riff zu tun, die dem Genre in die tiefsten Goldadern gräbt, und tatsächlich noch etwas pures zu entdecken vermag. Der titelgebende Opener alleine macht deutlich, dass hier mit feinerem Werkzeug als bei der Konkurrenz gearbeitet wird, im weiteren Verlauf kippt das Ganze gar in Richtung der Liars oder man ertappt sich zu Anwandlungen von Math Rock mit dem Kopf zu nicken. Ein Dokument einer Band, die die eng geschnürten, konservativen Fesseln des Stoner Rocks mehr und mehr zu lösen vermag.

Holy Sons - Fall of ManHoly Sons – Fall of Man

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Die Platte, die für Tausendsassa Emil Amos soundtechnisch und klangorganisatorisch ganz neue Sphären für sein einstig so avantgardistisch verschwommenes Bedroom-Projekt Holy Sons öffnet, fühlt sich tatsächlich wie ein Nachhausekommen an – und sei es in die vertraute Stammkneipe, vor deren Eingang Amos auch gut und gerne am Cover posieren könnte. Von der ersten Sekunde an strahlen die zwischen Classic Rock und Folk gekuschelten Songwriter-Unaufgeregtheiten von ‚Fall of Man‚ eine immanente Wärme und melancholische Nachdenklichkeit aus, deren Intimes Näheverhältnis nachdrücklich in seinen tröstenden, wohligen Bann zieht. Kein Wunder, verweist Amos doch immer wieder auf große Referenzen – Grails, Pink Floyd, Dire Straits, Watter – aber immer aus seiner ganz eigenen Perspektive, die sich zwischen Akustikgitarre, Soul und leiser Psychedelik auflöst. Dass einer der Songs seiner am klarsten strukturierten Platte ‚Aged Wine‚ heißt, passt dann auch wie die Faust aufs Auge – die Essenz von Amos‘ bisherigem musikalischem Schaffen schmeckt man zu jedem Zeitpunkt, weswegen sich ‚The Fall of Man‚ wirklich wie jenes Album anfühlt, dem das Songwriting des Portlanders über all die Jahre entgegengereift ist.

Rafael Anton Irisarri - A Fragile GeographyRafael Anton Irisarri – A Fragile Geography

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A Fragile Geography is an exercise in the art of maximal minimalism„. Besser und effizienter als Rafael Anton Irisarri selbst kann man ‚A Fragile Geography‚ nicht beschreiben. Ein Album, das merklich auf  einem Trümmerhaufens entstand: Beim Umzug von Seattle nach New York wurde neben Irisarri’s gesamten Hab- und Gut auch all sein Studio- und Audiomaterial gestohlen. Aus dieser Tabula Rasa-Situation ist nun ein Werk gewachsen, dass sich so anfühlen kann, als würde John Murphy’s unterschwellig bedrohlich glimmernden Score für Sunshine durch eben jene Schwarz/Weiße Einsamkeit des Artworks kriechen, Tim Hecker-Szenarien brüten über schweren Oren Ambarchi-Nebeln aus Noise und Melodie, die gleißenden Ausbrüche bleiben so trostlos und melancholisch wie entrückt hoffnungsschwanger und berührend.
Vielleicht also ein wenig so, als würde man sich nach der Postapokalypse durch Twin Peaks treiben lassen, vielleicht so, als würde einem ein Soundmonolith langsam unter die haut kriechen. In jedem Fall aber ein beispielloses Stimmungsmeer, das als Gesamtkunstwerk und Kopfkino-Reise der Sonderklasse im Jahr 2015 selbst Ambient-Meister wie William Basinski hinter sich ließ.

