Die Alben des Jahres: 30 bis 21

von am 26. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

Earth - Angels of Darkness, Demons of Light II30. Earth – ‚Angels of Darkness, Demons of Light II‘

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Die Tage der Drone-Band Earth sind natürlich schon lange gezählt. Viel mehr leisten sie nun schon seit über der Hälfte ihrer Diskographie Pionierarbeit in Sachen Doom-Country, als wären Bohren & der Club of Gore nach Texas übersiedelt. Mit Part zwei ihres Angels/Demons-Duos übertreffen die Veteranen um Dylan Carson nun noch mal ihr letztjähriges Glanzstück mit noch mehr Ruhe und Ausgeglichenheit, und einer Lori Goldston in ungeahnten Cello-Höhen. Vergessen sind unsinnige Doppelalbums-Verschwörungstheorien, bemerkenswerter Weise funktionieren die beiden Teile getrennt voneinander fast besser als am Stück, jeder Strich hat zweifelsfrei seine Berechtigung. Weiterhin ist die Vorfreude auf weitere Werke aus dem Hause Earth ungetrübt hoch, derartig konsequente Evolution ist im Genre selten – und gerne – gehört.

Liberteer - Better To Die On Your Feet Than Live On Your Knees29. Liberteer – ‚Better to Die on Your Feet Than Live on Your Knees‘

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Liberteer ist Matt Widener. Ein Mann alleine ist für eines der Grindcore-Alben des Jahres zuständig, für alle Instrumente darauf, und auch für die unorthodoxe Verwendung von Synthies und Bläsern die für das epische Drumherum um den politisch hochaufgeladenen Inhalt seiner Songs dienen. ‚Better To Die On Your Feet…‚ spielt mit Revolutionsästhetik, predigt Widerstand und instruiert im Booklet den Bau von Waffen aus dem Tonträger, und macht im Endeffekt doch hauptsächlich eines: Spaß. Cretin-gegerbte Gitarren, mit einem Hauch Napalm Death und Khann, und auch eine Portion Selbstironie sind notwendig, um aus dem großen, qualitativ hochwertigen Bottich voll Extrem-Metal Bands dieses Jahr hervorstechen zu können.

Flying Lotus - Until the Quiet Comes28. Flying Lotus – ‚Until the Quiet Comes‘

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Steven Ellison kehrt für sein viertes Studioalbum als Flying Lotus nicht aus den sphärischen Umlaufbahnen zurück, in die er sich mit ‚Cosmogramma‚ geschossen hatte – er richtet sich dort viel eher häuslich ein, lässt sich ohne Kraftanstrengung durch seine neue Heimat aus leger brutzelnden Beats, vertrackt-hypnotischen Rhythmen und pulsierenden Soundlandschaften treiben. Immer mit dabei: die altbekannte Gästeriege um Radiohead-Sänger und Electrofreak Thom Yorke (der diesmal gleich Johnny Greenwood mitgebracht hat), Niki Randa oder Laura Darlington. Der zwingenste Moment, er gehört dennoch Neuzugang Erykah Badu, der Ellison ein behende pumpendes, soulerfülltes Tribal-Gerüst um die feenhaft agierende Stimme maßgeschneidert hat. Freilich nur ein kleines Puzzlestück im wieder so stringenten Flying Lotus-Klanguniversum: ein einziger driftender Rausch in andere Welten, während die Füße einfach nicht stillhalten wollen.

Motorpsycho - The Death Defying Unicorn27. Motorpsycho & Ståle Storløkken – ‚The Death Defying Unicorn‘

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Was für ein erschlagender Brocken aus Progressive Rock, Jazz, und Klassik ist den Norwegern denn da  als – je nach Zählweise wohl – fünfzehntes Studioalbum eingefallen? Fakt ist: ‚The Death Defying Unicorn‚ sprengt als überbordendes Konzeptalbum selbst für die scheuklappenlose Institution Motorpsycho so manche Ketten, rittert mit der technischen Versiertheit von unzähligen Gästen unter der Führung von Jazzgröße Ståle Storløkken um die Vorherschaft in einem schwer zu fassenden Ganzen aus wilden Riffabfahrten, weiten Instrumentallandschaften und exzessiven Arrangementirrsinnstaten. Die zu Grunde liegende Seefahrergeschichte kann bei Kompositionen, die sich phasenweise das Recht auf bis zu 16 Minuten Spielzeit nehmen, schon einmal in den Hintergrund gedrängt werden, das tut dem mitreißendem Stilamalgam auf einem schier beeindruckenden Mammutwerk keinerlei Abbruch.

…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Lost Songs26. …And You Will Know us by the Trail of Dead – ‚Lost Songs‘

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Trail of Dead haben sich wieder in ihrem Hoheitsgebiet eingefunden, im Scheppern und der Spielfreude weg von prätentiösem Fantasyquatsch und zwanghafter Konzeptualität. Proganteile halten sich mit melancholisch ruhigen Stücken die Waage, an allen Ecken und Enden knallt dem Hörer aber wieder der aufgedrehte Postpunk aus Anfangstagen entgegen, abgefeilt durch die Songschreiberische Erfahrung die Keeley und Reece auf den letzten, aufgeblähteren Alben sammeln konnte. Zwar ist Trail of Deads Gefühl für Pathos nicht verloren gegangen – soll es auch nie – wird hier jedoch so perfekt wie zuletzt auf ‚Secret Of Elenas Tomb‚ zugunsten knochiger Indieschmeißer dosiert und in den richtigen Momenten eingesetzt.

