Touché Amoré – Lament

von am 10. Oktober 2020 in Album

Touché Amoré – Lament

Lament ist vier Jahre nach Stage Four noch nicht das Licht am Ende des Tunnels für Touché Amoré, von Selbstzweifeln und Hoffnung begleitet zwischen angestammten Stärken und neuen Perspektiven aber wohl auf dem besten Weg dorthin.

Womöglich fasst keine andere der zahlreichen so zitierbaren Zeilen von Lament den Charakter dieser Standortbestimmung derart markant zusammen, wie wenn Jeremy Bolm fragt: „Is there a way to feel free/ Without being someone else?
Das fünfte Studiowerk der Melodic Hardcore Band aus Los Angeles ist (so zumindest die weitläufige, aber dubjektiv falsche Meinung) als Album nach dem Album nämlich eines, dass sich zwar nicht restlos unwohl in seiner Haut fühlt, jedoch zumindest mit der Rolle hadert, in die Stage Four gerade Bolm versetzt hat. Inhaltlich und auch inszenatorisch geschieht dies beispielsweise direkt in I’ll Be Your Host, einem musikalischen Standard, der jedoch einer subtilen Synthie-Schicht im zurückgenommenen Part der phasenweisen Einkehr Platz bietet, und hinter solch nuancierten Neu-Schattierungen die Auswirkungen der Vorgängerplatte auf die Person Bolm als öffentliche Leidensfigur zu reflektieren versucht: „I didn’t ask to lead this party, I explain/ I’ll float through your city, with my blinders up/ It’s not what I would have chosen/ It’s not what I want at all“.
Wie weitermachen, nach der Öffnung in den Indie-Rock, dem Katharsis-Konzeptwerk, der von Fans und Kritik gefeiertern Trauerarbeit, deren Konsens-Tragweite dann auch ein gutes Stück weit hemmend für Bolm war. Brett Gurewitz hatte dafür die passende Antwort: “ Nimm einfach ein gutes Album auf.

Über diesen Moment hinausgehend folgt Lament diesem umkomplizierten Ansatz im Gesamten, wagt den niemals unausgegorenen Spagat zwischen sich arrangierenden neuen Ansätzen und Altbewährtem (in gesetzter, weniger rasant und energiegeladen, dazu auch eingängiger und einfacher zugänglich), auch wenn diese relative Nonchalance letztendlich keinen Treppchenplatz in der Diskografie der Band einnehmen wird.
Dafür sind jene Phasen, in denen beinahe ausnahmslos die Trademarks des angestammten Sounds bedient werden, einfach nicht restlos auf Augenhöhe mit dem Material, das Touché Amoré auf …To the Beat of a Dead Horse (X), Parting the Sea Between Brightness and Me (2011), Is Survived By (2013) und Stage Four (2016) geliefert haben – nachzuhören in Exit Row, dem romantischen Savoring (in dem die Drums ausnahmsweise auch wieder einmal kurz mit Blastbeats austicken dürfen, ohne deswegen einen restlos aggressiven Biss zu erzeugen) oder auch dem mit schmissigen Refrain auftragenden Hit Deflector (das innerhalb der Trackliste deplatziert wurde, im Kontext des Albums allerdings dennoch besser funktioniert, als noch auf sich alleine gestellt vor einem Jahr). Lament bedient in diesen Nummern die Basis nämlich „nur“ so kompetent wie kompakt, so unspektakulär wie zuverlässig – und macht damit genau genommen nichts falsch, doch Euphorie will sich irgendwie keine einstellen.

