A Perfect Circle – Eat the Elephant

von am 25. April 2018 in Album

A Perfect Circle – Eat the Elephant

Alternative Rock im Spannungsfeld aus Score-Kontemplation und Klavier-Wohlklang: Vierzehn Jahre haben Billy Howerdel und Maynard James Keenan benötigt, um mit Eat the Elephant ein (je nach Zählweise) viertes Studioalbum von A Perfect Circle aufzunehmen, das nahezu alle Erwartungshaltungen unterläuft.

Gut, unendlich hoch waren diese vielleicht ohnedies nicht mehr. Zu viel haben A Perfect Circle von der zerfahrene Cover-Collection eMOTIVe über die stückchenweise Rückkehr mit der vollends verzichtbaren Compilation Three Sixty sowie dem doch sehr guten Live-Lückenfüller Featuring Stone and Echo falsch gemacht – man werfe nun nur einen Blick auf das grotesk scheußliche Augenkrebs-Artwork.
Vielleicht kann es sich Eat the Elephant aber explizit auch vor diesem ambivalent-polarisierenden Hintergrund leisten, jenen bereits vom romantisch-kompakteren Rock von Mer De Noms zum räumlicher aufgelösten, luftiger arrangierten Thirteenth Step zu beobachtenden stilistischen Schritt weiterziehen, der in seiner Konsequenz durchaus überrascht.
Dennoch – und auch gerade deswegen – ist Eat the Elephant das schlüssige Ergebnis, dass das vergangene Jahrzehnt der beiden treibenden Kräfte hinter A Perfect Circle – in der aktuellen Besetzung mit Matt McJunkins (Bass), Jeff Friedl (Drums) sowie den auf der kommenden Tour ideal durch Failure-Mann Greg Edwards ersetzten James Iha (Gitarre) – als Kompromisslösung aufbereitet: Billy Howerdel hatte sich zuletzt schließlich vor allem als Soundtrack-Komponist verdient und die Gitarre als primäres Instrument gegen einen Flügel eingetauscht, während Winzer Maynard James Keenan seinen streitwürdigen Humor mit Puscifer kultivierte, die stete Reduktion für sich entdeckte und das fünfte Tool-Album vor sich herschiebt.

All dies schlägt sich nun markant in den versammelten 58 Minuten der Platte nieder: Eat the Elephant ist ein weitestgehend erstaunlich ruhiges und nur langsam aus dem Winterschlaf erwachendes Album geworden, dass sich zu weiten Teilen auf zurückgenommene Klavierwelten stützt, die Gitarren nur selten aus der Mottenkiste holt und mit minimalistischen Beats,  Orchesterszenen oder elektronischen Spielereien generell nur sehr wenig Interesse am traditionellen Rock zeigt.
Gerade in der Klammer um den agiler auftretenden mittigen Albumkern führt dies zu überraschenden – mitunter grandios und dann wieder frustrierend unausgegorenen – Ergebnissen.
Die ersten drei Songs basieren eigentlich darauf, dass ich Sachen aus Billys Demos lösche, leiser drehe oder Tempos und Taktmaße ändere“ erklärt Keenan und hat aus dem eröffnenden Titelsong so eine atemberaubend einfühlsame Ballade gemacht, die sich sanft aus einer wunderschönen Melancholie erhebt. Ein jazziges Schlagzeug umgarnt leise Klavierakkorde, gefühlvoll beginnen Streicher aufzugehen, Maynard schraubt seine weiche Stimme in die Höhe. Disillusioned führt diesen Weg fort, ruhig und entspannt, bremst sich ausgerechnet für seinen zärtlich vorgetragenen Refrain aus, der sich theoretisch problemlos zur Hymne aufschwingen könnte.
Eine Anmut, die man aufgrund seiner textlich unkaschierten Art („Time to put the silicon obsession down/ Take a look around, find a way in the silence/ Lie supine away with your back to the ground/ Dis- and re-connect to the resonance now/ You were never an island“) entweder als angenehm unzynische Auseinandersetzung mit der Thematik sozialer Verrohung im digitalen Zeitalter hören kann, oder – vor allem in Verbindung mit dem dazugehörigen Video – als geschwungenen Holzhammer. Schön und bezeichnend jedenfalls, wie sich die unwahrscheinliche Single nach ihrem Refrain für einen langen Ambientteil mit starkem Score-Charakter alle Zeit der Welt nimmt, um wieder in Gang zu kommen. Auch der verträumte Schwelger The Contrarian inszeniert sich derart als beschwörende Zurücknahme, die mit postrockigen Gitarren jedoch nicht vollends zum Punkt finden will.