Marta -KlingerKlinger -Monster at the End // Marta – Spaceships

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Nicht, dass man Marta und Klinger über einen Kamm scheren möchte, ganz im Gegenteil: Viel eher gehen das feierlich den Pathos anhimmelnde ‚Monster at the End‚ und die mit aufgekrempelten Ärmeln in den Kellerclubs schwitzenden ‚Spaceships‚ sogar in nahezu entgegengesetzte Richtungen – fühlen sich (natürlich bedingt im Wissen über ihre Mit-Urheber Paul Plut und Andreas Klinger Krenn) jedoch dennoch ein bisschen an wie die zwei Seiten einer Medaille, die kurioserweise in wunderbarer Wechselwirkung funktionieren – hat man die eine Platte gehört, hat man praktisch unmittelbar Bock auf die andere, was angesichts des sich nicht abnutzenden Songmaterials eine ziemlich markante Abhängigkeitsspirale erzeugen kann.
Wo bei Konkursmasse-Veröffentlichunhen wie den ersten Alben von Beady Eye und den High Flying Birds oder Dirty Pretty Things und den Babyshambles aber immer wieder abzusehen war, dass bei den Libertines und Oasis unter gemeinsamen Banner eben doch alles besser geworden wäre, nutzen ‚Monster at the End‚ und ‚Spaceships‚ ihr für sich selbst stehendes Potential gänzlich ohne diesen Beigeschmack: zwei grandiose Alben voller Hits, die stilistisch kaum einen Gedanken an ‚VIECH‚ verschwenden – und gerade durch diese Scheuklappenlosigkeit eindrucksvoll beweisen, das man die involvierten Musiker gar nicht hoch genug schätzen kann. Darüber, dass 2016 aber wieder ein VIECH-Jahr werden sollte, darf man sich natürlich trotzdem bereits jetzt dumm und dämlich freuen.


The Libertines - Anthems for Doomed YouthThe Libertines – Anthems for Doomed Youth

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Anthems for Doomed Youth‚ bezieht einen Gutteil seines Charismas auch daraus, dass die beiden Vorgängeralben ‚The Libertines‚ und viel mehr noch ‚Up the Bracket‚ unsterbliche Meisterwerke des britischen Indierock darstellen, die einen seit über einem Jahrzehnt durch alle erdenklichen Lebenslagen begleitet haben, weswegen das kaum mehr für möglich gehaltene dritte Studioalbum von Carl Barât, Pete Doherty, Gary Powell und John Hassall so vom ersten Ton an – eigentlich bereits alleine seine Existenz – eine durchwegs nostalgische Sogwirkung entfaltet. Aber dies wäre ohne die richtigen Songs freilich wenig wert: die in einem superinfektiösen Refrain aufgehende Raggae-Übung ‚Gunga Din‚, der herzerwärmend harmonisch träumende Titelsong, die große Ballade ‚You’re My Waterloo‚ oder das vitale ‚Heart of the Matter‚ – all das sind Puzzlestücke, die eindrucksvoll vorführen, dass die Songwriter Barât und Doherty im Verbund immer noch zu überragenden Glanztaten fähig sind, auch wenn die beiden die Dinge mittlerweile deutlich abgeklärter angehen und lieber einen versöhnlichen Refrain zuviel einbauen, als mit der Tür ins Haus zu fallen.
Dass ‚Anthems for Doomed Youth‚ entlang einiger beliebiger Momente letztendlich nicht gegen die beiden Vorgängeralben ankommt und es für eines der schönsten Comebacks des großen Comebackjahres 2015 „nur“ zu einem der stärksten Rockalben von der Insel reicht, hat seinen Hauptgrund dann aber außerhalb des Bandgefüges zu suchen: Die Wahl von Jake Gosling als Produzent mag entwicklungstechnisch Sinn machen – die ungestüme Unberechenbarkeit des Guerilla-Sounds von Mick Jones fehlt den Libertines aber schlichtweg an allen abgeschliffenen Ecken und zurechtgestutzten Kanten. Weswegen sich diese Reunion dann auch nicht immer wie eine in Vollbesetzung anfühlt.

Lychgate - An Antidote for the Glass PillLychgate – An Antidote for the Glass Pill