The xx - Coexist25. The Xx – ‚Coexist‘

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Coexist‚ geht nicht mit den Unterschieden zu seinem selbstbetitelten Vorgänger hausieren, viel mehr gaukelt es sogar vor, dass The Xx das selbe Album einfach nocheinmal aufgenommen haben. Das stimmt natürlich auch insofern, als dass die legitimen  englischen Erben der Young Marble Giants ihren melancholisch-romantischen Minimal-Pop nicht neu erfunden, aber trotzdem noch weiter im Detail definiert und auch entschlackt haben. Das hat mit dem an Burial geschulten ‚Chained‚ sowie dem für die Ewigkeit Tränendrüsen beschäftigenden ‚Angels‚ zwar gleich von Beginn an massive Hits parat, doch ist der Gesamtfluß diesmal ein noch flüssigerer geworden als auf dem Debüt. Man kann auch die paradoxe Behauptung in den Raum werfen: ‚The Xx‚ hatte die stärkeren Songs, ‚Coexist‚ aber ist das bessere Album.

Conan - Monnos24. Conan – ‚Monnos‘

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Schon länger halten Conan als Geheimtipp die Flagge des traditionsreichen britischen Dooms aufrecht, haben auch ihren Sound bereits früh festgemacht, und für ‚Monnos‚ nicht fundamental verändert. Gerade deswegen ist dieser Monolith aus Tieftönern und predigend-mantrischem Gesang aber wohl was er ist: ein Statement in der überladenen Doomlandschaft, ein Rhythmusmonster, trotz Monotonie nicht langweilig, trotz wenig Innovation fesselnd. Besonders hervorgehoben sei hier die Arbeit von Paul O’Neill am Schlagzeug, der aus den genretypisch im Rhythmus abwechslungsarmen Songs ungewöhnlich virtuos viel herausholt, und Conan somit als wichtiger Part mehr als nur Existenzberechtigung attestiert.

Tame Impala - Lonerism23. Tame Impala – ‚Lonerism‘

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Kevin Parker hat den sanften Psychedelik-Rock praktisch im Alleingang wieder Feuilleton-tauglich gemacht. Gott und die Welt und Indiekids und Hipster und Szenetiger und jung gebliebene Anachronisten – sie alle liegen dem australischen Tame Impala Mastermind gleichermaßen zu Füßen. Und womit? Mit Recht! Übertrumpft Parker auf ‚Lonerism‚ das schon so grandios dösende ‚Innerspeaker‚ doch geradezu spielend, mit all den Beatles-Melodien, John Lennon-Anleihen und vor allem all den ganz großen, ganz gemütlich zurück gelehnten Popmomenten, die das zweite Tame Impala-Alben so genüsslich durchfluten. Da steigt eben jeder nur zu gerne in die nie unangenehm trippige Psychedelik-Kutsche mit ein.

Chromatics - Kill for Love22. Chromatics – ‚Kill for Love‘

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In wie vielen Schattierungen Chromatics-Mastermind Johnny Jewel seinen nach Italo-Disco und 80er schillernden Synthie-Pop nach fünf Jahren Pause am liebsten ausleuchten wollte: das ging auf keinen physischen Tonträger. Deswegen ist die digitale Version von ‚Kill for Love‚ auch 14 Minuten- oder einen Song – ausführlicher als die ohnehin schon zu lange Vinyl/CD Version – und der nachgereichte Soundcloud-Outtake-Appendix ist da noch nicht einmal inkludiert. Letztendlich ist dieser plötzliche Überschuss an Chromatics-Material natürlich großartig: alleine, weil niemand sonst dieses Genre derart aus dem EffEff anführt – und die Länge letztendlich alleine deswegen egal ist, weil man sich zwangsläufig in diesem melodisch-melancholischen Rausch aus neonfärbigem Mitternachtspop verlieren muss.

Gaza - No Absolutes In Human Suffering21. Gaza – ‚No Absolutes in Human Suffering‘

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Gaza aus Salt Lake City machen auf ihrem dritten Album keine Gefangenen, breschen andauernd auf 180 mit ihrem Grind’n’Roll durch so erbauliche Themen wie Krieg, Tod und Leichenhaufen. Irgendwo zwischen den französischen Hardcore-Misanthropen Celeste und Converge (von denen auch Produzent Kurt Ballou ausgeliehen wurde) die überhaupt nicht mehr vom Gas gehen wollen lassen Gaza ihrer Songsplittergranaten detonieren, finden immer wieder von der Klippe über der totalen Zerstörung zurück zum Melodiebewusstsein, schlagen aber selbst im Mid-Tempo so viele Haken, dass es eigentlich gar nicht mehr anders als mit „Schlachtfeld“ umschrieben werden kann. ‚No Absolutes in Human Suffering‚ ist ein immens herausforderndes, intensives Album von „failed emo kids“, das genau so entlohnend wie gnadenlos ist.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01

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