Swans, Anna von Hausswolff [23.10.2016: Orpheum, Graz]

von am 27. Oktober 2016 in Featured, Reviews

Swans, Anna von Hausswolff [23.10.2016: Orpheum, Graz]

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Auf ihrer (wenn man angesichts der bevorstehenden Umbrüche so will) Abschiedtour beehren Michael Gira und seine Swans nun auch Graz – und beenden das Elevate 2016 mit dem erwartbar auslaugenden Kraftakt.

Ein gewisses Muster lässt sich feststellen: Nach Pharmakon bei der Tour zum 2014er Album To be Kind eröffnet im Zuge der The Glowing Man-Konzerte Anna von Hausswolff. Michael Gira hat wohl ein Faible für weibliche Support Acts. Und zwar jene der ungemütlichen Sorte. Denn wo die Schwedin auf ihren bezaubernd-todesmutigen Studioalben die Schönheit in der Finsternis mit durchaus ätherischer Feinheit und zartschmeichelnder Wohligkeit findet, kann die Wucht, die die 30 Jährige live entfaltet, durchaus unvorbereitet treffen: Die letzten Minuten des knapp dreiviertelstündigen Sets steigern sich die zierliche Musikerin und ihre beiden Begleiter an Gitarre und Elektronikequipment in einen markerschütternd hämmernden, verstörend in seinen Bann ziehenden EDM-Rave-Rausch – irgendwo zwischen The Haxan Cloak und eben Margaret Chardiet ballert von Hausswolff ihren gespenstischen Funeral Pop unter brachial in alle Poren eindringende Extrembedingung in die Menge. Das Pumpt, presst und malträtiert, ist zartgliedrig und gefährlich.

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Dass dieses Soundspektakel zwischen relativer Dance-Extase, mystischer Archaik und kompromissloser Klanginstallation auch von der (man kann es eigentlich gar nicht explizit genug erwähnen!) grandiosen Anlage des Orpheum profitiert, versteht sich praktisch von selbst. Es ist sicherlich auch die dynamische Bandbreite der technischen Ausstattung, die die radikal von intimer Verletzlichkeit zu brutaler Intensität wandelnde Performance von Anna von Hausswolff (mal mit dem Rücken zum Publikum knieend, dann wie in Trance über ihren Synthies arbeitend und selten eine rostig klingende Gitarre abschrammend) veredelt. Letztendlich hinterlässt die Musikerin jedoch auch für sich stehend als unberechenbares Gesamtpaket einen über allen Erwartungen liegenden Eindruck, wenn hier geisterhafte Pop-Ansätze mühelos die Grenzen zu sakralen Ambientwelten und ungemütlich schabenden Drone-Abgründen überschreiten, alles soviel mächiger, abgründiger und bedrohlicher klingt als auf Platte, man sich staunend in diese feenhafte Kriegserklärung verliert.

Kurzum: Anna von Hausswolff entpuppt sich als die gar nicht so heimliche Gewinnerin des Abends. Was dann auch nur bedingt damit zu tun hat, dass man die apokalyptische Urgewalt der Swans schlichtweg bereits noch gigantischer erlebt hat als an diesem Abend.
Mitverantwortlich dafür ist auch die Wahl des Openers The Knot, der sich als neue Nummer über satte 58 Minuten erstreckt, dabei aber nur phasenweise über ein fragmentarisches Abhandeln der typischen Swans-Trademarks mit all seinen unendlich lange aufgebauten Spannungsbögen, orgasmischen Entladungen und schwallartig hereinbrechenden Stimmungsmeeren hinauskommt, nur selten wirklich eng an eine nachvollziehbare narrative Dramaturgie gezurrt ist. Natürlich: Gira hat seine Swans-Songs immer schon live entwickelt, sie mutieren lassen, ihnen Raum zur Entfaltung gegeben und ist den Fäden dann erst gefolgt – hier aber wirkt er erstmals ein wenig unentschlossen zwischen den Seilen hängend, ziellos in alle Richtungen ausufernd.
Dass dieser unvollendete Charakter des Monolithen-Skeleths mit der noch ungewissen Zukunft der Band zu tun hat, bleibt aber nur Mutmaßung: Gerade The Man Who Refused to Be Unhappy – der andere bisher noch unveröffentlichte Song der Setlist – enpuppt sich auf der anderen Seite nämlich als ungemein knackig groovender, geradezu schmissig auf ein kompaktes Bassriff aufgebautes Stück unter enormen Zugzwang. Schon lange nicht hat man die Band derart zwingend, entschlackt und unprätentiös auf ausnahmslos Handfeste Rockismen fokussiert gehört.

