Tocotronic – Die Unendlichkeit

von am 25. Januar 2018 in Album

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Man kann weiterhin massive Probleme mit der grundsätzlichen Beschaffenheit aktueller Tocotronic-Werke in der qualitativen Schere aus Text und Musik haben. Die Unendlichkeit funktioniert dann aber trotz Dirk von Lowtzow – und ein kleines bisschen gerade auch durch ihn.

Das selbstbetitelte rote Album von 2015 war kein Totalausfall, aber eben doch eine herbe Enttäuschung: Wo sich Tocotronic musikalisch ein weiteres Mal durchaus neue, nicht unspannende Facetten abzuringen verstanden, konnte von Lowtzow das anvisierte Niveau auf lyrischer Ebene zu praktisch keinen Zeitpunkt halten. Da wurden pathetisch aufgeblasene Banalitäten ohne Ende repetiert und ungeniert als tiefsinnige Weisheiten verkauft, auch den hartnäckigsten Diskurs-Pop-Anhängern wurde die Sache schnell zu blasiert.
So polarisierend die Texte der Band immer schon waren, hatten von Lowtzows Verse spätestens hier auch begonnen eine emotionale Distanz zu schaffen, die selbst die besten Songs einer kompositionell wankelmütigen Platte nicht zu stemmen vermochten. Geblieben ist von einem blassen Album außer einen fahlen Beigeschmack insofern wenig.
Der Ansatz von Die Unendlichkeit – den lyrischen Fokus mittels einer autobiographisch aus von Lowtzows Jugend starrenden Vergangenheitsaufarbeitung zu legen und damit einen Blick auf Vergänglichkeiten preiszugeben, der zwar wieder nicht universell funktionieren will, aber zumindest eine durchwegs bildlich greifbare Nostalgie abbildet, die imaginativ zündet – holt nun insofern deutlich effektiver ab, als das rote Album es tat. (Auch wenn man dafür zahlreiche Zeilen immer noch unangenehm berührt links liegen lassen muss, um sich nicht im Gefühl des hochnotpeinlichen Fremdschämens die Freude an den Tocos zu verderben, man zumindest über all die enervierenden Nabelschau-Wiederholungen hinwegsehen sollte).

Passend dazu übernimmt Die Unendlichkeit auch die geschmeidige Poppigkeit des selbstbetitelten Albums, denkt diese jedoch weiter und addiert hinter einem nunmehr merklich gewachsenen instrumentalen Klangraum (für den neben Intimus Moses Schneider diesmal auch Friedrich Paravicini und Wanda-Dude Paul Gallister verantwortlich zeichnen und etwa das fein-märchenhafte Trauerarbeit leistende Erinnerungsstück Unwiederbringlich erst langsam aus dem verspielten Orchesterkosmos nach Hause gebracht werden möchte) gerade im Mittelteil auch ein wieder griffiger und zwingender gewordenes Songwriting.
Dann nimmt das smoothe Electric Guitar einen Americana-Drive als weiches Liebeslied an die Gitarre in die Arme (in der Rick McPhail als stetes Trumpfass der Band über dem dahinlaufenden Rhythmus tänzeln darf, während sich die Band sehnsüchtig ausbreitet), versucht sich Hey Du wieder mehr am juvenil scheppernden Rock, polternd und ekstatisch (einstweilen der Text durch seine permanente Wiederholung nicht ganz den Kniff von der kritisch überspitzen Ironie zur Plattitüde bekommt) oder gibt das flotte Ich lebe in einem wilden Wirbel den gefällig- catchy Poprock ohne gravierende Nachhaltigkeit. Im Kontext durchaus stimmig und souverän, zudem eine gefällig-lockere Selbstreminiszenz.

