Yeasayer – Amen & Goodbye

von am 17. Mai 2016 in Album

Yeasayer – Amen & Goodbye

Yeasayer haben ihr viertes Studioalbum trotz aller Schwierigkeiten zwar in trockene Tücher gerettet, schalten dafür aber ohne die gewohnte Raffinesse immer wieder auf forcierten Autopilot: Amen & Goodbye funktioniert zu oft seiner forcierten Pop-Zugänglichkeit  über zu weite Strecken nur als oberflächlich zurechtgemachtes Stückwerk.

Das Dilemma hinter den Aufnahmen zum demonstrativ aufgeweckt aus den Boxen sprudelnden Amen & Goodbye kann man nur noch als Hintergrundrauschen in Gerson’s Whistle erahnen: Yeasayer zogen sich auf eine abgelegene Farm im Nirgendwo von Upstate New York zurück, um erstmals ein Album live als Band einzuspielen – nur um dann zusehen zu müssen, wie ein Großteil der aufgenommenen Tapes durch ein das Dach des Gebäudes zerstörendes Unwetter beschädigt wurde.
Doch Yeasayer waren noch nie um Kunstkniffe verlegen – auch wenn dafür diesmal notgedrungen der Spaß ein wenig auf der Strecke bleiben musste und die harte Arbeit in den Vordergrund rückte. Was an Material gerettet werden konnte, ließ das Trio aus Brooklyn schließlich von Joey Waronker zu zehn Songs und 3 Zwischenstücken zusammenbasteln, die mit aufflackernden World Music-Versatzstücken zwar wieder eindeutigere Reminiszenzen an das unerreichte Debüt All Hour Cymbals wecken, jedoch in erster Linie den undefinierbaren synthetisierten Genre-Amalgam-Weg der beiden direkten Vorgänger Odd Blood und Fragrant World fortsetzt – nur dass die Band den Pop in deren DNA deutlicher herausarbeitet.

Nach dem fein psychedelisch in die MGMT-60s-Schiene einbiegenden Stimmungsbarometer Daughters of Cains, zelebriert der nahtlose Übergang in den tollen Ethno-Indie des mit Schieflage auftrumpfenden I Am Chemistry als Best of-Kandidat so gleich eingangs den Schulterschluss zwischen den drei bisherigen Yeasayer-Studioalben. Und unterstreicht einmal mehr: aus dem Kontext hervorstechende Einzelsongs kann diese Band. Und das, obwohl der zum Jam ausufernde Pop-Trip nicht zu konventionell aufgelöst wird, sondern plötzlich ein Chor samt flapsigen Piano um die Ecke biegt.
Das leichtgängig hinten nach geschobene Silly Me ist sogar noch mehr typischer Yeasayer-Hit: catchy, schillernd, tanzbar und flippig. Und dennoch will sich in der vitalen Feier keine unbedingte Euphorie einstellen, klingt die Single doch forcierter und belangloser als bisher, weniger mitreißend und ansteckend. Die Leichtigkeit wirkt angestrengt, die Ausgelassenheit in ein Korsett gesteckt und trotz geschickt platzierter Bläser bleibt das Gefühl es mit 0815-Stangeware aus dem gleichgeschaltenen Bandkatalog zu tun zu haben.
In Natura erweist sich Amen & Goodbye in weiterer Folge generell als ernüchterndes Kompromisswerk mit latenten Anbiederungstendenzen, das theoretisch alle Trümpfe auffährt, die man sich als Fan an sich nur wünschen kann, praktisch aber regelrecht gallig ein Sammelsurium aus Trademarks bedient, das diesmal einfach keine schlüssig zwingenden Song fühlen lässt. Als hätte die Band ihre Kompositionen diesmal eben nicht zu gleichen Teilen aus Herz, Hirn und Bauchgefühl heraus gezirkelt, sondern nur mit dem Verstand die Faszination der Vorgänger beinahe analytisch zu rekonstruieren versucht.

Yeasayer lenken ihre schrullige und fesselnden Eigenwilligkeit zugänglicher hin zum offensichtlicheren Pop, als es dem oberflächlicher gewordenen, weniger gewitzt auftrumpfenden Songwriting wahrscheinlich gut tut  und mäandern so um beliebig bleibende Ohrwürmer, die es dem Hörer wohl deutlich einfacher machen als der Band selbst. Mindestens ebenso gravierend ist auch, dass Amen & Goodbye ab spätestens der Hälfte der Platte immer öfter wie ein erzwungenes Patchwork halbgarer Ideen im zerschossenen Songfluss anmutet.
Half Asleep platziert sich angenehm als obskures Gemeinschaftserlebnis zwischen Weltmusikchoral und Mittelalter-Reigen, während das überdrehte Dead Sea Scrolls die funky Party mit Freejazz-Einschlag probt, aber eben nicht so spannungsgeladen enthusiastisch entlässt, wie das am Reißbrett erdacht wurde. Divine Simulacrum entpuppt sich dagegen als eine einzige zerfahrene Songbaustelle, die ihr Hip Hop-Gerüst nicht reizlos von Vampire Weekend zu den Dirty Projectors zu spannen versucht. Bezeichnend jedoch, dass die ziellos verschraubte Fingerübung inmitten zweier unnötiger Interludes zwischengelagert ist: Was theoretisch gut gedacht ist, sorgt praktisch gähnende Längen im Potemkinschen Dorf.

Noch frustrierender nachwirkend gelingt der Band ein ähnlicher Kuhhandel beim Abgang der Platte: das an sich durchaus tolle Cold Night kann sein volles Potential nie restlos abschöpfen. Und gerade wenn der Song doch noch die Kurve in Richtung Sonnenaufgang im Herzen kriegt, ist plötzlich Schluss. Was insofern noch enttäuschender ist, weil der abschließende Titelsong sich als vollständig sinnlos platziertes, uninteressant plätschernd entlassendes 50-Sekunden-Gedümpel verabschiedet. Wenn der markante und eigentlich durchaus unterhaltsam fordernde Sound dieser Band tatsächlich ohne jeden Eindruck hinterlassen könnte – hier tut er es.
Dabei nutzen Yeasayer ihre Klasse auch auf Amen & Goodbye immer noch für einige herausragende Momente, die die angestrengte Ernsthaftigkeit im verkrampften Gang der restlichen Platte ausstechen: In Gerson’s Whistle schmiegen sich Beatles-Harmonien mit viel Groove an Melodien, die auch fabelhaft auf All Hour Cymbals gepasst hätte, während Prophecy Gun entrückt liebliches Durchatmen den Weg für das betörende Uma als intimes Highlight ebnet, in dem die Band in die vertraulichen Schönheit einer Ballade taucht.
Das bestärkt auch das Gefühl, dass sich Amen & Goodbye  in gewisser Weise ein ähnliches Schicksal mit der jüngsten Platte der Forscherkollegen Animal Collectives teilt, steht am Ende doch auch hier eine Platte, für die man der Band zu keiner Sekunde böse sein kann – die aber durchaus die Frage aufwirft, ob nicht auch Yeasayer ihren Zenit mittlerweile in Richtung Souveränität überschritten haben.

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