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Und gerade diese konventioneller gestrickten, weil weniger ausufernd geratenen Momente sind es, die an diesem Abend im Orpheum am besten zu funktionieren scheinen – oder zumindest unmittelbareren Zugang zum anwesenden Publikum finden, das zu gleichen Teilen den Eindruck macht vollkommen in der bannkraft der band versunken zu sein, oder einer die eigene Integrität untermauern sollenden Pflichtveranstaltung beizuwohnen. Nachzuverfolgen etwa im herrlich direkten Screenshot oder den furiosest nach vorne gehenden Passagen des überragenden The Glowing Man: Hier füllt sich der Bereich vor der Bühne wieder schlagartig und Bewegung kommt ins Spiel, der Funke springt über und die Musik der Band legt sich wie eine Glocke über die Masse.
Was sich abseits davon jedoch beobachten lässt, ist der durchaus auslaugende Effekt, den die Stehvermögen fordernde Performance der Swans eben hervorrufen kann: Wo zu Beginn noch viele Anwesende der Aufforderung Giras euphorisch nachkommen, doch näher an das Podium heranzutreten und den durch einige Boxen vor der Bühne herrschenden Sicherheitsabstand ignorieren (sehr zum Leidwesen des Security-Personals), lehrt sich das Orpheum in den folgenden erschlagenden 3 Stunden Spielzeit nach und nach merklich. Besucher setzen sich erschöpft in den hinteren Bereich (was insofern möglich ist, da „Ausverkauft“ beim Elevate angenehmerweise keine restlos überfüllten Lokalitäten bedeutet) oder gönnen sich revitalisierende Rauch- und Trinkpausen, währed die Band selbst unablässig ihre Welt ausschüttet. Der Bereich unmittelbar vor der Bühne präsentiert sich jedenfalls phasenweise erstaunlich licht gefüllt – was natürlich auch damit zu tun haben kann, dass die Aufmerksamkeitsspanne vieler Anwesender gegen 1 Uhr früh schlichtweg merklich überzogen ist.

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Dabei war es an sich wohl generell selten leichter jedwedes Distanzgefühl zur Band zu überbrücken: Die fünf Musiker stehen auf engstem Raum dicht beisammen, füllen die Bühne sehr platzsparend aus. Hinter dem Quintett tut sich in der kargen Kulisse nur ein weit zurückliegender, schwerer Vorhang in bester Twin Peaks-Manier auf, ansonsten erhebend Swans vor einer demonstrativen Leere komprimiert auf wenige Meter das Kollektiv über jede Einzelleistung: Auch wenn Gira seine Kumpanen immer wieder dirigiert, reagiert er gereizt, als das Spotlight nur ihm gilt. Er fordert es für alle ein, bevor sich die Swans in dieser Konstellation auflösen werden, lässt den einzigen konstanten Scheinwerfer auf seinem Ständer mit den Songtexten ruhen.
Am Ende bleibt so eine ambivalente Momentaufnahme einer Ausnahmeerscheinung zwischen den Entwicklungsstadien, mit hungrigem Blick auf das Ungewisse: Minimalistischer und überbordender, nahbarer und gleichzeitig weniger übermannend, straighter und gleichzeitig mäandernd entwickelt Giras Gruppe immer noch eine hypnotische Sogwirkung, die sich mit keiner anderen Band da draußen vergleichen lässt. Spannender als diese vorerst letzte Konzentration altbekannter Größe ist nach der übersättigenden Spielzeit (der Fairniss halber sei jedoch gesagt; Vielleicht nur eine von der Tagesverfassung abhängige Wahrnehmung) aber erstmals seit vielen Jahren nicht die Frage in welche Bewusstseinszustände Swans einen im Jetzt katapultieren, sondern wohin die Zukunft Gira führen wird, der wohl tatsächlich schlau genug war im richtigen Moment eine Zäsur einzuleiten. So oder so: Ein absolut würdiger, seinesgleichen suchender Abschluss des Elevate 2016.

Setlist:
The Knot
Screen Shot
Cloud of Forgetting
Cloud of Unknowing
The Man Who Refused to Be Unhappy
The Glowing Man

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