Wintersleep – The Great Detachment

von am 13. März 2016 in Album

Wintersleep – The Great Detachment

Es wird ja nur zu gerne reklamiert, dass es für Wintersleep nach ‚Welcome To The Night Sky‚ auf den beiden nachfolgenden Veröffentlichungen merklich bergab ging. Vielleicht klingen die Kanadier 2015 ja deswegen so, als würden sie erstmals gar nicht erst versuchen wollen gegen den langen Schatten ihres Meisterwerks anzuspielen und stattdessen ihr Glück in der kurzweiligen Zugänglichkeit des Augenblicks suchen.

Richtiger ist wahrscheinlich, dass man dem sechsten Studioalbum von Wintersleep einfach anhört, dass die Band nach ‚Hello Hum‚ aufgrund unglücklicher Fusionsumstände plötzlich ohne Plattenvertrag da stand und auch der langjährige Manager entlassen wurde. Für das federführende Trio Paul Murphy, Loel Campbell und Tim D’eon kein Scherbenhaufen, sondern vielmehr ein Befreiungsschlag von Altlasten, den man nutzte um ohne Druck an ‚The Great Detachment‚ arbeiten und so lange an Details zu feilen, wie man wollte. Genau diese ungezwungene Form des zutiefst motivierten Optimismus, der unangespannten Leichtigkeit im Tatendrang und einer friedvollen Zuversicht strahlen die nahezu ausnahmslos in freundliches Dur-Licht gebadeten 46 Spielminuten nun aus.
Schon der Opener ‚America‚ heult da wie eine in Schüben polternde Arena-Annäherung an die Sonnenseite von ‚Where Is my Mind‚, Handclaps inklusive. Warum da im Pressetext dennoch die Rede von einer introvertierten Platte die Rede ist, bleibt hingegen auch in weiterer Folge ein Geheimnis. Viel eher ist das Gegenteil der Fall: Soundtechnisch weicher, in den Strukturen zugänglicher und in der Gangart direkter waren Wintersleep bis dato wahrscheinlich noch nie. Ihr Händchen für zündende Melodien spielt die Band nämlich zumeist direkt nach vorne gehend aus, werkt so an einem auf die ersten Durchgänge frohlockend ausgelassenen Werk – denn der Albumfluss erscheint zumindest über eine gewisse Eingewöhnungszeit regelrecht irritierend sprunghaft.

Das leicht auszurechnende ‚America‚ ist nämlich in vielerlei Hinsicht typisch für die direkte Ausrichtung von ‚The Great Detachment‚, allerdings eben nur bedingt in stilistischer Hinsicht – wirkt es doch so, als wären Wintersleep sich ohne Vorgaben von außen nicht immer daran interessiert ihre Songs in eine stringente Spur zu bugsieren, eine klare Linie außerhalb der Metaebene zu zelebrieren: Das flotte ‚Santa Fe‚ setzt etwa auf retrofuturistisch Stimmeffekte in der Strophe (da sag noch jemand, die Band wage nichts Neues!), bevor der Chorus dann einen umarmend schmissigen Singalong der Superlative zündet, in dem jede subjektive Distanz mit infektiöser Spielfreude mitten hinein in die Gehörgänge platzt. Das stacksende ‚Lifting Cure‚ flirtet dagegen mit schillerndem Bee Gees-Falsett, bevor Wintersleep wie selbstverständlich mit epischen Bausteinen zu arbeiten beginnen. Am anderen Ende der Platte trifft hingegen das mir Rush’s Geddy Lee weit ausholende ‚Territory‚ auf ‚Who Are You‚, das als Americana-Pop mit viel Harmonie und einem breiten Lächeln etwas harmlos die schwächelnde Klammer um das Album schließt.
Dass Wintersleep kurz davor mit Upbeat-Zeremonien samt Backingchören (‚Freak Out‚) und nostalgisch zur Disco stampfenden Kaleidoskopen, die ihre Liebe für Die Unendliche Geschichte nicht verbergen wollen (‚Love Lies‚) noch die straightere Gangart der Platte auf die Spitze treiben, unterstreicht einerseits das unrund anmutende, sich mittig zuspitzend in die Breite gehende Gesamtgefüge von ‚The Great Detachment‚, installiert vor allem aber auch die nicht unbedingt richtige Ansicht, es beim sechsten Studioalbum der Kanadier mit einem weniger gewichtigen, seine Vorzüge gar zu schnell Preis gebenden Sammelsurium an Ohrwürmern zu tun zu haben.

