Flying Lotus – You’re Dead!

von am 2. Oktober 2014 in Album, Heavy Rotation

Flying Lotus – You’re Dead!

Flying Lotus beamt sich aus dem Orbit wieder zurück auf die Erde, direkt hinein in das lodernde Fieber sonnendurchtränker Jazzclubs. Womit Steven Ellison sich gleichermaßen auf Spurensuche bei  familiären Wurzeln begibt, wie er sein musikalisches Universum abermals neu vermisst.

Es passte durchaus bereits öfters ins Konzept, bei Platten des 30 jährigen Kaliforniers Flying Lotus das Verwandtschaftsverhältnis mit Großtante Alice Coltrane (die pianospielende Gattin von Saxofongott John) zu erwähnen. Und doch machte es nie derart viel Sinn wie im Fall von ‚You’re Dead!‚ darauf hinzuweisen, dass Ellison den Jazz wohl tatsächlich mit der Muttermilch aufgesogen hat. Denn waren vereinzelte Tracks wie ‚Arkestry‚ (‚Cosmogramma‚) oder ‚Electric Candyman‚ (‚Until the Quiet Comes‚) auch bereits durchzogen von geschmeidig rollenden Besen-Drums, smooth kletternden Bassspuren und flüchtigen Bläserschwaden, stellten diese Ausreißer letztendlich (wie sich nun vor allem im Rückblick zeigt) doch nur erste vorsichtige Gehversuche in Richtung des Genres dar, dessen Erforschung nun für die abermalige Neuerfindung des Flying Lotus auf ‚You’re Dead!‚ gleich im Exzess gipfeln.

Das fünfte Studioalbum des experimentellen Electro-Bastlers und Soundscape-Tüftlers ist ein 38 minütiger, nahtloser Jazz-Rausch geworden, eine muskelspielende Hochleistungssportdemonstration, in denen sich grandiose Techniker wie  Ex-The Mars Volta-/ Bosnian Rainbows-Rhythmusbieger Deantoni Parks, Brendon Small, Kamasi Washington, die Brüder Ronald und (FlyLo-Spezi) Stephen „Thundercat“ Bruner sowie die Dauermusen Laura Darlington und Niki Randa vom explodierend-hetzenden Fusions- und Freejazz-Start bis zu den stärker von R&B und IDM durchtränkten Ausläufern der Platte die Klinke in die Hand geben – und  dem Muckerfreund den Speichel in den Mund treiben.
Spätestens wenn Herbie Hancock himself zweimal in die Keyboardtasten greift sollte klar sein, dass hier keine Gefangenen genommen werden. Alles frickelt, vibriert, kribbelt, sprüht vor progressiver Virtuosität, Tatendrang und Experimentierfreude. Flying Lotus selbst mutiert im Feuerwerk dabei endgültig vom Producer zum schubladensprengenden Dirigenten, orchestriert die Hatz mit organisch ansteckenden Sound.

Die Unterteilung in 18 einzelne Tracks ist da ein leidlich sinnvolles Entgegenkommen, nur wenige der skizzenhaft hyperaktiven Einzel“songs“ melden Interesse daran außerhalb des Kontextes gehört zu werden. ‚You’re Dead!‚ funktioniert mit wenigen Ausnahmen als Ganzes, besticht als abwechslungsreiche Summer seiner Teile und als atemlos, unaufhaltsame Jamsession: der Fokus schwenkt im Minutentakt auf neue Ideen und Auswüchse. ‚Theme‚ und ‚Tesla‚ verbinden auf so stilvolle wie technisch brillante Weise 70er Jahre-Jazzmuster mit abgespacten Scifi-Noir-Effekten, ‚Cold Dead‚ und das schräge ‚Descent Into Madness‚ lassen mit ihrem disharmonisch anmutenden Avantgarde-Metalansätzen an die zerschossenen Verrückten von Kayo Dot denken. Dass der angedeutete, fistelnde Funk von ‚The Boys Who Died in Their Sleep‚ mutwillig über die Klippe geschickt wird? Irgendwie klar.
Coronus, the Terminator‚ ist dann wunderbar friedliche Soulmusik, die mit geschlossenen Augen weit hinaustreibt und erst von ‚Siren Song‚ eingefangen werden kann: Angel Deradoorian bastelt eine federleichte Verbindungsbrücke zum Pop der Dirty Projectors.
In ‚Never Catch Me‚ schielt Flying Lotus gemeinsam mit Hip Hop-Wunderkind Kendrick Lamar erst hektisch strampelnd, dann ausladend zurückgelehnt zu den Pfaden der letzten The Roots-Platten und serviert den bombensicheren Hit der Platte, bevor Ellison für sein Alter Ego Captain Murphy und Kifferbirne Snoop Dogg in ‚Dead Man’s Tetris‚ einen so diffusen wie zwingenden Killerbeat bastelt: „No jokes/ no hoax“ rappt Snoop, während FlyLo längst die nächsten Lagen an unzählig vielen, detailiert entschlackten Klangspuren sortiert und wie wild geworden durch das schwindelerregende ‚You’re Dead!‚ treibt, als gäbe es kein Morgen.
Wie genau Ellison in dem aberwitzigen Strudel aus digitaler Spiritualität, scheuklappenbefreitem Genre-Hopping, sampelnder Unberechenbarkeit und allumfassend knöpfchendrehendem Kunstanspruch seinem Werk die vielleicht klarste Linie all seiner Veröffentlichungen unterjubelt und dazu niemals Gefahr läuft ‚You’re Dead!‚ zu einem selbstverliebten Schaulauf aufzublasen, bleiben vielleicht das größte Geheimnis dieses ambitionierten Stil-Hybriden. Dass der den Spagat zwischen den Zeitebenen ohne Anstrengung gelingt und der vermeintliche Rückblick auf die Vergangenheit wieder wie ein weiterer Schritt in die Zukunft klingt, ist dann ja beinahe zwangsläufig eine Anforderung an das Profil des ständig suchenden Flying Lotus.

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