Wrekmeister Harmonies – The Alone Rush

von am 19. April 2018 in Album

Wrekmeister Harmonies – The Alone Rush

Als würde ein Hybrid aus Nick Cave, Tom Smith und Ian Curtis mit Bariton-Grabesstimme zu einer Totenmesse sinieren, die zwischen den ambienten Dark Folk-Freiräumen der Swans, ätherischen Earth– Kammermusik-Suiten und Menuck-Postrock-Klangwelten treibt: JR Robinson erfindet Wrekmeister Harmonies mit The Alone Rush einmal mehr ein Stück weit neu.

Im Grunde setzt das sechste Studioalbum des losen Bandgefüges auch den Verdaulichkeitsprozess fort, der im steten Mutationsprozess bereits bis zum formidablen 2016er Werk Light Falls zu beobachten war.
Auf The Alone Rush bestehen Wrekmeister Harmonies personell (bis auf die sparsame Schlagzeugarbeit und Klarinettenbeiträge von Intimus Thor Harris sowie dem Input von Produzent Martin Bisi) erstmals nur noch aus der Kernbesetzung JR Robinson und Esther Shaw, die ihr Stilamalgam diesmal abseits der vertrauten Pfade in Chicago wachsen lassen musste: Ein Todesfall samt damit verbundener Obsorgepflichten machte es für das Paar unumgänglich, sich knapp zwei Jahre in Astoria, Oregon zu isolieren – dabei konzentrierten sich die beiden alleine auf die Pflege eines Familienmitgliedes und versuchten zudem eigene seelische Wunden zu heilen.
Man hört The Alone Rush diese um sich selbst zirkulierende Trauerarbeit nun an: Wreckmeister Hatmonies haben eine abgekämpfte, traurige und phasenweise elegisch resignierend nachdenkliche Platte aufgenommen, die nur selten aufbegehrend absolut würdevoll in sich ruht.

Geduldig verwobene, strukturell aufgelöste Kathedralen rund um ein minimalistisches Instrumentarium (undefinierbar tröpfelnde Pianonoten und Hall, vereinzelte Percussion, lose Gitarrenfiguren und Synthiespuren oder vor allem Shaws an Warren Ellis im Score-Modus erinnerndes Violinenspiel) formen nunmehr das Wesen von Wreckmeister Harmonies. Doch ist der instrumentale Rahmen – ansonsten ja das primäre Ausdrucksmittel der Band – diesmal aber vor allem der Resonanzraum für eine durchaus ungewohnte Prägung. Der Fokus von The Alone Rush liegt auf Robinsons Stimme und seinen Texten; einem  unaufgeregten Erzählen und Reflektieren, das sich mit grollend unverrückbarer Melancholie vor der Musik ausbreitet.
JR Robinson speist seine mystischen Lyrics aus Texten wie The Age of Loneliness is Killing Us, Lincoln in the Bardo oder  A Brief History of Seven Killings und muss sich dabei vielleicht den Vorwurf gefallen lassen, um eine Spur zu plakativ mit stereotypen Mustern zu arbeiten. Dafür entfaltet sich das in sich geschlossene Klagemeer The Alone Rush in assoziativer Nähe zu unpoppigen Ambient-Konturen einer Nick Cave-in-Humorlos’esken Archaik umso dichter in seiner Atmosphäre: Robinson zeichnet enorm bildhafte Szenen.

Es braucht deswegen auch nicht viele Momente, in denen The Alone Rush musikalisch oder hinsichtlich der Intonierung aus seiner absolut meditativen Gangart fällt; es gibt kaum Szenen, in denen Robinson und Shaw der zutiefst nachdenklichen Stimmung ekstatische oder impulsive Ausbrüche gönnen würden. Die sechs nahtlos verwobenen Songs forcieren spannungstechnisch auch keinen konventionellen Climax, lösen ihre Wirkungsfelder eher ineinander fließen auf.
Im homogenen Gesamten ist da etwa höchstens der spitze Schrei, der das ansonsten weitestgehend ruhige, von Harmonikaschwade durchzogene Behold! The Final Scream durchbricht, bevor Wrekmeister Harmonies das Teilstück vage hin zum dröhnenden Rock ausrichten, eine unwirkliche Wucht mit gothischer Patina hämmern lassen. Descent Into Blindness begehrt nur kurz feedbackaffin polternd auf, verdichtet die Intensität zu nebulösen Swans, beruhigt sich aber schnell wieder.
Oder der hin zur psychojazzigen Lost Highway-Bläser-Kakophonie schielende Part im Herzstück Forgive Yourself and Let Go (übrigens auch das einzige Mal, dass die in jeder Hinsicht kompakter werdenden Wreckmeister Harmonies bei einer ihrer Kompositionen diesmal die Zehnminutengrenze überschreiten), der aber im Grunde als reinigende Konzentration im Drone zu verstehen ist, bevor das Duo den Song mit stellar schimmernder Transzendenz in sphärische Kosmen schickt. Drumherum bauen Wreckmeister Harmonies ein Gefüge, dass Robinson oft tief brüten lässt, während Shaw engelsgleich in den Arrangements darüber schwebt. So gebiert die Band ein tröstendes Gebilde, dass ohne Verzweiflung über die Depression zur Schönheit findet.
Insofern mag The Alone Rush zwar aus der Isolation heraus entstanden sein – es könnte aber das Album sein, das Wreckmeister Harmonies endlich auch einem größeren Publikum zugänglich machen wird.

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