Die EP Top 15

von am 27. Dezember 2012 in Jahrescharts 2012

How to Destroy Angels - An Omen15. How to Destroy Angels – ‚An Omen‘

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Trent Reznor’s Handschrift fährt über alle Beteiligten erbarmungslos drüber: How to Destroy Angels sehen von außen aus wie Nine Inch Nails, sie fühlen sich so an und klingen auch so. Unterkühlter Digital-Rock zwischen Industrial und Ambient, in dem Mariqueen Maandig für weniger Distanzierung von der übergrpßen Marke sorgt als man meinen/hoffen möchte, aber eben auch: die ideale Ersatzdroge, bis Reznor sein Mutterschiff wieder aus der Versenkung herbeirufen wird. Bis dahin wäre ein How to Destroy Angels-Album trotz Perlsen wie ‚Ice Age‚ kein zwingendes Verlangen – die Kurzform steht dem Quartett nämlich ausgezeichnet.

Future of the Left - Man vs. Melody14. Future of the Left – ‚Man vs. Melody‘

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Andy Falkous und seine Noiserock-Gang schaut auf der letzten US-Tour mal eben kurz im Studio vorbei, das Resultat sind fünf eindeutige Future of the Left Songs – bitterböse (nicht nur gegen Johnny Borell gerichtet), kratzig und kantig. Sicherlich nicht die besten die sie je geschrieben haben, aber eine lockere Fingerübung mit gemeinem Grinsen im Geischt und geballter Faust in der Magengrube. Und natürlich um Welten zu gut, um sie nur einem ausgewählten Konzertpublikum zu Fraß vorzuwerfen. Während Falco also bereits am Tag der Veröffentlichung Tod und Teufel  wegen befürchteter Filesharing-Monster schreit, klettern der Preise für ‚Man vs. Melody‚ für theoretisch kaufwillige Fans auf Ebay, Discogs und Co. in unerschwingliche Höhen.

Mogwai - Les Revenants13. Mogwai – ‚Les Revenants‘

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Der Kontext (die Schotten erarbeiteten den Soundtrack für die französische Serie ‚Les Revenants‚) keine Rolle, was zählt ist: es gibt neue Mogwai Songs. Instrumentaler Rock natürlich, hier mehr Score als zupackend konkret, weil atmosphärischer und flächiger, trotzdem klar in der Tradition von ‚Hardcore Will Never Die, But You Will‚ und ‚Earth Division‚: also dunkel, schwer und auf unergründlich hoffnungslos-hoffnungsschwanger monolithische Art und Weise majestätisch. Mogwai sehen keinen Sinn darin, mit billigen Tricks nur um der Überraschung Willen aus dem Gebüsch zu springen; sie sind lieber die ultimative Konstante im Postrock. Physisch allerdings nur für 2000 treue Anhänger.

Electric Wizard - Legalise Drugs and Murder12. Electric Wizard – ‚Legalize Drugs and Murder‘

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Electric Wizard electricwizarden. Mit an Black Sabbath gemahnendem Cover, jugendungeeignetem Text und im positivesten Sinne stockkonservativen Klanggewand braucht es eigentlich nicht mehr als einen Song um den eigenen Status in der Doom-Szene zu behaupten. Ganz sich im schon auf ‚Black Masses‚ wiedergefundenen, zur Jahrtausendwende zurückschielenden, ausgefransten Sound suhlend wird wie gewohnt Zeter und Mordio gesungen, und man bemüht sich abschließend sogar hörbar an wunderbar kitschigem Vintage-Drone. Eine Platte wie eine Geschichten aus der Gruft-Episode.
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Toe – The Future Is Now11. Toe – ‚The Future Is Now‘

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Ist das noch Mathrock, wenn man mit sommerlich Stimmung und leichtfüßigen Schrittes durch Postrock Gefilde tänzelt? Toe aus Japan sagen dazu laut ja und lassen ihr technisches Können raffiniert um komplizierte Songs hüpfen, die in erster Linie trotzdem nicht (nur) so unglaublich versiert klingen wie sie es natürlich sind, sondern geradezu locker, beschwingt und gut gelaunt. Da umgarnen sich perlende Gitarrenmuster vor wild abarbeitenden Schlagzeugarbeiten, der Indierock war für Toe dennoch nie greifbarer. Am deutlichsten zeigt dies das zärtlich pulsierende ‚Tsuki Kake‚, einem potentiellen Standardsong für alle im Schatten heißer Strandszenarien abgespulten Mixtapes, direkt im Anschluß an Boris‚ ‚Rainbow‚, wenn man denn will.

