Imperial Triumphant – Alphaville

von am 4. August 2020 in Album

Imperial Triumphant – Alphaville

Die New Yorker Imperial Triumphant sind mit ihrem Viertwerk Alphaville offenbar als zutiefst polarisierenden Konsens in einer unwahrscheinlich breiten Wahrnehmung angekommen – und setzen viel daran, das Gefühl zu evozieren, es mit einem eklektischen Klassiker zu tun zu haben.

Während die noch relativ konventionellen Ursprünge des nominellen Trios um Zachary Ilya Ezrin weitestgehend abseits der öffentlichen Diskussion vonstatten gegangen zu sein scheinen, haben sich mit der wachsenden Popularität der Band (auch infolge immer größerer Labels im Rücken) sowie einer progressiven Radikalisierung im Soundbild spätestens jetzt, mit dem Riesen Century Media als Plattform, die Fronten der Rezeption offensichtlich verhärtet: Mit prätentiösen Hipster-Urteil auf der einen, und dem ehrfürchtigen Visionärs-Siegel auf der anderen Seite, scheint es nur explizite Hate it or Love it-Meinungen über Imperial Triumphant zu geben.
Wahrscheinlich treffen etwaige Stigmata in gewissen Teilen zu, und sicher ist die Positionierung in den Extremen absolut nachvollziehbar, doch eigentlich nicht notwendig – schließlich zieht auch die Musik selbst keine derart klaren Fronten zwischen seinen Verortungen. Zudem ist Alphaville weder der selbstherrlicher Blender geworden, noch das grenzenüberschreitende Meisterwerk, das man „verstehen“ muss, wohl aber eine nicht unarrogante, auch theatralische Machtdemonstration von versierter Klasse.

Eine immense Faszination und Anziehungskraft geht alleine von der absolut grandiosen – weil nicht auf billige Show-Steroide, sondern organische Dynamik setzenden – Produktion von Trey Spruance und Engineer Colin Marston aus: Lebens und atmend, das Muskelspiel ist überlegt und im Dienste der Atmosphäre konzipiert. Den Rest erledigt Kompositionmaterial, das seine Genre-Melange zwei Jahre nach Vile Luxury noch einmal um das Quäntchen besser so gekonnt durch den Fleischwolf schleust: technischer Avantgarde Death mit Black Metal-Wurzeln und distinguierter Jazz-Substanz im komplett strukturoffen herausfordernden Songwriting.
Experimentell und komplex, chaotisch oder raffiniert und nicht offenkundig für jede atonale Pirouette entlohnend, eine fragmentarische Melange. Als Referenzen taugen weiterhin annähernd Deathspell Omega, Cleric, Portal, Blut aus Nord und GorgutsObscura, letztendlich greifen sie jedoch alle ein wenig zu kurz, wenn die Nummern als Karambolage aus einzelnen Segmenten durch die Ästhetin Hand und Fuß haben, ein rundes Ganzes erzeugen und gleich von Rotted Futures weg die Distanz von orchestralem Retrofuturismus zur beklemmender Klaustrophobie eines Vintage-Paralleluniversums aus der Sicht einer Metal-Sozialisierung zu vermessen.

Excelsior röchelt nervös und polyrhythmisch vertrackt, reibt sich bis zu einem okkulten Call and Response-Part auf, stampft dann über ein atnosphörisches Sample als dystopischer Industrial-Versatz. City Swine malträtiert hirnwütig-delirant neben der Spur einen Fiebertraum, klettert die Pentatonik abseits der konventionellen Hörgewohnheiten bis zu einem Tribal-Percussion-Part von Meshuggah-Drummer Tomas Haake als Ritterschlag, über den eine disharmonische Horror-Klaviatur hereinbricht. Jedes Element scheint auf traumatisierten Kriegsfuß miteinander zu stehen, greift dann aber wieder umso dämonischer fauchend ineinander, schimmert in einem anachronistischen Rausch, der Artwork und Titel auf eine Ebene mit der Musik holt.
Atomic Age beginnt bei einem Barbershop Quartett und schiebt sich dann kaputt schnaufend zu phasenverschoben predigenden Kanzel, unter der Ezrin mit raspelnder Stimme würgend die Zeitlupe halluziniert. Psychotische Nervenstränge werden gezogen, man findet sich plötzlich hysterisch von einer schreienden Horde Screamo-Furien verfolgt in einer Tempel-Geisterbahn wider, einer apokalyptischen Kathedrale. Dort gibt es im gleißenden Hoffnungsschimmer eine Suspiria-Darbietung, die unter Wasser absäuft und vom Marsch begnadigt wird.

Transmission to Mercury versöhnt als Finte, setzt eine Lounge-Klavier-Nummer cineastisch mit romantisch in die nostalgische Melancholie wehenden Bläsern in Szene, fällt aber freilich bald mit trocken gurgelnden Bass und Blastbeats über sich selbst her. Der Titelsong lässt Noise-Gitarren und eine am Primus-Funk geschulte Rhyhmussektion erst abwechseln konterkarieren, rasiert dann ein Riffs und schleppt sich zu einer theatralisch pompösen Retro-Revue voller ätherisch zum Math verspielten Szenen im Kaleidoscope-Hörspiel. Und The Greater Good drückt dunkel brütend, als okkult schimmernde Monstrosität, modelliert sich und hakt die Attacken stakkatohaft aus einer fiependen Masse, die mit Geschrei und sonorer Rezitation einmal mehr den filmischen Score mit Streichern aus verblassten Erinnerungen an die goldenen 20er als übergeordnetes Konzeptthema und Leitmotiv bedienen.
Dass ausgerechnet die beiden Cover-Bonustracks – Experiment von Voivod und Happy Home der Residents – nach dieser exzentrischen Tour de Force die mit Abstand zugänglichsten und konventionellsten Nummern sind, passt das ebenso gut zum Wesen von Alphaville und der polarisierenden Band-Wahrnehmung, wie die Tatsache, dass in der physischen Version die beide Tonrillen der Interpretationen parallel nebeneinander gesetzt sind, und somit quasi der Zufall entscheidet, welchen Song man zu hören bekommt: Die Fronten sind hier eben Roulette, Synergie und Konfliktpotential gleichermaßen – und man kann mit frustrierter Hassliebe eine Sucht auf eine weitere forschende Reise durch Alphaville entwickeln.

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