Überhaupt gönnen Tocotronic der zärtlichen Unendlichkeit ohnedies viel eher ein großes Maß an Geduld, Tiefe und Fläche, Ruhe und Grandezza, entschleunigen, um in Gang zu kommen – das forciert die mittlerweile eklatante Stärke für ätherische, atmosphärische und stimmungsschwangere Elegiker gekonnt.
Der überragende Titelsong eröffnet so fantastisch relaxt, driftet dösend mit offenen Gitarren sowie einem dubbigen Bass, hat dieses transzendental groovende Element von The Good, The Bad and the Queen mit dem hypnotisch unangestrengten Stilbewusstsei von Pulp vermischt und wiegt sich dennoch immer wieder zu episch dröhnenden Wellenkämmen auf, bevor am Ende theatralische erhabene Streichern subtil strahlen – an dieses sich irgendwann verlierende Meisterstück kommt Die Unendlichkeit in weiterer Folge übrigens nicht mehr heran.
Tapfer und Grausam übernimmt dennoch gekonnt, gibt sich unangestrengt driftend und unwirklich. Die Band lässt den Fokus um den Pop bewusst unscharf und keineswegs dringlich in Sanftmut schwelgen. Bis uns das Licht vertreibt inszeniert lebhaft-elegant swingenden Loungepop samt nach vorne ziehenden Schlagzeug und einem geschmackvollen Piano – vielleicht eine Spur zu harmlos: Ein leidlich inspiriertes Solo sucht den Weg auf einen endlosen Horizont, findet aber nur The War on Drugs light.
Der nautischer Schwelger Ausgerechnet du hast mich gerettet ist opulent ohne pompös zu werden und bringt das klug balancierte musikalische Gespür der (vor allem in der zweiten Hälfte unheimlich homogen – eventuell gar ein wenig zu geschlossen – funktionierenden) Platte für nuancierte Zurückhaltung auf den Punkt, bevor Die Unendlichkeit über die milde gestimmte, definitiv zu gleichförmig erschöpfte Akustikballade Ich würd’s dir sagen in der verwunschen die Augen öffnenden Kammermusik-Pastoralität Mein Morgen sein eigentlich perfektes Finale findet: Reichhaltig ausstaffiert aber nicht überladen wächst diese Schönheit immer weiter, legt sich mit friedfertiger Größe in seine filigrane und doch so bestimmt inszenierte Erhabenheit, forciert eine behände Hymnik.

Dass Alles was ich immer wollte war alles danach noch Grönemeyer und Element of Crime ins Hotel California einziehen lässt ist demzufolge natürlich ein kaum notwendiger Appendix, scheitert jedoch im Grunde scheitert einzig daran, dass von Lowtzow kein Regener ist, sondern seine Liebe für Slogans eher wie eine mühsam hängen gebliebene Schallplatte erschöpft.
Und dennoch: Trotz dieses allgegenwärtig belastenden Mankos (und ungeachtet eines relativen Mangels an tatsächlich herausragenden Songs im Umkehrschluss zu einem runden, organischen Gesamtfluss) leidet Studiowerk Nummer zwölf im Gegensatz zum roten Album nicht unter etwaigen Totalausfällen (wie Die Erwachsenen).
Einzig 1993 hätte sich die Band doch gänzlich sparen können: Zwischen Vergangenheit und Moderne hantieren Tocotronic mit Autotune-Gesten und lenken damit relativ erfolgreich davon ab, dass die über ihre Orgel polternde Hüpfburg in ihrer leidlich inspirierten Simplizität zumindest live wohl durchaus ihren unterhaltsamen Reiz erzeugen können würde – wäre da nicht…eh schon wissen.
Fraglich besser als die komplett gaga augenzwinkernde englische (wenn auch ästhetisch durchaus stimmig-punkige) Umsetzungen 1993 AD: „1993 i came to wuppertal/ Some folks call it asozial„. Vielleicht aber auch nur ein smarter Kunstkniff, der die Grenze zur Persiflage mit vollem Anlauf überschreitet – hiernach nickt man von Lowtzows Ergüsse dennoch beinahe schon wieder wohlwollend ab.

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