Daniel Johns -Talk

von am 2. Juni 2015 in Album

Daniel Johns -Talk

Sage und schreibe 8 Jahre sind seit dem in hiesigen Breitengraden weitestgehend unter dem Radar hindurchgesegelten Schwanengesang ‚Young Modern‚ vergangen, auch immerhin schon 4 Jahre seit dem Ende von Silverchair. Das spielt aktuell aber ohnedies kaum eine Rolle mehr – denn es dauert auf ‚Talk‚ mindestens drei Songs, bis man überhaupt annähernd zweifelsfrei erkennen kann, dass es tatsächlich deren ehemaliger Frontmann ist, der hier singt.

Daniel Johns wurde das  so gerne aufgesetzt Korsett des „australischen Cobain“ schnell zu eng, das seiner ehemaligen Band eingangs verpasste Image („not Soundgarden but Kindergarden“ oder „Nirvana in Pyjamas„)  bald langweilig – das machte ja bereits deren Meisterwerk ‚Neon Ballroom‚ unter anderem mit Features von Pianovirtuose David Helfgott und den Industrial-Veteranen Vitro klar, das nachfolgende ‚Diorama‚ trumpfte mit all seinen Van Dyke Parks-Arrangements auf, ‚Young Modern‚ entstand schließlich unter tatkräftiger Unterstützung von The Presets-Elektroniker Julian Hamilton, seines Zeichens auch Tourmusiker von Silverchair und den The Dissociatives.
Weitreichende Ambitionen werkelten bei Johns also immer schon gegen den künstlerischen Stillstand, die Entwicklung hin zu ‚Talk‚ musste man (vorausgesetzt man verpasste die Herold-Ep‘ Aerial Love‚ vor einigen Monaten) dennoch oder sogar gerade deswegen nicht vorausahnen können: synthetische Bässe, entschlackte Drumsequenzen, tapsende Beats, zurückhaltender Minimalismus und lauschig sexualisierte Keyboardsounds bilden die Grundlage des Solodebüts von Johns. Er selbst singt beinahe ausnahmslos in einem fistelnden Falsett, als hätte er die letzten Jahre exklusiv Platten von Miguel, Frank Ocean, James Blake, Michael Jackson und D’Angelo in sich aufgezogen, holt sich mit Lorde-Produzent Joel Little am Produzentenstuhl, Julian Hamilton und den Hip Hop Tüftlern Styalz und M-Phazes auch neuerlich Gäste an Bord, die kaum weiter weg aus dem angestammten Rock-Kosmos werken könnten.

Folgerichtig bedeutet dies: Johns produziert nun reinsten Elektro-R&B, elegant und immer auch lasziv genug, um Oben-Ohne-Videos zu rechtfertigen, dazu durchzogen mit feinen Pop-Ideen, aber eben ohne jeden gemeinsamen Nenner mit Silverchair – deren bloße Nennung ist hier im Grunde vollkommen obsolet, weil keinerlei brauchbare Referenz.
Und ‚Talk‚ ist in dieser Gangart zumindest auf die ersten Durchgänge schlicht eine enorm irritierende Platte. Weil sie einerseits akut jedwede Erwartungshaltung von Langzeitfans umläuft, aber mehr noch auch, weil sie andererseits die anvisierten Sound- und Stilvorbilder bis zur Bemühtheit absolut eklatant vor sich herträgt, dabei Eigenheiten und spezifische Charakteristika vermissen lässt, dazu nicht den selben mühelosen Flow, ein ähnlich natürliches Feeling wie etwa ein ‚channel ORANGE‚ ausstrahlt, im beiläufigsten Fall gar wie eine angestaubte Alternative zu Justin Timberlake und zeitgeistigen Konsenscharts anmutet.

