Cloud Nothings – Life Without Sound

von am 3. Februar 2017 in Album

Cloud Nothings – Life Without Sound

This record is like my version of new age music. It’s supposed to be inspiring.” erklärt Dylan Baldi und verortet gar einen gewissen Optimismus hinter Life Without Sound. Tatsächlich bedeutet dies allerdings auch, dass Cloud Nothings erstmals in ihrer Geschichte mit angezogener Handbremse agieren. Nach anfänglicher Ernüchterung zeigt sich jedoch, dass dies gar nicht unbedingt eine schlechte Sache sein muss.

Gut – dass Baldi die Zügel bei Cloud Nothings nach dem in seiner Spielwut so überschäumenden Here and Nowhere Else ein weiteres Mal anziehen würde, war dann irgendwie ohnedies unwahrscheinlich, so dringlich sich die Dinge nach der Bandwerdung mit Attack on Memory bereits zugespitzt hatten. Die Art und Weise, wie Life Without Sound nun allerdings den Fuß vom Gaspedal nimmt, gleicht dann auf den Erstkontakt doch einer mittelschweren Enttäuschung: Cloud Nothings haben die Kratzbürstigkeit und nahezu alle Spurenelemente des Noiserock aus ihrem Sound verbannt, klingen nun weniger trotzig und bissig, weniger ruppig und hart – dafür aber versöhnlicher und zahmer, dazu darauf eingestellt, eine größere Zuhörerschaft vor gewachsenen Bühnen bespielen zu können.

Da kann man sich dann durchaus darüber ärgern, wie vermeintlich generisch sich manche Songs bewegen, wenn sich Cloud Nothings zu gemütlich an den wie immer hochinfektiösen Refrains festhaltend suhlen (was dann beispielsweise im komplett übersättigend seine einzelnen Parts wiederkauenden Internal World gipfelt, das trotz seiner Beliebigigkeit geradezu penetrant mit der Brechstange an seiner Eingängigkeit arbeitet), oder dass Produzent John Goodmanson Life Without a Sound offenbar eine ziemlich lebloser, zumindest aber glattere und poppigere Produktion verpasst hat, die die immer noch in dunkler Teenage Angst schwebende Brachial-Poesie von Baldi nicht derart giftig explodieren lässt, wie Steve Albini und John Congleton dies inszenierten.
Um vorauszugreifen: Der Teufel steckt diesmal eben im Deatil. Und ähnlich wie bei der aktuellen Japandroids-Gewichtverlagerung, dem so ähnlich veranlagten Near to the Wild Heart of Life wird auch Life Without Sound nicht derart bedingungslosen Enthusiasmus auslösen wie seine Vorgänger, versteht es aber mit verschobenen Facetten und variablerer Aufstellung erfolgreich über die Hintertür kommend einerseits das Repertoire der Band nachhaltig zu erweitern, andererseits ein Songwriting zu hofieren, dass es auch ohne die typisch ungestüme Gangart  seine Stärken abzurufen versteht.

Der Opener Up to the Surface baut sich da langsam über einer einleitenden Klaviermelodie auf und bringt die Platte zögerlich in die folgende Spur, indem er eher leger strahlend in die Breite geht, anstatt die Zügel nur nach vorne anzuziehen. Im Verbund mit dem mittlerweile fix im Gefüge angekommenen Chris Brown streunen die zwei Gitarren dafür klarer und melodischer, wenn sich das Geschehen verdichtet, walzt der Druck nicht mehr alles nieder. Gefühlvoller geht nunmehr durchaus in Ordnung, da muss man nicht gleich alles in Trümmer rocken. Things Are Right With You ist danach so ein typischer Hit der Band, dem man sich kaum entziehen kann, aber ohne jedwede Aggressivität dargeboten. Dafür flirten Baldi und Co. gar kurz mit einem hymnischen Szenario, wenn erhebende Backingchöre in die sich aufbauende Spannung kriechen, aber die Gefälligkeit selbst über dem nachdrücklichen Finale steht.
Dass diese Entwicklung hin zur Verträglichkeit keine ausnahmslos schlechte Idee ist, zeigt sich hingegen nicht nur durch variabler verankerte Kompositionen mit ihrer allgegenwärtig verinnerlichten Meancholie und einen gesanglich flexibler denn e singenden Baldi, sondern im Detail auch in Schönheiten wie dem gemächlich treibenden, seine Krallen immer nur kurzzeitig aufblitzen lassenden Enter Entirely – oder noch besser im schier großartig harmonisch verspielten Modern Act.

Zudem gibt es sie ja auach immer noch diese Momente, in denen Cloud Nothings sich hemmungsloser und weniger kontrolliert präsentieren – es haben sich nur die Nuancen verschoben. Darkened Rings poltert etwa regelrecht punkig, täuscht den Exzess an, zieht sich doch zurück und spuckt seine Riffs und Hooks über dem zwingenden Rhythmusteppich dann doch wieder angenehm energisch aus. Sight Unseen injiziert eine ungekannte Zärtlichkeit über den pressenden Verlauf und leuchtet bekannte Trademarks mit so subtilen wie effektiven (auch frustrierend, weil nicht die ultimative Erschöpfung suchenden) Mittel neu aus, bevor Life Without Sound gegen Ende hin ohnedies noch seine Ungemütlichkeit offenbart.
Das abschließende Realize My Fate poltert stoisch mit dem auf die letzten Meter doch noch wiedergefundenen Hang zum Noise hin zum malträtierenden Gebrüll, in Strange Year wuchtet das Quartett sich so schwerfällig angepisst durch seinen Indierock, dass mit einem Schlag klar wird, dass Goodmanson neben Nada SurfLos Campesinos! oder Death Cab for Cutie eben auch solche ungemütlich-catchy daherkommenden Kaliber wie Sleater Kinney, The Blood Brothers oder vor allem Unwound produzierte – und für Life Without Sound mit dieser vielseitigen Basis im Rücken auf einen sich schichtweise freilegenden Sound gesetzt hat.
Das deswegen mit Fortdauer immer stärker werdende, aus dem mediokren Midtempo emporsteigende Life Without Sound mag damit vielleicht nicht derart spannend zünden wie seine beiden Vorgänger, gerade auch im bandeigenen Kontext nicht derartig überagend aufzeigen. Neben seinen bestehenden Qualitäten wird das vierte Studioalbum der Gruppe aus Ohio als die Erwartungshaltungen untertauchender Grower aber wohl vor allem auch helfen, die Dinge auf lange Sicht nicht abstumpfen zu lassen.

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