David Bowie – Blackstar

von am 16. Januar 2016 in Album, Heavy Rotation

David Bowie – Blackstar

Mit der Vergangenheit hat er auf dem nostalgischen Comeback ‚The Next Day‚ seinen Frieden geschlossen und damit die Freiheiten geschaffen, um sich auf ‚Blackstar‚ ein letztes Mal neu zu erfinden – oder mehr noch, endgültig alle Grenzen zu überschreiten: Während der Welt die Genies ausgehen, zelebriert David Bowie sein finales Kunststück, wahrscheinlich sogar ein überragendes Konzeptalbum über seinen eigenen Tod.

So schockierend unerwartet die Nachricht über den am Vortag dem Krebs erlegenen David Bowie am Montag, dem 11.01.2016 weltweit einschlug, so sehr scheint er selbst auf sein baldiges Ableben explizit und implizit hingewiesen zu haben: Das 25. und letzte Studioalbum strotzt gefühltermaßen vor Verweisen auf das nahende Ende der Ausnahmeerscheinung, fokussiert die Vergänglichkeit, was darüber hinaus kommen und was zurück bleiben mag.
Look up here, I’m in heaven/ I’ve got scars that can’t be seen/…/Oh, I’ll be free/ Ain’t that just like me?“ treibt er mit klagender Stimme im bedrohlich-beruhigt die abgründige Synthie-Ballade gebenden ‚Lazarus‚ mitsamt bedeutungsschwanger in die Zukunft blickenden Gitarren, traurigen Bläsern und schwermütigem Video; jede Zeile und jedes Bild des unheilvoll getriebenen Titelsongs zu dekodieren könnte Bücher füllen; und spätestens wenn Bowie im tranceartig aufstoßenden, stoisch-schimmernden Stakkato-Polari/Nadsat/Outside-Groover ‚Girl Loves Me‚ (dem etwas hüftsteif stacksenden Schwachpunkt der Platte, nichtsdestotrotz) unablässig „Where the fuck did Monday go?“ fragt, bleibt einem jedes Mal der Kloß im Hals stecken.

Das pünktlich zu seinem 69. Geburtstag veröffentlichte ‚Blackstar‚ – oder eigentlich: ‚★‘ – losgelöst von den Eindrücken des Ablebens des Engländers zu hören, war gerade einmal zwei Tage möglich; und es scheint eben, als hätte Bowie (ungeachtet entgegensprechender Interviews) selbst nur zu akribisch geplant (und gewusst?), dass es angesichts seines Gesundheitszustandes auch nie gravierend anders beabsichtigt war.
Something happened on the day he died/ Spirit rose a metre and stepped aside“ singt er im eröffnenden Titelsong, einem mystisch in den Orient blickenden Fiebertraum  und triphoppiger Chant (Über Major Tom und damit sich selbst etwa? Den Krebs? Oder referentiell an Elvis gerichtet? Gar über ISIS? Fest steht nur: Bowie’s Vermächtnis bleibt von der ersten Sekunde an auch ein multimediales Mysterium, das lyrisch auf zahlreichenen Ebenen zu funktionieren scheint) mit Wende in den Ambientsektor, der audiovisuell vorab verstörte und den Kurs fortsetzt, der sich vorab und rund um die Werkschau ‚Nothing Has Changed‚ abzeichnete.
Bowie wagt sich demnach auf Albumlänge erst recht weit hinaus in die Avantgarde wie seit Jahrzehnten nicht, vermengt experimentellen Pop und Art Rock hinter dem Horizont von ‚Bring Me the Disco King‚ oder ‚Low‚, indem er eigenwillig vorführt, welche Aspekte ihn an Kendrick Lamar’s ‚To Pimp A Butterflyinspirierten (etwa: durchaus massentaugliches aus unkonventionellen Perspektiven zu betrachten) und lässt Saxofone, Bläser, Streicher und zahlreiche andere Instrumente durch trippige Synthielandschaften treiben, züchtet ein abgründig strahlendes Gebilde in indirekter Griffweite einer andersweltartigen Jazzwelt, ganz so wie ‚Sue (Or in a Season of Crime)‚ es bereits im vergangenen Jahr erahnen ließ – quasi die über die verstörende Aura von David Lynch kommende, in nachvollziehbare Bahnen gelenkte, verdauliche Umdeutung der jüngsten Alben seines Idols Scott Walker.