Essentieller und interessanter, aber auch ambivalenter, sind hingegen jene Passagen, in denen die Stärken der Band nicht nur adäquat zusammengefasst sind, sondern Touché Amoré ihrem Gesamtwerk neue Facetten und Gewichte beibringen. Wofür auch dezidiert Ross Robinson (den man so wohl niemandem mehr vorstellen wird müssen) verantwortlich gemacht werden kann, dessen Klangästhetik ideal das Amalgam aus mit den Jahren immer melodischer gewordenen Tendenzen und einer immer noch rauen Direktheit der Frühphase verbindet.
Der Opener Come Heroine ist so etwa kein Baukasten, sondern ein Paradestück, dessen beschwörende Hymnik im atemlosen Spiel aus Dynamiken, Hooks, Geschwindigkeiten und Intensitäten quasi eine Steilvorlage und How ToTouché Amoré-Einstieg par excellence ist, durch seine verliebten Lyrics aber einen selten gehörten Optimismus in den frisch verlobten Bolm injiziert.
Im Titelstück poltert die Rhythmusabteilung grandios zügig, konturiert die fließende Arbeit an den Gitarren kernig: Jedes Instrument bekommt seinen Raum, doch Bass und Schlagzeug prägen viele Strecken, während Clayton Stevens, Nick Steinhardt und Bolm sogar in den Hintergrund abtauchen dürfen, die Gitarren einen nautischen-melancholischen, grandios unergründlichen The Cure-Schimmer über ihrem ambient-offenen Spiel haben, was Robinson so vom selbstbetitelten 2004er Album der Musiklegende in Erinnerung behalten haben muß.
Der Sound von Robert Smith und Tieftöner Simon Gallup speist dann auch Feign (das seinen Chorus besonders catchy hinter enorm prägnant hängen bleibende Texte und das Gaspedal drückt) sowie Limelight, welches aber natürlich primär durch den (im Gegesatz zu den im Gefüge aufgehenden Beiträgen von Justice Tripp und Julien Baker dominanten) Auftritt von Manchester Orchestra-Boss Andy Hull besticht, der als schön flächige Melancholie die in die Höhe strebende, kontrastierende Sehnsucht zum erst stillen, dann immer lauter werdenden Geschrei von Bolm bietet.
An dessen Pedal Steel-Abgang knüpft dann das ähnlich starke A Broadcast an, das mit countryesker Färbung und einem fein ausgelegten Postrock-Aufbau ruhig und bedächtig zum Ausbruch findet, inklusive unkitschiger „Ohohooo“-Chöre.

Nicht immer geht das expandierende Risiko zu noch mehr massentauglich Reibungspunkten jedoch auf. Gerade Reminders hat nämlich einen Chorus, der in seiner frontalen Mitsing-Zugänglichkeit beinahe bis in den Poppunk reicht, beim Erstkontakt in seiner Penetranz komplett abweisend und bestenfalls irritierend wirkt, nach spätestens dem fünften Durchgang im Gesamtwerk ausbalanciert aber doch einigermaßen funktioniert –  eben weil Touché Amoré etwas derartiges noch nicht im Repertoire hatten. Gewartet hat man auf diesen extrem hartnäckigen Ohrwurm (der interessanterweise wie die gesamte homogene Platte keine Identitätskrise zeigt!) wohl dennoch kaum, zumal sich das Stück gerade im Alleingang ohne bewährte Profiltiefe einfach zu rasch abnutzt.
Der Closer A Forecast beginnt dagegen als Piano-Ballade, quasi Condolences mit den Erkenntnissen von Benediction, doch erstmals in der Geschichte der Band überhaupt ist Jeremy Bolm hier die Schwachstelle einer Touché Amoré -Nummer. Was nicht am Klargesang der Eingangspassage liegt, sondern ausgerechnet an den ansonsten so emotional wie immer treffenden Lyrics. Zwar ist es eindrucksvoll, wenn sich Bolm erst politisch so explizit und radikal wie wohl seit WeHateFredPhelps.com nicht positioniert („I’ve lost more family members/ Not to cancer, but the GOP/ What’s the difference?/ I’m not for certain/ They all end up dead to me“), doch ist die darauf folgende Befindlichkeitsanalyse trotz selbstreferentieller Entwicklungsdemonstration einfach viel zu cheesy aufgelöst („I’ve healed more than suffered/ I found the patience for jazz/ I still love the Coen brothers“) – ganz zu schweigen davon, dass man es grundsätzlich verabscheuen kann, wenn sich ein Song kurzerhand eigenständig als solcher demaskiert („So here’s the record closer/ Still working out its intent/ I’m not sure what I’m after/ But it couldn’t go left unsaid“).
Dass A Forecast danach relativ vertraut zu Ende geführt wird, steht dann durchaus symbolisch für die Crux einer Platte, die, wenngleich in sich geschlossen, nicht in letzter Konsequenz dorthin geht, wo es wirklich wehtut, und als gefühltes Übergangswerk ein Novum in der Diskografie von Touché Amoré darstellt. Das von Gurewitz empfohlene gute Album Lament ist damit vielleicht ein latent enttäuschendes, aber gemessen an der grundlegenden Klasse der Band nichtsdestotrotz noch ein sehr gutes geworden.

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