Vor allem in seinem ersten Drittel straft Eat the Elephant seinem Titel insofern Lügen, doch ganz generell funktioniert die Platte am Stück als mutmaßlich schnell erschlossener, aber erst nach und nach seine Stärken einwirken lassender Grower am besten.
Nachdem The Doomed sich geduldig zu einer fast schon Bond-artigen, pompösen Orchestergraben-Theatralik aufbäumt, zauberhaft arrangiert schiebend einen fantastischen Bass grollen lässt und als erster Single-Vorbote praktisch bereits den Zenit an der möglichen offenkundigen Dramatik von Eat the Elephant vermisst, lenkt der vertraut detonierende Song den Kontext sogar für das folgende So Long, and Thanks for All the Fish in den passenden Rahmen. Mit auffalend optimistischer Note und vergänglichem Unterton haben A Perfect Circle hier einen mit jubilierenden Streichern zum Stadion stampfenden Popsong geschreiben, der offen lässt, inwiefern der irritierend catchy übersteigerte Ohrwurm mit seiner arg plumpen Popkulturverneigungen („On politicians, fancy water and guns and plastic surgery/ Like old Prince and Brady’s mom/ All the dolphins have moved on/ Signaling the final curtain call in all its atomic pageantry/ …/ On diets, lawyers, shrinks and apps and flags and plastic surgery/ Now Willy Wonka, Major Tom, Ali and Leia have moved on/ Signal the final curtain call in all its atomic pageantry“) als Persiflage zu verstehen ist. Im weitestgehend homogenen Albumfluss zündet die Nummer jedenfalls überzeugender, als für sich stehend, zumal mit Delicious eine besser dosierte Annäherung an ähnliche Gefilde folgt. Der älteste Song der Platte gibt sich hoffnungsvoll und ist leichtgängig, beschwingt tänzelt die Band in beinahe hippieske Gefilde.

Dazwischen versöhnt TalkTalk (einem fast schon konventionell nach seiner vorsichtigen Strophe die Riffs auspackenden Pleaser, der in der Bridge wie eine Referenz an Bowie aufgeht) sowie das an den Charakter der Platte angepasste Three Sixty-Recycling By and Down the River: Maynard schlängelt seine Stimme hier wie im Autotune-Rausch sehnsüchtig um die maritim perlende Gitarre, tauscht die Sicherheit der usprünglichen Version gegen den symptomatischen Weichspüler und führt in einer runderen Interpretation des Songs anhand des gezähnten Schlagzeugspiels und der weniger psychedelischen Gitarrenarbeit auch vor, dass es Eat the Elephant an markanten Ecken und Kanten fehlt, die Band aber dafür gelernt hat besser mit dem über die lange Auszeit abhanden gekommenden Biss und einer gestiegenen inneren Ausgeglichenheit umzugehen.
Zumindest über weite Strecken. Denn in seinem letzten Drittel geht der Schlussphase der Platte als zerschossenes Stückwerk immer deutlicher der Fokus verloren. Wo das leidlich notwendige, aber stimmungsvolle Instrumental-Intermezzo DLB das Gefüge wieder kohärent zurück in Klaviergefilde holt und seine Molltöne dafür in eine latente 80er-Schicht taucht, hätte das klassich inszenierte Feathers einen durchaus schönen, versöhnlichen Schlusspunkt ergeben – auch ohne eine ähnliche herausragende Geniestreiche, die Mer de Noms und Thirteenth Step in ihren stärksten Momenten erzeugten, hätte Eat the Elephant ohne weiteren Ballast eine ähnlich zeitlose Klasse ausgestrahlt.
Mit den beiden Puscifer-nahen Totalausfällen Hourglass (mit wuchtig stampfenden Drums und einem modulliert durch den Effektfilter Richtung Digital-Rap orientierten Keenan wirkt der nicht notwendigerweise schlechte Song wie ein synthetischer Remix, der in der Umgebung von Eat the Elephant jedoch ein einziger ärgerlicher Fremdkörper bleibt) sowie dem enervierend mäandernden Get the Lead Out (das als vollkommen unnötiger Appendix irgendwo zwischen Klavierambient mit eingebauten Scratches und avantgardistischem Überbau als elektronisch nirgendwo hindirigierte Baustelle keinerlei Spannung oder hypnotische Tiefenwirkung über seine schier endlosen 7 Minuten aufbauen kann) hölen A Perfect Circle die eigentlichen Qualitäten der Platte unrühmlich aus und machen das an sich tolle, nur zu leicht als harmlos misszuinterpretierende Comeback der Band zu einer doch auch ernüchternden Angelegenheit.
Denn generell ist Eat the Elephant ein Album, das man in dieser Form nur bedingt von der ehemaligen Allstar-Kombo hören wollte. Ausnahmslos in dieser finalen Phase ist es jedoch eines, dass die Wartezeit auch ohne tatsächliche Ausnahmesongs und ganzheitlicher Magie nicht wert war.

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