Chavez – Cockfighters

von am 17. Januar 2017 in EP

Chavez – Cockfighters

Unglaublich aber wahr: Chavez haben sich offiziell nie getrennt, seit vor knapp 20 Jahren ihr zweites Studioalbum Ride the Fader (und bis dato auch aktuellstes Lebenszeichen) veröffentlicht wurde und die ewige Nischensensation um Matt Sweeney danach in der Versenkung verschwand. Cockfighters wird an dem damals zementierten Status Quo der Band zwar wenig ändern, macht aber definitiv Lust auf mehr.

Während The James Lo (Schlagzeug), Clay Tarver (Gitarre) und Scott Marshall (Bass) sich in den vergangenen zwei Dekaden vor allem außerhalb des Musikbusiness ihren Lebensunterhalt verdienten und mit Chavez etwa 2011 beim von Portishead kuratierten ATP I’ll Be Your Mirror nur sporadisch die Bühne enterten, ging es für Frontmann Matt Sweeney nach 1996 gefühltermaßen erst so richtig los: Mit Billy Corgan entdeckte er den Optimismus rund um das gerne unter Wert verkaufte Zwan-Albenintermezzo Mary Star of the Sea, etablierte sich von Superwolf weg als kongenialer Partner von Will Oldham, produzierte Dave Grohls Probot-Projekt ebenso mit wie den Turbonegro-Neustart Sexual Harassment, tourte mit Josh Homme und Iggy Pop für Post Pop Depression oder veredelte mit seinen Session-Gitarrenparts Platten von (unter anderem) Johnny Cash, Andre W.K., den Dixie Chicks, EL-P, Neil Diamond, Eagles of Death Metal, Zack De La Rocha und allen Veröffentlichungen von Run the Jewels.

All diese Dienste der Szene-Institution in der zweiten Reihe spielen für Cockfighters nun allerdings vorerst keine Rolle mehr, knüpfen Chavez nun doch nahtlos an ihre bisherige Discografie an und ignorieren damit die musikalischen Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnten wie selbstverständlich.
Cockfighters platziert sich unmittelbar zwischen den Polen Mathrock, Post Hardcore und Indierock, im Spannungsfeld das auch Slint oder Polvo bedienen und klingt alleine soundtechnisch wie ein makellos aus den 90ern konserviertes Stück Geschichte: Die Drums bearbeiten beweglich scheppernd den Hintergrund, die Gitarren umgarnen sich gefühlvoll, mal akrbisch akzentuiert und scharfkantig gezirkelt, dann lose durch die weite Umgebung treibend und Druck machend. Die Produktion ist gleichzeitig dünn, ökonomisch, räumlich, krachend zum Noise schielend und trotzdem angenehm gefühlvoll bratzend, von Spezi John Agnello (bereits 2015!) direkt aus einem Zeitloch gefischt.

Mindestens ebenso wichtig wie der authentische Klang der EP ist jedoch die Klasse des aufgefahrenen Songwritings, das eher erfrischend als nostalgisch so abwechslungsreich wie triumphal die selbe Kerbe bearbeitet wie seinerzeit Gone Glimmering und Ride the Fader. The Singer Lied fußt auf einer hypnotischen Gitarrenlinie und dem zackig-groovendem Math-Rhythmus, über dem das Quartett die Spannungsschrauben immer wieder variierend neu anzieht. Das mit jammenden Drums ausholende The Bully Boys rockt dagegen drückender riffend hin zu den metallischen Vorlieben der Band, bevor Chavez die Zügel lockern und letztendlich in einen beinahe hymnischen Harmoniepart zu kippen gedenken, dem dann doch noch augenzwinkernd der Saft abgedreht wird: Wer da Soundgarden (in nonchalanter und weniger dick auftragend freilich) als Referenz aufgeworfen hat, lag so falsch nicht.
Am stärksten gerät mit Blank in the Blaze jedoch das Herzstück von Cockfighters: Ein so dynamischer, sinistrer Husarrenritt durch eine Parallelwelt des Spiderland, in dem Chavez sich aus der zurückgelehnten Gangart immer weiter zu einem extatischen Climax mit Breitwand-Wirkung pushen. Dass genau dieser hier in Summe dann doch ausbleibt, liegt paradoxerweise alleine an der Qualität von Cockfighters – eben auch drei verschmitzte Cockblocker, die ihr Potential nie ultimativ auflösen möchten und regelrecht quälend in der Luft hängen lassend absolut süchtig machen. Man hat hiernach Blut geleckt, will mehr von den weiterhin so eigenwilligen und mit unterschwelliger Verweigerungshaltung hantierenden Chavez, als es dieser kurze Appetithappen zu geben bereit ist. Wird also Zeit, dass Sweeney und Co. endlich ernst machen – Album Nummer 3 kann hiernach gar nicht schnell genug folgen.

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