12inch_recordjacket10. Dirty Projectors – ‚About to Die‘

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Die absolut schmissige ‚Swing Lo Magelan‚-Auskoppelung ‚About to Die‚ mag hier als Zugpferd fungieren – nötig wäre sie nicht gewesen. Stehen die folgenden fünf Songs jenen des aktuellen Studioalbums von Dave Longstreth und Konsorten doch praktisch in nichts nach. Aber anders als unter dem fadenscheinigen Singlebanner laufend hätte man der Plattenfirma wohl nicht erklären können, warum so kurz nach ‚Swing Lo Magelan‚ bereits der nächste Songschub nachrücken musste. Dabei hätte es genügen müssen, auf Stücke wie das orchestral herumirrende Streichergewächs ‚While You’re Here‚, den hypnotischen Schunkler ‚Here ‚Til It Says I’m Not‚ oder all die anderen Glanztaten hier hinzuweisen.
Insgesamt an die 25 Songs will Mastermind Longstreth aus den Sessions für ‚Swing Lo Magelan‚ zurückbehalten haben. Erreichen diese auch nur ansatzweise die Qualität der bisher bekannten Kompositionen muss es schon konkret gesagt werden: ein unverzeihliches Verbrechen.

Angel Haze - Classick09. Angel Haze – ‚Clasick‘

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Natürlich steht ‚Classick‚ an dieser Stelle auch stellvertretend für das grandiose ‚Reservation‚-Mixtape, welches die 22 jährige New Yorkerin Raykeea Wilson praktisch aus dem Nichts in den Stand als eines des heißesten Eisen des jungen Hip-Hop erhob und auch in der BBC Hot List 2013 ganz weit vorne positionieren sollte. Aber es steht hier auch wegen 5 Songs, die neben großen Vorbildern (Eminem, Lauryn Hill, Lupe Fiasco, Erykah Badu und vor allem: Angel Haze!) niemals verblassen, Vielschichtigkeit beweisen und in den besten Momenten die Original-Versionen der Kompositionen gar zu übertrumpfen drohen. Formvollendet ist das eigentlich schon jetzt, nicht nur wegen der treibenden Technik. Soul und R&B sind dem aktuell mitunter bestem weiblichen MC jedenfalls auch nicht fremd. Man wird von Angel Haze noch einiges hören – nicht nur im heiß erwarteten Gespann mit Azaelia Banks.

Down - Down IV Part I - The Purple EP08.Down – ‚Down IV Part 1: The Purple EP‘

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Dass Phil Anselmo und seine New Orleans Allstar-Kombo nicht auf das EP-Format umgestiegen sind um mehr Kohle aus den Geldbörsen ihrer Fanscharen zu ziehen, sondern um diese öfter und kontinuierlicher mit neuem Material veröffentlichen zu können: schön und gut. Aber ganz im Ernst: das Album Format steht ihnen und ihrem ausladenden Southern Metal alleine aufgrund des größeren Spannungsbogens einfach besser. Insofern ist der Rahmen, der den sechs Songs hier geboten wird geradezu eine Schande. Weil diese allesamt zum mitunter besten gehören, was Down seit ‚Nola‚ geschrieben haben, gewaltige Riffschleudern mit unpackbaren Groove geworden sind, dazu den eventuell optimalsten Sound der Bandgeschichte parat haben. Drei weitere EP’s werden in naher Zukunft ‚Down IV‚ vervollständigen, was großartig ist. Aber danach wird man hoffentlich wieder nach altbewährtem Muster weiterhin über ein halbes Jahrzehnt zwischen jeder vollwertigen Platte verstreichen lassen.

††† - EP ††07. ††† – EP ††

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Aus den Trümmern von Isis die noch spekulationsumwobene  Supergroup Palms gegründet. Mit den Deftones auf ‚Koi No Yokan‚ die reine Weste bewahrt. Und zuletzt standen gar alle Zeichen darauf, dass Team Sleep über sieben Jahre nach dem ersten und mehr oder minder einzigen Album reaktiviert werden würden. 2012 war ein so umtriebiges Jahr für Chino Moreno, dass seine erste Glanztat in den letzten 12 Monaten schier unendlich lange zurückzuliegen scheint: ††† alias Crosses haben auf ihrer zweiten EP die Latte, die sie nur wenige Monate zuvor auf ‚EP †‘ so fulminant hoch legten zwar nicht überspringen können, darunter durchtanzen müssen sie jedoch auch nicht: mit trockenen Beats, großen Melodien und fetten Gitarren ist das ehemalige Witch House Projekt von Moreno und Shaun Lopez and Scott Chuck mittlerweile sogar der naheliegendenste Mash-Up aus Deftones und Team Sleep.