Wo dieser mit seinen obskuren, rülpsenden, opernhaften Soundgebilden vor allem fordert und polarisierend fasziniert, vergisst Bowie aber nicht auf den Song an sich – auf anschmiegsam-unwirkliche Melodien inmitten weit ausgebreiteter Spannungsbögen. Auf schlüssige Kompositionen, getarnt als lose verschweißte Odysseen, die den Hirnfick proben, im Grunde jedoch so unbedingt wie instinktiv gefangen nehmen, einen verwunschen heimsuchen. Die freigeistig durch den Äther schwebenden Strukturen widerstreben sich nicht aus einem selbstgefälligem Kunstanspruch den gängigen Konventionen und unmittelbaren Fassbarkeit (sie wirken von Längen bis zu 10 Minuten und ohne klassische Schemen in gewisser Weise sogar spontaner und intuitiver gewachsen als die Songs von ‚The Next Day‚ – alleine der melancholisch-eingängige Nostalgie-Balsam ‚Dollar Days‚ macht nahezu alles besser, als die phasenweise bemühten Songs des Vorgängeralbums es taten), in dem sie jenen Raum bekommen, um eigenwillig zu wachsen, zu unheimlich detailliert arrangierten und vielschichtig texturierten Klangkörpern. Das Popchamäleon Bowie klingt damit ein letztes Mal wie niemand anderes, und wieder einmal wie nie zuvor: Unverwechselbar und dem Zeitgeist endlich wieder mindestens einen Schritt voraus.

Wie entgegenkommend sich der Meister dabei im Grunde trotz aller Progressivität jedoch tatsächlich verhält, lässt sich alleine anhand der neu aufgenommenen Single ‚Sue (Or in a Season of Crime)‚ (nun weniger Bigband-Wahn und eine knackigere Handkante hinter der gespenstischen Hektik und der wahnwitzigen Drum-Arbeit) und deren B-Seite ‚‚Tis a Pity She Was a Whore‚ (der noisig verschwommene Industrial-Gehalt tritt hinter die Melodie, während Bowie den ursprünglich im Alleingang eingespielten Song nun von seiner Backingband in die Breite tragen lässt) nachvollziehen.
Beide wurden für ‚Blackstar‚ auch markant in ihrer Länge gekürzt, schrauben den hemmungslosen jamlastigen Weirdo-Freejazz-Anteil zurück und sind für sich alleine stehend und genau genommen nicht derart furios atemberaubend geraten, wie ihre entsprechenden Versionen der Single-Veröffentlichung, aber fügen sich soundtechnisch dafür umso anstandsloser in das organisch-synthetisierte, homogen in sich geschlossene Soundbild der restlichen Platte ein, forcieren die eigene Handschrift und sind Teil eines retrofuturistisch anmutenden Neon-Noir-Rausch, großartig produziert von Tony Visconti, der die stellenweise Percussion-Beteiligung von LCD Soundsystem Reaktivator James Murphy (auch als Bindeglied zu Arcade Fire) alleine stilistisch irgendwo nur logisch erscheinen lässt.

Am Ende kulminieren im leichtgängig den Schwanengesang gebenden ‚I Can’t Give Everything Away‘  so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unnachahmliche Art und Weise: Bowie verweist schlichtweg genial auf ‚A New Career in a New Town‚ (wie überhaupt die gesamte Platte von unkonkreten Déjà-vu auf nahezu alle Stationen und Inkarnationen Bowies zurückblickt), gibt dabei in gewisser Weise eventuell auch augenzwinkernd das Credo für die Zeit nach seinem Tod vor (wer kann das bei einem Wesen wie Bowie schon sagen?) und beschreibt im Grunde auch meisterhaft, dass ‚Blackstar‚ mehr ist, als 41 Minuten Musik,  die die Messlatte für das restliche 2016 hoch legen, sondern schlichtweg ein über alle Grenzen gehendes Gesamtkunstwerk, das über unzählige Facetten hinweg zu faszinieren weiß und einen in den besten Momenten schier fassungslos ob der visionären Genialität Bowies zurücklässt, während dieser mit bandagierten Gesicht und Knopfaugen ikonische Szenen kreiert – und als ironische Fußnote ausgerechnet mit einem seiner experimentellsten Werke (Klick-)Rekorde einfährt, neuerlich zum Verkaufsschlager mutiert. Nichts anderes als diese beinahe fantastischen Begleiterscheinungen verdient dieses hungrige, fordernde, so sehr entlohnende  weitere Meisterstück im gesamten Schaffen des Popgenies, das (wahrscheinlich) abschließende Grande Finale eines epochalen Lebenswerks: „Don’t believe for just one second I’m forgetting you„.

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