Panopticon – The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness

von am 11. Mai 2018 in Album

Panopticon – The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness

Austin L. Lunn hat mit dem zweiteiligen The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness das sich lange abgezeichnete Opus Magnum von Panopticon aufgenommen. Über die Spielzeit von knapp zwei Stunden scheitert das Mysterium aus den Wäldern von Minnesota aber bis zu einem gewissen Grad gerade auch an seinen diesmal explizit auseinanderdividierten, sich selbst überschätzenden Ambitionen.

Der Output von Multiinstrumentalist Dunn war über das grandiose Trio Kentucky (2012), Roads to the North (2014) und Autumn Eternal (2015) immer schon geprägt von Dualitäten, inhaltlich wie inszenatorisch. In der Brust des Einsiedlers schlugen schließlich seit jeher ein Bluegrass- und ein Metal-Herz, auch die sinnsuchende Faszination für die Natur und für das Individum Mensch, in direkter Auseinandersetzung und Wechselwirkung.
Das Werk von Panopticon wurde aus dieser Ausgangslage heraus ein erstaunlich homogener Ausdruck des Eskapismus, der die Romantik in der Rückkehr zu einem simplizistischen Emeritendasein suchte und Antworten in einer mystisch-spirituellen Verweigerungshaltung sowie einem musikalischen Amalgam fand, das immer auch durch die Symbiose und Fusion seiner Pole zu beeindrucken wusste.

Für The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness versucht Dunn diese Extreme nun (wenn auch mit verschwimmenden Grenzen) zu trennen, den Fokus mit einer bisher ungekannt stark kontrastierten Struktur zu destillieren. Wo Part 1 des achten Studioalbums von Panopticon nun also weitestgehend den bekannten Atmospheric Black Metal-Pfaden folgt, die Dunn bereits in der Vergangenheit erkundete, schickt sich Part 2 an, den Bewegungsradius in den Folk und Country autonomer zu forcieren.
Um es vorwegzunehmen: Das Problem von The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness wird letztendlich nicht der forciert ambivalente Grundgedanke der Platte sein – immerhin gelingt es Dunn und seinen Gästen die beiden Teile entlang einer kohärenten Stimmung durchaus zu einem stimmigen Gesamtwerk zu verschweißen. Viel eher krankt das Album an dem qualitativen Bruch zwischen den zwei Medailenseiten. Doch der Reihe nach.

Part 1 bleibt also bei den Leisten von Panopticon: Melodisch und furios macht Dunn hier seinen Frustrationen mit berauschender Intensität Luft, beschwört eine instrumental detaillierte Machtdemonstration, die die Stärken der The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness-Vorgänger bündelt, auffächert und weiterdenkt, über den Tellerrand blickenden Black Metal in Bestform bietet.
Watch the Lights Fade eröffnet mit einem Lagerfeuerknistern, Akustikgitarre und Harmonika, wehmütig und nostalgisch. Demütig wächst das Intro mit zurückgenommenen Mitteln zu einem epischen Wesen, bevor En Hvit Ravns Død (aka A White Raven’s Death) bereits nach den Sternen greift: Tremologitarren und Blastbeats adeln den Mastermind-Musiker Lunn, der sich giftig-geifernd und aggressiv nicht von eleganten Blackgaze-Harmonien lösen will und später über einen Ambientpart zu Streicherarrangements findet, die ein hymnisches Finale samt Chören einleiten, sich immer majestätischer zur Kammermusik-Opulenz strecken und am Ende sogar in versöhnlichem Schönklang baden. Ähnlich überragend En Generell Avsky (aka A General Disgust), in dem Dunn mit A. Petterson als Gastsänger ein Brett von einem Leviathan über ein Powerriff mit brillantem Kniff einleitet, danach eine skandinavische Prägung wie bei Djevel zeigt und eine mit harter Dominanz eine immense Schlagkraft entwickelt.
Das dringliche Blåtimen (aka Blue Hour) adaptiert dagegen galoppierend NWOBHM-Muster und hastet zu einer epischen Weite, die die immer noch wachsende Klasse von Panopticon in diesen Gefilden unterstreicht. Über die routinierte Fingerübung Sheep in Wolves Clothing bremst A Ridge Where The Tall Pines Once Stood den homogenen Fluss geschickt als Akustik-Intermezzo am Lagerfeuer ab: Melancholisch und abgekämpft blickt Dunn in die Appalachen oder betrachtet die Schneeschmelze, existiert jedenfalls in seinem eigenen Raum/Zeit-Kontinuum, lauscht einer Spoken Word-Performance von Joe Beres im weihevollen Kontext. The Singing Wilderness kommt danach nicht zum Punkt, ist aber ein solider Füller, bevor Snow Burdened Branches nach Ben Smiths Ansprache für zukünftige Generationen noch einmal alle Register zieht und in einem postrockigen Finale verglüht.