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Man muss sich für die Behauptung wohl nicht allzuweit aus dem Fenster lehnen: Kaum eine andere Platte (ob nun aus der Metal-Schublade oder nicht) entwickelte einen derart verschrobenen, eigenwilligen Charakter wie ‚An Antidote for the Glass Pill‚. Sofern das überhaupt noch Black Metal ist, den die Engländer da zwischen Aventgarde und mutwilliger Dissonanz auf ihrem Zweitwerk zelebrieren, dann entwickelt er alleine dadurch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, weil Lychgate die theoretische Geschwindigkeit des Genres auf eine omnipräsente Orgel prallen lassen, mehr noch – das an sich sich so träge-schleppende Element das dem Instrument innewohnen kann vom ausgebreiteten Begleitutensil wird hier immer wieder zum Leitsymbol auserkoren. Das Ergebnis ist ein bisweilen nervöses, extrem mystisches und schlicht unergründlich vielschichtig hetzendes Ungetüm, das mittels anachronistischer Retro-Horrorszenarien eine eine wirklich beängstigende, verstörende und auch wahrhaftig anstrengende Bösartigkeit Dunkelheit walzt.
Der Entwicklungsschub der Band seit dem selbstbetitelten Debüt ist vielleicht damit zu erklären, dass neben der Kernbesetzung um Mastermind Vortigern nun unter anderem auch Esoteric-Zauberer Greg Chandler bei Lychgate mitmischt – und wie man Legendenbildung in der Nische betreibt, das weiß der 42 Jährige bekanntlich nur zu gut. Aber eben auch, wie man überragende Platten kreiert, die die Geister scheiden können, weil sie an keinerlei Konsens oder Konventionen interessiert sind.

Stephan Mathieu - Before NostromoStephan Mathieu – Before Nostromo

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Für den einen oder anderen mag das Erste woran man bei der Rückbesinnung auf Ridley Scotts Sci-Fi-Horror Meilenstein „Alien“ zurückdenkt nicht Sigourney Weavers großer Durchbruch, nicht der sabbernde Xenomorph, nicht die außerirdische Fortpflanzung via chestbursting oder HR Gigers phallische Phantasiewelten sein, sondern Jerry Goldsmiths Meisterwerk von einem Soundtrack. Mit mehr Stille zwischen den Noten als es für ein Projekt dieser Größenordnung gut sein sollte, wurde ein klaustrophobisches Kopfkino erschaffen, das von der ersten Stunde bevor das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt überhaupt auf die Bildfläche tritt, bis heute, knapp vierzig Jahre später, anhält.
Dieser Stille nun bedient sich Stephan Mathieu auf seinem beeindruckenden Konzeptwerk ‚Before Nostromo‚, um eine Art Vorgeschichte zum ersten Film der Reihe zu erzählen – welche Bilder hatte die Crew der Nostromo während des künstlichen Tiefschlafes vor Augen, der sie bis zur Ankunft an ihrem Einsatzort frisch halten sollte? Mathieu selbst bezeichnet sein – ausschließlich digital erhältliches – Werk als Hommage an das Sounddesign von „Alien“, und so präsentieren sich die „Dreams“ als tiefgehende Deep-Listening-Stücke zwischen Ambient und musique concréte, die man dem geneigten Hörer an sich schwer via Text schmackhaft machen kann – außer eben mit der Bemerkung, dass das evozieren dieser angestrebten Stimmung auf ganzer Linie gelingt (und auch der Humor nicht zu kurz kommt, wenn zum Beispiel Jonesey die Schiffskatze ein eigenes, kurzes Träumchen spendiert bekommt). Ein mit einer längst vergessen geglaubten Magie behaftetes Ambient-Album, dass man sich nicht bis in den letzten Winkel erarbeiten muss, um es schätzen zu lernen.

Phantom Winter- CVLTPhantom Winter – CVLT

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Während meteorologisch derzeit ein erstaunlich mildes Klima herrscht, pfeift aus Würzburg einer eisiger Wind und hält die Grenzwelten aus Doom Metal, Sludge, Post Metal und Sludge mit einer unerbittlichen Kälte in seiner Gewalt fest. „Winterdoom“ nennt das Quintett ihrs gleichermaßen gen Postrock und Hardcore keifendes Stilamalgam, bei dem sich auch nach Monaten der Dauerrotation nicht anstandlos feststellen lassen will, ob man nun die drückende Rhythmusarbeit besser finden soll als die schier übermannenden Berg- und Talfahrten der monolithischen Gitarrenwände, oder doch die an unerbittlich an der Seele nagenden Schreie und Growlpassagen. Letztendlich spielt das auch keine Rolle, denn ‚CVLT‚ ist in seiner Gesamtheit schlicht eine formvollendete Vorstellungsrunde aus einem Guss, die einem in ihrer Intensität und Unverrückbarkeit das Fürchten lehrt. Oder anders gesagt: Man muss nicht einmal zwangsläufig auf jene übermächtige Band verweisen, in der einige Mitglieder vor Phantom Winter bereits „Mountain Metal„-Geschichte (wie gut kann man übrigens darin sein, die eigene Genre-Schiene exakt zu benennen?!) geschrieben haben, um ins Schwärmen zu geraten. Phantom Winter stehen von Beginn an nur für sich selbst – und stellen hier eine große Zukunft in Aussicht.