Und es stimmt schon: Im Indierock von Wintersleep steckt 2015 mehr Pop und funkelnde Synthesizer, mehr zugänglich gemachte Schönheit an der Oberfläche und auf den ersten Blick weniger Kanten im Songwriting darunter. Weniger Gänsehaut, dafür mehr potentielle Hits – unmittelbar wie seinerzeit ‚Oblivion‚, oder eben wie heute die hell umarmende Freundlichkeit von ‚Spirit‚: ein gut gelaunter Umzug mit Gitarren, die auch dem jungen The Edge gefallen hätten und eine vereinnahmende Mitsingnummer, die den inneren Dämonen mit absoluter Zuversicht begegnet: „I know everything dies„. Gerade im Mittelteil läuft die Band dann ohnedies zur absoluten Hochform auf: Allerspätestens über ‚More Than‚ findet ‚The Great Detachment‚ seine Persönlichkeit, wenn der wavig entspannt dahinlaufende Rocker mit Synthieflächen und markantem Bass sich in puren, liebenden Wohlklang träumt. Und justament wenn sich Langeweile in die schimmernde 80er-Atmosphäre zu schleichen droht und der angedeutete Exzess sich als falsche Fährte entpuppt, kuscheln sich Wintersleep kurzerhand noch gefälliger in einen zum Gospel verschwimmenden Song voller Seelenbalsam.
Noch besser und schlichtweg überragend: ‚Shadowless‚. Insgeheim wohl der charakterisierende Mottosong der Platte: Behutsam und gemächlich baut das Quintett einen erhabenen Folksong auf, der seinem Höhepunkt zusteuert und ohne Aggressivität explodiert, wie ein strahlender Sonnenaufgang, und danach mit endloser Geduld abebbt. Kaum weniger schön gelingt ‚Metropolis‚, das sich zuerst als skelettiertes Update zu ‚Nothing Is Anything (Without You)‚ maskiert, nur um sich dann mit weiten Spannungsbögen zum dramatisch-monomentalen Manifest auszuwachsen.

Neben dieser am deutlichsten in die Tiefe gehenden Hochphase ist es jedoch letztendlich mehr als alles andere der grandiose Sound, der ‚The Great Detachment‚ eint und zusammschweißt, nach und nach doch noch als gar nicht so zerfahrene Angelegenheit durchaus homogen wachsen lässt. Die Produktion wieder alleine Tony Doogan zu überlassen (nachdem ‚Hello Hum‚ unter dem Einwirken von Dave Fridman ja mit einigen wenig förderlichen Entscheidungen ausgesetzt war) war goldrichtig, noch besser aber die Entscheidung wieder live und als Einheit im Sonic Temple Studio in Halifax aufzunehmen: ‚The Great Detachment‚ klingt organisch, heimelig und kraftvoll, vielschichtig und wärmend, atmosphärisch weitläufig und dennoch kompakt auf den Punkt gespielt, schürt eine transparente Energie mit viel Raum und Dichte.
Noch besser wäre das sechste Studioalbum der Band zwar wohl dennoch gewesen, wenn diese Dynamik auch bewirkt hätte, dass die eklatante Trennlinie zwischen schnelleren und langsameren Songs weniger strickt ausgefallen wäre, wenn die Verläufe und Grenzen zwischen den Ausrichtungen ähnlich fließend formwandeln hätten dürfen wie es zahlreiche Nummern der Band in der Frühphase der Band durften.
Doch mag das weniger ausschweifende Songwriting diesmal auch stromlinienförmiger in Schüben und kaum achterbahnartig überraschend agieren: Wintersleep erlauben sich weiterhin keine ansatzwweise schwache Nummer, liefer Glanztaten und verschreiben sich eine revitalisierende Frischzellenkur, frönen einer catchier zündenden Rock-Leichtigkeit mit offensiven Unterhaltungswert und rücken darüber hinaus die Begleitumstände wieder ins richtige Licht. Die kurzweiligste Platte der Bandgeschichte  markiert damit sowohl einen Neuanfang und doch auch eine Rückbesinnung auf alte Stärken, könnte damit den Weg für neue Sternstunden ebnen – sollte  aber bereits jetzt aber endlich und mühelos die Unkenrufe verstummen lassen, dass Wintersleep nach ‚Welcome to the Night Sky‚ ihr Pulver verschossen hätten.

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