Anna von Hausswolff – Dead Magic

von am 4. März 2018 in Album, Heavy Rotation

Anna von Hausswolff – Dead Magic

Anna von Hausswolff hat die drei Jahre seit The Miracolous nicht nur als illustrer Gast auf Platten von Russian Circles bis Wolves in the Throne Room verbracht, sondern auch als Intimus von Michael Gira dessen Avantgarde-Essenz verinnerlicht. Diese Erfahrungen formen das kosmische Dead Magic zu einer bewusstseinserweiternden Séance  zwischen Dead Can Dance und den Swans.

Wobei Anna Michaela Ebba Electra von Hausswolff vorab durchaus ein klein wenig auf die falsche Fährte führte. Denn so überdeutlich, wie The Mysterious Vanishing of Electra mit kalter Akustikgitarre, rituellem Groove, sich manisch-prätentiös zu Kapriolen überschlagenden Hyperventilierungs-Gesang und einem so schwer wie unbarmherzig-stoisch nach vorne gehendenRock-Minimalismus nach Trademarks der Swans gebaut war, ist Dead Magic nun keinesfalls zur Gänze veranlagt – war ja eigentlich auch schon die besagte Vorabsingle auf den zweiten Blick nicht, wenn von Hausswolff irgendwann als elaboriert Trapezkünstlerin vibriert, wie eine fiebrige Pharmakon (in weniger psychotisch, jedoch ebenso manisch) zum überschlagenden Schamanengesang die Roadhouse-Gitarren finster, aber seltsamerweise nicht bedrohlich besten lässt, und eine tröstend-versöhnliche Decke aus jener Art Horror strickt, der das Herz nicht mit Jumpscares attackiert, sondern mit einer ungemütlichen Atmosphäre verschlingt.

Immer wieder funkeln da Synthies im Überbau der Arrangement neonfinster, doch es ist eher die schleppende Motorik, die definiert, nicht die Hymnik. Diesen (verglichen mit den restlichen Songlängen: kurzen) Ausschnitt formuliert Dead Magic nun also im progressiv strukturierten Gesamten noch markanter aus, denkt den Funeral Pop von The Miraculous, Ceremony und Singing From the Grave dafür in einen neoklassizistischen Darkwave weiter, der keinen Unterschied zwischen Ambient, Avantgarde, Drone, Wave und Dark Folk macht; der die Kirchenorgel nunmehr auch mal digitalisiert und sich mit subtilen (ästhetischen wie stilistischen) Verweisen auf das morbide Dramatik von Chelsea Wolfe, den ewigen Postrock von Godspeed You! Black Emporer, klerikalen Score-Klangteppichen oder der gothischen Eleganz einer Marissa Nadler seinen eigenen Klangkosmos für fließende Séancen beschwört.
Über ein Geklacker auf der Tastatur entsteht so The Truth, The Glow, The Fall. Ein Dreiton auf der omnipräsenten Orgel wird zum Motiv, führt zu schweren Synthieflächen. Die so zerbrechlich wirken könnende Urgewalt von Hausswolff singt beschwörend über dem sphärischen Wesen der Suite, der mechanische Rhythmus schleppt sich folkig und unbeirrbar. Langsam lüftet ein funkelnder Sternenhimmel den Weg in den Kosmos, dort lauert eine orgelschwere Unendlichkeit, die Colin Stetsons schwarze Tiefe auf tröstende Art leiden lässt, etwas so nahbares und fürsorgliches transportiert. Mal klingt von Hausswolff dabei wie in den letzten Atemzügen liegend, abgekämpft und rauh, dann wieder voll juvenil unbändiger Neugierde – sie spiegelt die Bandbreite ihrer stilistischen Amalgame auch stimmlich wider.
13 Minuten verglühen da insofern wie im Flug. Und es wird letztendlich überhaupt eine der großen Stärken von Dead Magic sein, dass Anna von Hausswolff ihren weitschweifenden Kompositionen alle Zeit der Welt zu geben scheint, dabei aber dennoch erstaunlich effizient agiert und kaum Leerlauf erzeugt. Ein anderer Vorzug ist, wie mühelos die 31 Jährige zwischen zahlreichen Schichten in den Texturen und einer intimen Nacktheit wechselt, im Sound untertaucht und dann wieder dominant hervorstrahlt. Noch besser: Dead Magic wächst nach seiner eindrucksvollen Ouvertüre gerade in der zweiten Hälfte noch imposanter über sich hinaus, sogar beinahe bis zur majestätischen Größe.

Das sechzehnminütige Ugly and Vengeful glimmert lange, evoziert die Aura von Blade Runner im Hexenwald vor Twin Peaks, doch die Schwedin schiebt jedwede Beklemmung beiseite, singt mit fast kindlicher Klarheit,  verbindet essentielle Schönheit mit subversivem Unheil, während die Drums martialisch poltern, die Synthies heroisch anschwellen und eine stellare Klarheit formulieren, entrückt pulsierend. Ohne in Gemütlichkeit zu verfallen beginnt der Epos Ugly and Vengeful hypnotisch zirkulierend zu poltern, wie ein gefährliches Delirium mutiert das Geflecht zum immer weiter hinaus wandernden Space Rock, bevor von Hausswolff die Zügel enger zieht, einen zwinkernden Rausch voller Druck und Wucht erzeugt: Man verliert sich in diesem tonalen Wesen, weil es mehr gibt, als fordert.
Auf das Herzstück der Platte gönnt sich Dead Magic daraufhin verdientermaßen eine Verschnaufpause. The Marble Eye ist ein pastorales Orgel-Intermezzo, das eine regelrecht hoffnungsvolle und optimistische Helligkeit in das Album einführt. Für sich alleine stehend mag das Instrumental zwar wenig aussagekräftig oder bedingungslos komponiert wirken, als formende Soundästhetik funktioniert das atmende Bindeglied jedoch gerade im Kontext vorzüglich, bringt die einzelnen Passagen durch die stimmungsvoll gewobene Atmosphäre näher zueinander. Dead Magic ist schließlich vor allem ein Album-Album, ein meditativer Trip, der auch deutlich Impulse und Eindrücke von außen verarbeitet, aber dabei ein in sich geschlossener Kraftakt bleibt.
Und dennoch klingt das abschließende Källans återuppståndelse, als würde Julee Cruise am Ende aller Tage in Zeitlupe mit ihrer Raumkapsel an der Erde vorbeigleiten, als hätte sie in genau dieser über den Dingen schwebenden Einsamkeit ihren Frieden gefunden. Leise schwellen die Streicher subtil an, im Unspektakulären kommt Dead Magic dem überwältigenden Monumentalen, der unter die Haut gehenden Übernatürlichkeit, hier wohl näher als sonst, krönt seine unheimlich stimmungsvolle Atmosphäre in der Ambivalenz einer beruhigenden Aufgewühltheit: Wunderschön, verstörend, erhebend, beruhigend einnehmend und mit einer verschlingenden Abgründigkeit ausgestattet, eklektisch und ein originäres Kontinuum aufbauend.
Nicht zuletzt Randall Dunn hat hier als Produzent (die Vorgaben von Celestial assimilierend) ganze Arbeit geleistet und entlässt spätestens hier auf der richtigen Fährte: Der morbide Sog Dead Magic existiert in seiner ganz eigenen luziden Realität, umspült als physisch beeindruckend präsenter und dennoch niemals gänzlich greifbarer Mahlstrom an der Schwelle zwischen Leben und Todessehnsucht. Und dennoch ist diese sinistre Verlockung nichts weniger als eine zeitlose Grazie.

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