Cult of Luna – The Raging River

von am 13. Februar 2021 in EP

Cult of Luna – The Raging River

Nach einem weiteren Karriere-Highlight wie A Dawn to Fear (2019) wirkt The Raging River in erster Linie unterwältigend, unterstreicht in zweiter aber mit souveränem Autopilot, weswegen Cult of Luna die aktuell beste Band des Post Metal bleiben.

The Raging River‘ feels more like a bridge. A midpoint that needs to be crossed so we can finish what we started with A Dawn to Fear. It’s a seamless continuation of the writing process and the creative mindset that has guided us for the last couple of years.“ erklären Cult of Luna über den Appendix ihres siebten Studioalbums und werden auch anekdotisch: „We have been a fan of Mark Lanegan for many years. So in 2005 when we wrote the song „And With Her Came the Birds,“ we had his voice in mind and the working title was „The Lanegan song.“ But we were not many years over 20 and our lack of self-confidence prevented us from even daring to ask. It took fifteen years for us to get the guts to ask him. Hearing his voice on “Inside of a dream” is nothing more than feeling that we’re inside of a dream.
Während besagtes And With Her Came the Birds auch ohne Lanegan ein Instant-Klassiker der eigenen Bandhistorie ist, reicht Inside of a Dream nun nicht an diesen Level heran: Die Nummer kommt nicht über ein etwas willkürlich auftauchendes und letztendlich auch konsequenzlos verpuffendes Interlude hinaus, verlässt sich zu sehr auf die Tiefenwirkung von Lanegans Stimme. Der liefert (wie immer als Gastsänger) zwar ab, erzeugt aber keine packende Gravitation, keine Gänsehaut – begleitet eher stimmungsvoll und wie ein gut integrierter Auftragsdienstleister. Das Ergebnis wirkt so wie eine ästhetische Übung, eine Kennenlernphase, wo im Idealfall jedoch eine eindringliche Symbiose stattfinden hätte können. And With Her Came the Birds ist da als erste Referenz nicht nur kompositionell nachhaltiger, die fragil gehauchte Gesangsleistung ist auch ikonischer als in Inside of a Dream. So schwelgt hier der Ambient „nur“ gelungen zum sakralen Dark Folk, meditativ und entschleunigt Richtung des Voodoos von Duke Gardwood in Bewegung setzend, dunkel schimmernd und funkelt wie ein Earth-Western.

Die Geschlossenheit des Sounds (soll ohne Fanbrille bedeuten: die gewisse Gleichförmigkeit) im Auge des Sturms aufbrechend funktioniert das Gastspiel im Kontext der EP jedoch als variabel durchatmendes Herzstück, dessen umliegendes Genre-Muskelspiel das Niveau von A Dawn to Fear marginal aber merklich unterschreitet – sich im Grunde jedoch höchstens vorwerfen lassen muß, nicht derart individuell herausragende Genieblitze zu hofieren, sondern ohne Amplituden nach oben oder unten eine zutiefst befriedigende Basis zu bedienen.
Three Bridges besticht unmittelbar mit seiner vielschichtigen Percussion, platzt wuchtig in der sinistren Abseitigkeit auf. Die hervorragend das Spektrum definierenden wie subversiv bewirkenden Keyboarde sorgen für eine eindringliche Dichte im Riff-Meer – gerade wenn das Konglomerat um die Fünfminutenmarke in einen unnachahmlichen synthetischen Groove verfällt, wenig später über eine sphärische Einganspassage in eine verträumt bimmelnde Wohligkeit findet und die aufgetanen Fäden zu einem dramatischen, martialischen Klimax von unbedingter Präzision verknüpft. Auch
What I Leave Behind lebt vor allem von der schieren Körperlichkeit und dem tektonischen Volumen der Performance. Absolut malmend und heroisch sind der Sound und  die Präsenz der Band über die schabend-walzende Rhythmusabteilung plöttend und martialisch. Perrson brüllt besonders roh beißend, weswegen der Kosmos auch ohne ikonisches Ideen, brillante Motive oder überwältigende Themen wie ein Schwarzes Loch funktioniert.

Noch näher zur Höchstform kommt das nominelle Sextett Cult of Luna in seiner Funktion als Einheit und Mahlstrom-Organismus allerdings am Ende der EP, nachdem I Remember das Hoheitsgebiet in bester Handwerkskunst vermessen hat (als epochale Kaskade, die mit sich selbst im Reinen abtaucht und gewissermaßen zu einer nachdenkliche Erinnerung an die organischeren, gegenwärtigen Momente von Vertikal findet, bevor die Schweden mit stoischer Routine walzen, als Urgewalt mit ziselierten Gitarrendetails). Wave After Wave zeigt mit seinem grandiosen, unkonventionellen Drum-Beat und dem resultierenden unbarmherzigen Groove auf, der durch die nach und nach eingeflochtene Synthies einen beinahe zärtlichen Wave-Würgegriff entwickelt. Cult of Luna marschieren mit militärischer Strenge in den Sludge, liebäugeln mit vagen Versatzstücken des Drone und Noise, ohne auch nur einen Millimeter aus der angestammten Komfortzone auszubrechen. Wahrscheinlich entscheidet sich das Kollektiv deswegen guten Gewissens für die sichere Lösung: eine majestätische Größe, die so im Post Metal einfach nur (noch) Cult of Luna hinbekommen, wenn das geöffnete Klangunsiversum eine fast verzweifelt sehnsüchtige, in wundervoller Schönheit betonierende Anmut beschwört.
Deswegen macht es auch nichts, hier de facto nur „mehr vom selben“ serviert zu bekommen, weil die Band ihre üblichen Verhaltensmuster auch mit einem latent schwächeren Songwriting über einen inspirierten Hunger im auftreten stemmen. Das einzig ärgerliche an dieser Veröffentlichung sind deswegen die gefühlt drei Millionen verschiedenen Mini-Limited Edition Farbvaritionen der Vinyl-Auflagen, die einem als sammelndem Fan (mehr noch als bereits A Dawn to Fear) die Kauffreude austreiben können.

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