Blur – Under the Westway06. Blur – ‚Under the Westway‘

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Auch wenn man meint Damon Albarns Stimme mittlerweile in jedem dritten Song egal welcher Platte zu hören, geht doch nichts über das wohlig warme Gefühl, eine neue Blur-Veröffentlichung in den Händen zu halten. Aufzulegen. Anzuhören. Wieder und wieder. Wie das nun mit Reunion aussieht, und Hyde-Park Konzerte in olympischen Ausmaßen dahingestellt, diese ganz für sich stehende Songgattung der „Blur-Ballade“ gab es eben dieses Jahr (und viele, viele Jahre davor) nur einmal, ‚Under the Westway‚. Und ja, sie mag nicht ganz an die Perfektion vergangener Großtaten heranreichen, trotzdem kam in diesem Musikjahr vielleicht kein anderer Song der Bedeutung des Ausdrucks „Balsam für die Seele“ näher. Und dann ist da ja noch ein zweiter neuer Blur Song, der die Illusion einer Zukunft mit dieser wunderbaren Band aufrecht erhält.

Boris - Joe Volk05. Boris & Joe Volk – Split

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Joe Volk ist nicht gerade der umtriebigste Vertreter der Bristoler Musikszene, umso größer die Freude als neues Solomaterial der ehemaligen Gonga und Crippled Black Phoenix Samtstimme angekündigt wurde, und dann noch mit den – im Jahr 2012 ebenfalls auffällig unauffälligen – japanischen Musikchamäleons Boris auf der anderen Seite der Schallplatte. Da die Erwartungen in Boris nach den eher mediokren Veröffentlichungswahn des letzten Jahres, und einer durchaus hörenswerten Veröffentlichung mit den amerikanischen Geschwistern im Geiste, Asobi Seksu, im vorsichtig optimistischen Gefilde anzusiedeln waren, war die Erleichterung entsprechend groß, als da eine astreine Spacerock Mini-Version ihres Klassikers ‚Flood‚ aus den Lautsprechern waberte, produktionstechnisch an ‚Feedbacker‚ gemahnend, gesanglich an die eingängigeren Ausflüge der letzten Jahre.
Was nach Volks ersten Nummern seit dem fantastischen ‚Derwent Water Saints‚ bleibt, ist in erster Linie die Sehnsucht nach mehr, und die Bestätigung, dass er immer noch der uneingeschränkte König des melancholischen Songwritings ist, ob nun mit (‚Call to Sun‚) oder ohne (‚Finland‚) Gesang. Immer ist die vollste Hingabe zu seiner ganz persönlichen Sorte der Singer/Songwritermusik zu spüren, und auch in der Instrumentierung und Produktion wird nichts dem Zufall überlassen, und ist nur mit einem Wort zu beschreiben: Majestätisch. So haben vielleicht beide Beiträge in erster Linie den Begriff des „Raums“ gemeinsam.
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Daniel Rossen - Silent Hour/Golden Mile04. Daniel Rossen – ‚Silent Hour / Golden Mile‘

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5 klassische Rossen-Songs, respektive potentielle Grizzly Bear-Kracher, die sich nicht allzu weit vom Hauptarbeitsplatz des 30 jährigen entfernen, aber gerade auch dadurch alles richtig machen. Da platziert Rossen die ersten Songs unter eigenem Namen gefühltermaßen fein verteilt zwischen allen Epochen seiner Stammband, das reicht von der ausufernden Melodiespinnerei Marke ‚Yellow House‚ mit den Mitteln des Quasi-Neuzeit-Bombasts (‚Up on High‚) bis zum einnehmenden Popgespürs aktueller Werke im  glasklaren Hit (‚Silent Song‚), der berührend stolpernden Ballade (‚Saint Nothing‚) und dem unergründlichen Ohrwurm (‚Golden Mile‚). 5 Songs sind das also, die Rossen hier versammelt, die auch auf dem aktuellen Grizzly Bear Crowd-Pleasure ‚Shields‚ nicht untergegangen, sondern herausragend gewesen wären. Ein größeres Kompliment kann man dem Solodebüt Rossen’s vielleicht nicht machen. Das alleinige Rampenlicht, es steht ihm jedenfalls vorzüglich.

