Von Spar – Streetlife

von am 4. November 2014 in Album

Von Spar – Streetlife

Und sie erwischen einen schon wieder am falschen Fuß: Von Spar erfinden unter Zuhilfenahme von schwerelosem Softrock, elektronischem Pop und nostalgischem Captain Future-Soundgewand auf ‚Streetlife‚ den unaufgeregt-tanzbaren Krautrock für die Disco.

Als man die chronisch unterpräsenten Kölner das letzte Mal gesehen hat, lieferten sie dem Ex-Pavement Slackerking Stephen Malkmus das Rüstzeug, um das Can-Album ‚Ege Bamyasi‚ in Gänze zu covern.  Die darauf zelebrierte Kraut-Perfektion ist wie auf den beiden direkten Vorgängeralben ‚Foreigner‚ und ‚Von Spar‚ nun auch im reduzierteren Maße auf ‚Streetlife‚ auszumachen und speist die bisweilen stoische Rhythmusarbeit der Platte in ihrem markig dahinlaufendem Groove, nachzuhören etwa auf der proggig ausgedehnten Odyssee ‚Ahnherr der Schwätzer‚, der die Errungenschaften der frühen deutschen 70er-Jahre kurzerhand in die Disco umleitet. Kein Exot im Kontext, denn vor allem gilt auf dem erst vierten Studioalbum in zehn Jahren die uneingeschränkte Freiheit der künstlerischen Grenzenlosigkeit: ‚Streetlife‘ schlängelt sich wie unter Hypnose durch allerlei stilistische Straßenecken, verleibt sich als Amalgam mühelos Genre um Genre ein und wird erst an zweiter Stelle von der immer wieder auftauchenden Stimme von Marker Starling/Ex-Mantler-Mann Chris Cummings‘ zusammengehalten – an erster vom Songwriting.

Chain of Command‚ beginnt da mit den Gästen Cummings und Ada als schillernd tänzelnder, sanft stampfender Electro-Pop in Reinform, der mit schwerelosen Pianotupfern ein anachronistisches Gefühl eines lange bekannten alten Klassikers beschwört und gefühlvoll in Neonfarben gehüllt mit geschlossenen Augen durch den Sonnenschein bis in eine weiche Abenddämmerung hineintanzt. ‚Breaking Formation‚ übernimmt nahtlos entspannt als Phoenix-artiger Synthie-Ohrwurm und endet ungefähr dort, wo Justin Vernon immer wieder mit seinem Vocodergesang hinmöchte, hat dabei aber sogar noch Platz für ein schwelgendes Saxofon im Strandpornoszenario.
Hearts Fear‚ bremst ‚Streetlife‚ als ätherischer Streifzug durch ein Paralleluniversum der  80er aus, in dem James Blake und Konsorten dem Dubstep Beruhigungsmittel verabreicht haben, bevor Scout Niblett durch das Drummaschinen-gestriebene, psychedelische Spacerockdelirium ‚V.S.O.P.‚ mit all seinen futuristischen Effekten driftet. ‚Try Though We Might‚ verneigt sich mit Pascall Schäfer als romantischen Bläser elegant vor der in sich ruhenden Anmut von Air, als schmeichelweich schmusender Softpop. Der thrillerhaft dahinlaufende Keybardscore von ‚Duvet Days‚ schielt danach mit zaghaften Gitarrenlicks als Entsprechung des Albumcovers zu Giorgio Moroder und dem Midnight Express, ganz so, wie man sich vor 30 Jahren die Zukunft ausgemalen hat, oder, als wäre Kavinsky’s Sci-Fi-Kitsch Realität und The Warriors eine waschechte Dokumentation mit der Ästhetik von Drive gewesen. Das abschließende ‚One Human Minute‚: eine triumphal-zwingender Funk-Hüftschwung zwischen Daft Punk und den Bee Gees.

Das mag sich manchmal gar zu gedankenverloren in seine eigenen Soundwelten verlieren, oder auch nur so wirken, weil ‚Streetlife‚ gerade in seinen griffigsten Momenten am zwingendsten, nachhaltigsten und erfüllendsten seine Stärken ausspielt. Der eigentliche Clou an der Sache ist aber vielleicht ohnedies der geradezu paradoxe, das Von Spar‘s 2014er-Exkursion trotz seiner Vielschichtigkeit mit einem durch und durch schlüssigen Albumverlauf aufwartet, all seine Transformationen ohne Nahtstellen durchläuft und zu einer stimmigen retrofuturistischen Reise wird, die das Kopfkino ankurbelt und kaum stillsitzen lässt, aber hinten raus dennoch in seine Einzelteile aufgesplittet am wirksamsten auftrumpft. Restlos schlau hinterlässt einen ‚Streetlife‚ eben nicht – aber dafür irgendwo abhängig. Weswegen das Gefühl bleibt, auch das vierte Album der Band erst mit gebührendem Anstand (hoch genug) einschätzen zu können. Bis dahin bleibt eine atmosphärisch faszinierende Platte, die ihre eigene Zeitrechnung zu haben scheint (und deren Ausstrahlung von Sebastian Blume selbst am prägnantesten umrissen wurde); auf der Von Spar das Heterogen kunstfertig homogenisieren und dem Krautrock gewissermaßen seine eigene kleine Nische im Electropop freischaufeln, ohne all die benutzten Zutaten an den Mechanismen ihrer Genre-Ursprünge aufzuhängen.

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