Sunn O))) – KannonSunn O))) – Kannon

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Bisher war es eigentlich immer durchaus legitim, sich neue Alben von Sunn O))) als die Drone-Epen herbeizusehnen, als die sie sich dann im Endeffekt wohl auch herausstellen würden. Vor allem die letzten beiden – regulären – Studioalben der Kuttenträger (mittlerweile wohl endgültig offiziell mit Attila Csihar um ein Mitglied gewachsen), ‚Monoliths and Dimensions‚ und ‚Black One‚ haben in dieser Hinsicht nicht nur abgeliefert, sondern auch für die experimentelle Musik wichtige Haken in das allgemeine Musikbewusstsein geschlagen.
Nun war die Überraschung recht groß, als ‚Kannon‚ als ein in drei Teile gegliedertes Stück, wesentlich kürzer als alle EPs der näheren Vergangenheit angekündigt wurde, und auch die Reaktionen bei Veröffentlichung der Platte waren eher verhalten. Zu wenig markerschütternd vielleicht die schon an Scott Walker abgeschürften Drone-Spitzen, zu überraschungsarm der grobe Ablauf von ‚Kannon‚ (trotz so vielen Gästen wie nur selten zuvor, ein Csihar ist nun mal keine Wiener Sängerdame und Randall Dunn am Korg M1 kein Presslufthammer). Vielmehr ist ‚Kannon‚ ein Paradeexemplar dessen, was die Pioniere Sunn O))) auf ihrem Feld mittlerweile ausmacht: Kein beteiligter Mensch ist daran interessiert, dieselben Kunststückchen die Jahre zuvor die Metallandschaft bewegt haben wiederzukäuen; mittlerweile wohl im Alterswerk angekommen lassen Sunn O))) den Spannungsbogen ihres Schaffens gespannt und langweilen weder sich, noch den Hörer. Was einem zu Zeiten von ‚Grimm Robe Demos‚ erstmal einer prophezeien sollte.

Teeth of the Sea - Highly Deadly Black TarantulaTeeth of The Sea – Highly Deadly Black Tarantula

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Was den Titel angeht, so führt Teeth of the Seas viertes Album etwas auf die falsche Fährte, speziell verglichen mit dem Vorgänger: wo ‚Master‚ noch massiv stampfend den Raum für sich vereinnahmte, mit messerscharfen elektronischen Krallen um sich schlagend, in seiner Rücksichtslosigkeit nicht unweit von Pharmakon angesiedelt, vermag man bei dem aktuellen Werk der Londoner die sofort tödliche, ultimative Steigerung dessen zu erwarten, was die Band bisher vorgelegt hat.
Aber ‚Highly Deadly Black Tarantula‚ kommt von hinten. Es groovt. Es kratzt und beißt und stinkt zwar, breitet seine haarigen, klebrigen Fänge über zackige Neo-Noir-Beats aus, evoziert die menschenfreundlichere Seite der lebensverneinenden Elektrorenaissance der letzten Jahre, Burial, Haxan Cloak, oder auch The Body, als sie Bobby Krlic vereinnahmt haben. Das ist gleichermaßen die Musik die aufgelegt wird nachdem der Terminator im Technoir gewütet hat, wie es die ist, die Kyle Reese im Walkman trägt, hätte ihn Sarah Connor nicht gleich beim ersten Mal rangelassen – widerlich melancholisch, verspannt tanzbar, ungezähmt und bedrückend. Ein progressives Kleinod an Retrosexmusik, bis oben hin voll mit subtilen, humorvollen Spielereien, und deshalb dann doch zu gefährlich um als pure Hintergrundmusik zu dienen. Spätestens wenn ‚Have You Ever Held a Bird of Prey‚ die Aufmerksamkeit auf die giftbenetzten Reißzähne der Tarantel zieht.