Die Songs tröpfeln so eine lange Eingewöhnungszeit kaum unterscheidbar ineinander über, nur wenige Ausreißer stechen anfangs willkommen aus der Masse. Aber nach und nach wächst ‚Talk‚, forciert sein durchwegs gelungenes Songwriting (vor allem in der Schlußphase der Platte) kontinuierlich und fördert damit auch die Erleichterung, dass Johns sein Gespür für gute Melodien keinesfalls verloren hat, nur mittlerweile eben gewöhnungsbedürftiger inszeniert.
By Your Side‚ pluckert insofern mit ausholender Song Contest-Dramatik, die andere ebenfalls äußerst gelungene Hamilton-Kooperation ‚Dissolve‚ besticht mit dunkel pulsierende 80s-Keyboardwellen, wie sie Soft Cell nur zu gut gefallen würden und hat dazu noch einen im Grunde epischen Refrain auf Lager. Die Streicher stehen dem triphoppig abgehenden ‚Faithless‚ fraglos, ‚Going on 16‚ klingt wie eine Verneigung vor The Knife und Antony Hegarty auf der Tanzfläche, inklusive Bratzgitarre und brodelnden Simmeffekten. Das abschließende ‚Good Luck‚ platziert sich irgendwo zwischen theatralischer Geisterbahn und verstörenden Suspence-Abendlied. In ‚Too Many‚ rapt Johns mit quäkender Stimmlage und ‚New York‚ täuscht einen ähnlichen Chris Martin-Piano-Coup wie Johns‘ ‚Smells Like Teen Spirit‚-Schmacht an, fällt dann aber mit viel Tamtam in die üblichen Verhaltensmuster der Platte ein.

Das wahre Grundproblem des Albums: Wo ‚Talk‚ mit etwas Aufgeschlossenheit ein absolut hartnäckiger Grower ist, muss es sich dennoch den Vorwurf gefallen lassen die vorhandenen PS nicht konsequent auf den Boden zu bringen: Es fehlt der Platte letztendlich an Feinschliff, vor allem an einem externen Produzenten. Geradezu ärgerlich fallen viele gute Nummern in der glatten Eintönigkeit des zu unvariabel bleibenden Klangbildes ab, Tempo und Intensität bleiben nahezu gleichgeschoren, kaum eine Idee bekommt die Gelegenheit nach oben oder unten auszubrechen, der mäandernde und ziellos wirkende Trott desensibilisiert für die gesetzten Akzente im zwar detailierten, aber undynamischen, sich stets so sehr ähnelnden Produktions-Einerlei.
Talk‚ ist damit vor allem am Stück konsumiert schlicht zu gleichförmig ausgefallen.  15 Songs in übersättigenden 61 Minuten schärfen zudem nicht das Ohr, sondern laden dazu ein, sich im immer wieder plätschernden, charakterunentschiedenen Mittelmaß zu verirren. Wo Johns seinen ursprünglichen Plan eines Doppelalbums ob der Masse an ursprünglich vorhandenen Kompositionen schnell begrub, hätte selbst die hierfür getroffene Auswahl noch stärker selektiert werden können.
Die Öffnung für die Präferenzen der Masse, das Unterwandern des Mainstraim-Pop und Weichspühl-R&B – es gelingt besser als etwa einem Chris Cornell mit ‚Scream‚, wenngleich mit einem unnötig ermüdenden Gesamtergebnis, das sich in der suboptimalen Schnittmenge aus nachwirkender Faszination und perlend fließender Langeweile platziert. Das wahre Potential dieser Entwicklung wird sich also vielleicht erst auf dem zweiten Soloalbum Johns‘ zeigen – vorausgesetzt natürlich, er verweilt dafür lange genug in diesen stilistischen Gefilden.
Aber vielleicht schließt sich hiermit ja auch einfach nur ein Kreis: Weil Ambitionen und der Wille nach stetiger Veränderung Johns erstmals seit seinen grungigen Teenagerjahren wieder dazu getrieben haben, seinen Output mutwillig expliziten Vergleichswerten auszusetzen.

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