Dort übernimmt der Monolith The Moss Beneath the Snow ansatzlos, driftet sphärisch plätschernd durch ein imaginatives Gewässer, nimmt später bedächtig mit kristalliner Schönheit an Fahrt auf und mutiert zum betörenden Indiefolk an der Schwelle zu Grails’schen Hoheitsgebiete. Eine geduldige Schönheit mit erfurchtgebietender Grandezza, friedfertig und majestätisch. Über die letzten Meter steigt Lunn mit klarer Stimme in das Geschehen und verabschiedet den harschen Black Metal-Part mit aller Last der Welt auf seinen Schultern – irgendwo in der Nähe von Steve von Till und anderen Naturfreunden. Eigentlich der perfekte Schlusspunkt des potentiell bisher besten Genre-Albums des Jahres.
Wo Part 2 zu diesem Zeitpunkt die Schemen noch ineinander verschwimmen lässt und The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness die Panopticon-Discografie soweit abermals triumphal ausbaut, kippt das Szenario alsbald hin zu introspektiven Lagerfeuergeschichten, die sich schaurig und prätentiös geben, dazu neigen zu lamentiert und zu mäandern. Lunn kann in der zweiten Plattenhälfte nicht mehr die Spannungen der ersten halten oder unter veränderten Bedingungen ähnlich reichhaltige Emotionen aufbauen, sondern verliert sich in einer Gleichförmigkeit, die immer wieder cheesy Plattitüden anheim fällt und generische Klischees bedient, in den schlechtesten Momenten gar zur Karikatur der anvisierten Ziele wird.

The Wandering Ghost nutzt Banjo und Gitarre für eine flapsige Americana/Roots-Erzählung, zu der Lunn mit bemüht rauchiger Stimme in seinen Bart nuschelt, während er die Harmonica-begleitete Endzeitballade Four Walls Of Bone mit betont flehender Stimme leidet. Auch das depressiv-stellar funkelnde A Cross Abandoned will, dass man sich mit geschlossenen Augen in seiner langsam schunkelnden Hypnose verliert, den orgelgefütterten Classic Rock-Vibe unter offenem Himmel genießt, Beast Rider fokusiert auf Lunn und seine Gitarre in einem einsamen Western-Szenario und zeigt, dass Entschleunigung und Zurückhaltung Panopticon in dieser Ausrichtung entgegenkommen. Das sehnsüchtige Not Much Will Change When I’m Gone trägt dagegen ohnedies um Nuancen zu dick auf.
Allesamt keine per se schwachen Songs, aber jeder für sich deutlich zu ausführlich über enervierende Spielzeiten von bis zu 8 Minuten dümpelnd – zumal Lunn die Energie und Wucht der Platte hier vollends abwürgt, nur noch um grundlegende minimalistische Ideen kreist, ohne das Songwriting zu entwickeln und er The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness damit doch auch zur gefälligen Hintergrundbeschallung deklariert. Danach aber kippt der Level, die Zäsur verkommt zum Selbstzweck.

Echoes In The Snow gibt sich vielleicht instrumental klampfend anpackender als die Nummern davor, ist aber in Summe ein bocköder Country-Baukasten ohne Geistesblitz; The Itch  macht einen auf Dylan – kritisiert gesellschaftspolitisch und setzt Mundharmonika ein, wirkt dabei aber so banal und platt.
Das führt endgültig zur Erkenntnis: Dieser Art Musik kommt dem Sänger Lunn einfach nicht entgegen. Wo er ein herausragender Black Metal-Künstler ist, reicht es im reinen Folk bestenfalls zum mediokren Durchschnitt. Das bekommen Seelenverwandte wie Aerial Ruin einfach einnehmender, weniger austauschbar, mystisch-authetischer hin. Selbst Variationen im Auftreten, wenn das schier unendlich scheinende (Cowering) At The Foot Of The Mountain mit elegischen Schritt durch den Mittelalterlich verschneiten Wald döst, sorgen nur für ein leidliches Mehr an Charakter – weil das gerade auf die penetrante Distanz von 10 Minuten für pure Langeweile sorgt, dazu das Verlangen nach Alben wie Peasant. Kleine Kniffe wie eine immense Straffung, Selbstkontrolle und Kompaktheit hätten das Doppelalbum deutlich verbessern können.
Stattdessen bemüht die abschließende Banjo-Nichtigkeit The Devil Walked The Woods dann die selben Goth-Waldschrat-Tropen wie Me and That Man oder King Dude, weswegen The Scars of Man on the Once Nameless Wilderness nach knapp zwei Stunden auch enorm frustrierend entlässt.
Wo Part 1 ein klein wenig hinter seinen immensen potentiellen Möglichkeiten zurückbleibt und dennoch restlos überzeugt, bekommt Part 2 dagegen deutlich mehr Raum, als angesichts der grundlegenden Substanz auch nur ansatzweise gut tut – der folkige zweite Teil dieser Platte ist in seiner Gänze phasenweise eine einzige Qual: Ambitioniert und stimmungsvoll vielleicht, aber dabei kompositorisch seicht, ziellos und uninspiriert. Als Doppelalbum will das schwach selektierte und aufgeblasene Werk deswegen auch nur bedingt funktionieren. Weswegen sich die Durchschnittswertung als Ergebnis hier am Ende dann in den falschen Momenten sogar ein klein wenig zu hoch gegriffen anfühlt, während die stärksten Szenen als Discografie-Highlights schmerzlich unter Wert verkauft werden.

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