Kamasi Washington - The EpicKamasi Washington – The Epic

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Über eine Platte wie ‚The Epic‚ halbwegs professionell urteilen zu können ist als gelegenheitshörender Jazz-Laie grundsätzlich schwierig. Für keine andere Platte 2015 hat der popkulturelle Feuilleton – von Spiegel Online über den Musikexpress bis hin zum Spex – seinen stilistisch determinierten Zuständigkeitkeitsbereich jedoch derart bereitwillig verlassen, wie für das 17-Songs-auf-drei-CDs-Mammutwerk von Saxofonist und Bandleader Kamasi Washington. Nach drei selbstveröffentlichten (und beinahe nirgenst mehr erhältlichen) Platten zwischen 2005 und 2008 nutze dieser für seinen Major-Einstand aber auch gar zu vortrefflich die Gunst der Stunde des Brainfeeder-Buzz um ‚You’re Dead!‚ und ‚To Pimp a Butterfly‚, lieferte einfach die perfekte Platte zum perfekten Zeitpunkt, um sich zum unwahrscheinlichsten Jazz-Liebkind mit durchaus polarisierender Wirkung aufzuschwingen (was in dieser Form übrigens durchaus bereits letztes Jahre auch bei The Imagined Savior Is Far Easier to Paint passieren hätte können) .
Zwischen den Lobpreisungen vieler Genre-fremder Verehrer und durchaus aufkeimender Kritik von Szene-affinen Kennern sollten dabei aber einige Fragen gestattet sein: Muss man das angeblich so kompromisslose (abseits der Spielzeit) und stilistisch so innovative Element hören können, das viele im eigentlich durch und durch eklektisch bei seinen Vorbildern angeschmiegten ‚The Epic‚ entdecken wollen, wenn man sich auch ohne Revolution zu keiner Sekunde der 174 atmosphärisch so dichten, dynamisch variierten Minuten auch nur ansatzweise zu langweilen droht? Oder muss Easy Listenig-Jazz ein Schimpfwort sein, wenn das Ergebnis einen mit abgespact-hymnischer Leichtigkeit hypnotisiert und anmutig in Trance versetzt? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wieviel von der unerwarteten Zuneigung Kamasi Washington auf kommenden Alben wieder entgegenschlagen wird, wenn sich der 34 Jährige Kalifornier zumindest für den Moment die Leistung auf die Brust heften kann, den Jazz in diesem Jahr gerade außerhalb seiner Grenzen praktisch im Alleingang wieder ein Stück weit salonfähig gemacht zu haben?

Hotline Miami 2 - Wrong NumberVarious Artists – Hotline Miami 2: Wrong Number

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Als Videospiel stellt Hotline Miami 2 in vielerlei Hinsicht die perfekte Fortsetzung dar: Es bedient sich an den Vorzügen des nahezu perfekten Indie-Darlings von 2012 und dreht diese bis zum Anschlag, nicht ohne mit den Erwartungen des geneigten Zockers zu spielen und ihn zwischen all der Gewalt, verwirrenden Handlung und 80er-Ästhetik schwierigkeitstechnisch eine nach der anderen vor den Latz zu knallen.
Schwer denkbar war allerdings, dass auch in Sachen Soundtrack – unfairer weise wohl jener Faktor, dem HM1 seine immense Beliebtheit zum Großteil zu verdanken hat – ein erneuter Meilenstein gelegt werden kann. Unglaubliche 49 Nummern lang wird hier mal unbarmherzig pressend, mal verstörend melancholisch, die Crème de la Crème der Underground-Elektronik bemüht, um einen sowohl passenden Hintergrund für das Blutbad als auch erstaunlicherweise seltsam kohärentes Hörerlebnis abseits des Bildschirmes abzuliefern. Einer der besten Videospielsoundtracks des aktuellen Jahrtausends, eine mit Spucke polierte Bühne für M|O|O|N, Perturbator, Mitch Murder, Magna, (vor allem) Carpenter Brut und wie sie alle heißen.

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