The Horrors – V

von am 22. Oktober 2017 in Album

The Horrors – V

Der verträumte Soundtrack für nebelverhangene Tanzflächen in postapokalyptischen Industrial-Fabrikshallen: The Horrors adaptieren ihren sphärischen Synthpop mit V ein weiteres Mal.

Wenn gleich Hologram als gediegener Stomper langsam schlängelnd Industrial-Versatzstücke assimiliert, wuchtige Effekte jedes Element rund um die feine Melodie belegen, alles glitzert und funkelt, Handclaps einen gewissen Soul in den Anachronismus schweben lassen und der Opener (wie auch die gesamten kurzweiligen 55 Minuten der Platte generell) trotzdem derart aufgeräumt, fokussiert und entschlackt wirkt, dann klingt das zwar auch wie der Einstieg in jenes Album, das Beck mit Tame Impala vor Augen in den 80ern nie geschrieben hat, viel mehr aber doch wie der würdige Nachfolger zu Skying, der das gute, aber auch halbgare Luminous nicht gänzlich sein konnte.

V stellt damit praktisch unmittelbar klar, dass The Horrors sich ein weiteres Mal einem Evolutionsschub unterzogen haben. Indem sie das Streben nach breitwandiger Größe und stilistischer Opulenz mit adäquatem Songwriting unterfüttern: Sound und Komposition sind gehen hier eine stete Symbiose ein, wachsen aneinander.
Paul Epworth hat der Band beigebracht, eine tanzbare Wucht, eingängig abdriftenden Pop und luzide Transzendenz unter einen Hut zu bringen; außerdem den weiteren Klangraum mehr Platz für elektronische Spielereien, elaborierten Gesten und homogene Variationen lässt, ohne das Midtempo in seinen entspannt ausgerichteten, aber treibend angelegten Kompositionen dafür verlassen zu müssen.

Verliert man sich erst einmal in der grandiosen Stimmung und Atmosphäre der Platte, fällt da weitestgehend jede Monotonie von V. Zwischen shoegazende Trance und psychedelischen New Wave, zwischen The Cure, Nine Inch Nails und Depeche Mode verankert, schälen sich in der unterkühlt wärmenden Klangästhetik vielmehr nach und nach zehn unwirkliche Schönheiten hervor, die für sich genommen vielleicht nicht die Sogwirkung erreichen, die V in seinem Gesamtfluss erzeugt, jedoch auch als formatradiotaugliches Mosaik verführerisch in ihren Bann ziehen.
Press Enter to Exit lüftet die Dichte der drückenden Produktion mit Jangle-Gitarren im Refrain, während das wahrlich maschinell arbeitende Machine keinen Hehl aus seiner Faszination für Portishead macht. Ghost schraubt das Erscheinungsbild auf ein skelettiertes Rhytmusgerüst und blinkende Soundscapes – ein ätherischer Trip, bis der Song in einem funkelnden Feuerwerk aufgeht.
Das geschmeidig nach vorne mäandernde Point of No Reply findet seine Essenz dann passenderweise auch gerade dadurch, dass The Horrors hier nirgendwo ankommen, sich aber als findige Umsetzer offenkundiger Referenzen erweisen.

Mit subtilen Pianoakkorden ausgeschmückt hat Weighted Down seine Aufgaben etwa klar im Fahrwasser der Gitarrenschleifen von My Bloody Valentine gemacht, World Below badet in handfesten Halluzinationen von Echo and the Bunnymen und It’a a Good Life driftet in Träume von Duran Duran.
Dass das flächige Songwriting der Masse phasenweise zu gefällig auftritt und sich dann primär über seine Assoziationen zu definieren scheint, dreht V keinen Strick, macht sich aber spätestens dann bemerkbar, wenn das (zwar irritierend platzierte, aber) überragende Something to Remember Me By als nostalgischer Abspann wie ein Dancefloor-Klassiker aus einer alternativen Zeitlinie herüberwummert. Eine Paradesingle als Hit als ein Jahreshighlight.
Die größte Überraschung bleibt dennoch The Gathering: So clean und nackt wie in dem friedfertig in den Sommer dösenden Kleinod hat man The Horrors noch nie gehört. Ungeachtet der klaren Cat’s Eye-Anleihen muss man sich also wohl auch in Zukunft keine Sorgen darüber machen, dass den Londonern nach ihrem bisher besten Album etwaiges stilistisches Neuland ausgehen sollte.

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