Orthrelm - 2001203. Orthrelm – ‚20012‘

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Zugegeben, das Aushängeschild der Gitarren und Rhythmusgenies Barr und Blair ist harter Tobak: ‚OV‚ vermittelte 2005 das Gefühl allen Bienenschwärmen der Welt gleichzeit für 45 Minuten hilflos dabei zuzuhören wie sie einem die Gehirnwindungen zerpflücken. Und so muss man beim ersten Lebenszeichen unter dem Orthrelm-Banner seit sechs Jahren schon froh sein, wenn man da (vorerst nur digital) relativ bekömmlich zwei kurze Happen vorgesetzt bekommt. Dass da gefühlt zum wiederholten male die Virtuosität, der Wahnsinn, die Nervosität, die Hektik, die Präzision und der Spielwitz einer kompletten auf zwei Instrumente reduzierten Bigband hineinkomprimiert wird, beeindruckt auf dieser ziellosen Achterbahnfahrt umso mehr. Während man sich noch zwischen Erschöpfung und Begeisterung entscheiden muss hört man sich das Ganze so lange wieder von vorne an, bis man endlich den Groove gefunden hat, nur um sich dann kopfnickend auf grundsätzlichere Fragen, die nur solche Musik beantworten kann, zu konzentrieren. Ist hier schon nach zehn Sekunden alles gesagt, oder doch erst nach einer ganzen Diskographie Mindfuck.
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The Antlers – Undersea02. The Antlers – ‚Undersea‘

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Der wunderschön entrückte Indie/Pop/Rock/Slowcore der Antlers findet inzwischen unter mindestens fünf Schichten Soundmeer statt. Mehr denn je klingt das unnahbar und meilenweit entfernt, berührt aber direkter, als das 9 von 10 verwandte Bands vermögen. Alles hier schmachtet sehnsuchtsvoll und tief im Herzen verletzt, wo Melancholie anfängt und erhabener Seelenpein anfängt, das kann niemand mehr sagen. Der Klang der drei New Yorker, er breitet sich inzwischen einem unergründlichen Meer gleich aus, umschwemmt alles, was sich nicht gegen tonale Zuneigung verwehren kann und will. Wo ‚Burst Apart‚  die zumeist konkret agierende Hitsammlung war, nähert sich ‚Undersea‚ wieder dem erhabenen Breitwandszenario von ‚Hospice‚ an, dehnt seine vier Glanztaten in jede erdenkliche Länge und Lage. The Antlers spielen wieder, immer noch und endgültig unverfälschte The Antlers-Musik, die so tieftraurig natürlich ohne Tränen beginnen kann, kaum aber auch ohne diese enden kann.

Burial - Kindred01. Burial – ‚Kindred‘

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Die Vergleiche die gerne strapaziert werden um die Musik von William Bevan zu umschreiben sind oft die gleichen, und wahrscheinlich waren sie seit dem Sensationsalbum ‚Untrue‚ von 2007 nicht mehr so passend wie sie es dieses Jahr zu ‚Kindred‚ sind: das ist Musik fürs Joggen im Nieselregen, in nebelverhangenen, menschenleeren Straßen. Musik für den Moment in dem U-Bahnen aus Tunneln ans Mondlicht treten, es pumpt, flackert, flirrt. Sphärischer Gesang vermischt sich mit den für Burial so typischen Klacker-Beats, und doch klingt alles voller, organischer als zuletzt. Wo ‚Untrue‚ noch meisterlich mit der eigenen Unterkühlung spielte, ‚Street Halo‚ jedoch teilweise drohte der selbst auferlegten Monotonie zum Opfer zu fallen, kommt hier wieder alles perfekt zusammen. Musik für den „Loner“, Melancholie beschwörend, und trotzdem ständig durch schwarzgraue Synthesizerwände hindurchschimmernde silbrige Hoffnungsstreifen. Ein Juwel in einer Reihe von vielen immens hochwertigen EPs und Single-Veröffentlichungen, so meisterlich viel Gefühl vermag in der Elektronikwelt nur Burial zu verströmen.

EP-Top 15 | 15 Platten außen vor | Jahrescharts | Platz 50-41 | Platz 40-31 | Platz 30-21 | Platz 20-11 | Platz 10-01

 

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