Everything Everything – A Fever Dream

von am 4. September 2017 in Album

Everything Everything – A Fever Dream

A Fever Dream beruhigt die angestammte Hektik der englischen Synth-Art-Popper über weite Strecken und lässt die Dinge mit deutlich mehr Ruhe laufen: Nach dem großartigen 2014er-Furiosum Get to Heaven müssten Everything Everything eben niemandem mehr etwas beweisen.

Stattdessen spinnt das Quartett aus Manchester seinen ureigenen Sound rund um (diesmal ein wenig reduzierter eingesetzte) hibbelige Gitarren, frickelnde Rhythmen, nervös blickende Elektronik und den polarisierend-fistelnden Gesang von Jonathan Higgs mit seinem vierten Studioalbum vor allem konsequent weiter und begeht neuerlich einen wichtigen Evolutionsschritt: A Fever Dream positioniert Everything Everything am vorläufigen Abschluss einer Reise von der songbasierten Kombo zur ganzheitlicheren Albumband – das Gesamtgefüge wächst mit dem Viertwerk merklich über den Fokus auf etwaige Einzelteile. In natürlicher gewachsenen Bahnen entsteht ein bisher unerreicht organischer Albumfluss, die Balance zwischen den Songs ist ausgewogener. A Fever Dream ist als Ganzes konsistenter als seine Vorgänger, sogar kompakter auftretend und potentiell die Nerven reizende Szenen minimierend.
Natürlich setzt die Band innerhalb der Kompositionen immer wieder Akzente, bricht hier und da aus, sekkiert die Nummern in den roten Bereich und stachelt an. In gewisser Weise machen es Everything Everything dem Hörer aber dennoch grundsätzlich einfacher als bisher – A Fever Dream ist sicherlich auch von der gemeinsamen Tour mit den Foals geprägt, indem es gerade für ein größeres Publikum verdaulicher auftritt.

Die Engländer lenken ihre angestammte Hyperaktivität trotz einiger weniger Ausnahmen (wie dem dringlich nach vorne gehenden, beschwörend repetierten Ivory Tower oder die rockige Breitseite im introvertiert zu seinem schwindelerregenden Finale hintauchenden Run the Numbers, das sich den Exzess aber trotz hyperventilierenden Solo exemplarisch verkneift)  in etwas weniger aufgekratzte, subtiler auftretende Gefilde. Das beruhigt den Sound und die politischen Beobachtungen im grauen Alltag, legt die Karten des Songwritings offener auf den Tisch, ohne permanent Haken schlagen zu wollen, und vertieft sich immer wieder in die kreierte Atmosphäre.
Dass sich das Finale um das Interlude-artige Ambientwesen New Deep und die ohne konkrete Ziele träumende, aber postrockig in den Horizont flirrende Elegie White Wale sogar betont unspektakulär gibt, ist durchaus symptomatisch für den Charakter einer Platte, die deutlicher mit ihrer Substanz haushält, aber eben trotzdem nicht auf liebgewonnene Stärken verzichten lässt, obwohl sie die gedankenschweren Everything Everything– Endorphine nicht mehr primär über explodierende Euphorie ausschüttet.

Die 47 Minuten von A Fever Dream entfalten ihre Faszination nachdrücklich, nehmen auch weniger Höhepunkt-spezifisch im Sturm als es Man Alive, Arc oder Get to Heaven taten, obgleich die Platte gerade in ihrer temporeichen Anfangsphase um den stark einleitenden Opener Night of the Long Knives (über flippig oszillierende Keyboardpluckern und flehende Melodien schiebt die Band mit Hilfe von Produzent James Ford einen wuchtig walzenden Synthie-Drone, der in seiner flächigen Dramatik das Indierock-Pendant zum Inception/Trailer-Sound darstellt und das Album auch in weiterer Folge in Variationen immer wieder pushen wird) sowie die unmittelbar an Bord holenden Singles Can’t Do (vertrackte Rhythmen verstellen der immensen Eingängigkeit nicht den Weg) und dem aufgeregt nach vorne galoppierenden, noch catchier zündenden Desire anfangs noch geradezu entgegenkommend an den Vorgänger anzuknüpfen scheinen.

Die gefunkelt gebastelten Ohrwürmer scheinen hinter dem die stimmigen Artwork eben wie nebenbei abgeworfenen, drängen sich nicht mehr derart extravagant auf, dafür jedoch gefälliger, und sind auch ohne derart herausragende Einzelsongs wie bisher (Marke: Leave the Engine Room, The Peaks oder Spring/ Sun/ Winter/ Dread) abseits der in die Auslage gestellten Singles vorhanden.
Good Shot, Good Soldier pulsiert etwa im ätherischen Lounge Modus, bis die Band die sphärischen Klänge erhebend und feierlich aufblühen lässt, während das verträumt treibende Put Me Together mit latent mediativem Hoffnungsschimmer eine schlichtweg entwaffnend subversive Schönheit ist.  Big Game übt dagegen zurückgenommen treibend fast schon Radiohead‚esk gespenstisch perlend den Müßiggang, doch übernehmen die Gitarren hinten raus das Komando, reiben den Song auf und scheuchen ihn an den Rand einer malträtierende Kakophonie. Der Titelsong bekommt als gefühlvolle Klavierballade elektronische Spannung. Straight pumpend könnte das sogar Thom York auf die Tanzfläche führen, bis eine repetitive Schleife das hypnotische Element der Platte erschöpfend auf die Spitze treibt.
Ein derart auslaugender, bewusst die Gefälligkeit attackierender Moment sticht natürlich aus der homogenen Variabilität der Platte, macht jedoch auch deutlich, dass A Fever Dream für seine Entwicklung hin zum bisher rundesten Konsenswerk der Bandgeschichte auf die überschwänglichen Grenzüberschreitungen, die unbedingten Genieblitze verzichten musste. Die Herausforderung, die hartnäckigkeit, der Kraftakt – all dies mag unbewusst ein wenig fehlen, während Fever Dream sich dennoch öfter für einen spontanen Durchgang anbietet, als seine Vorgänger.
Kein ausnahmslos schlechter Deal. In seinen besten Augenblicken ist Fever Dream damit schließlich vielleicht sogar gelungen, was Alt-J mit Relaxer zu oft in die mäandernde Langeweile abglitt, indem Everything Everything die Hand reichen und damit auch bisher überforderte Anhänger der niemals nahverwandteren Foals an Bord holen könnten.

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