Phoebe Bridgers – Punisher

von am 28. Juni 2020 in Album

Phoebe Bridgers – Punisher

Dieser Punisher will dorthin, wo es wehtut, bleibt aber auch in der Apokalypse unverfänglich: Phoebe Bridgers dirigiert ihren bittersüßen Indiefolk über melancholische Singer-Songwriter-Poesie und Emo-Schonungslosigkeit gar hin zum tiefschürfender instrumentierten Slowcore.

Seit die heute 27 Jährige Amerikanerin mit Stranger in the Alps 2017 ein sehr einnehmendes Debüt veröffentlichte, hat sie mit kredibilen Gemeinschaftsprojekt wie Better Oblivion Community Center und Boygenius die idealen Knöpfe gedrückt, um sich einen prominenten Freundeskreis aufzubauen und zum Liebling des Feuilletons aufzusteigen.
Daran wird sich mit Punisher nun wenig ändern. Einerseits auch, aber keineswegs ausschließlich deswegen, weil Bridgers in der Gästeliste ihres Zweitwerkes auf das Talent zahlreicher in den vergangenen drei Jahren geknüpfter Business-Kontakte bauen kann (u.a. Conor Oberst, Lucy Dacus, Julien Baker, Christian Lee Hutson, Nick Zinner, Blake Mills oder Nathaniel Walcott), ihr eigener musikalischer Kosmos zudem über die Liebe zu Elliott Smith mit noch mehr Mut zum (selbst) voyeuristischen Wundbrand hinausgewachsen ist, auch instrumental und produktionstechnisch. Und andererseits, obwohl das expandierende Songwriting von Bridgers und die gleichzeitig limitiert bleibende Auslage ihrer Melodien dennoch nie wirklich das intensive Gewicht erreichen, um den allgegenwärtigen medialen Hype in letzter Konsequenz schultern zu können.
Kurzum: Phoebe Bridgers hat mit Punisher keinefalls das vielerorts herbeizitierte Meisterwerk geschrieben, liefert jedoch ein gutes, phasenweise sogar sehr gutes Album, das sich eine Konsenstauglichkeit mindestens solide verdient, indem es seine Traurigkeit mit viel Schönheit und entwaffnender Direktheit kontrastiert – beides übrigens mit ruhiger Hand, vermeintlich subversiv gehalten, aber im Grunde doch stets ziemlich offensichtlich und plakativ gestrickt.

Dabei konnte man sich durchaus Sorgen machen, als Punisher am Horizont auftauchte – schließlich war (gerade im Kontext einer restlichen, weitestgehend kontemplativen – und der Stimme damit entgegenkommenden – Platte, die sich ansonsten mehr Zeit nimmt, um nicht derart plump zu agieren) Kyoto als Vorabsingle erschreckend banaler, bocköder 08/15-Indierock von der Stange, der nicht nur mit seinen vom Reißbrett die Ausgelassenheit suchenden Bläser so durchsichtig das Formatradio (oder zumindest das Vermächtnis der Bright Eyes) bemüht, und auch in der lyrischen Selbstkasteiung keinen Mehrwert findet, obgleich man sich mit dem Stück letztendlich arrangieren kann.
Auch drumherum macht Bridgers nun freilich nicht alles richtig. Chinese Satellite verkneift sich etwa den zu plakativ inszenierten rockigen Ausbruch, schmiegt sich an eine Zuneigung für die elektronische Seite von The National, lässt aber leider seinen schmalzigen Streichern eine dominantere Rolle als den The Cure-Anleihen angedeihen, während die sich fast noisig duellierenden Postpunk-Gitarren nur als falsche Fährte ausfransen dürfen, keine Radikalität kennen. Später, am Ende der Platte, wird das feine I Know the End als sentimental mäandernder Blick in den Nachthimmel (ausgerechnet als einer der wenigen Ausbrüche der stillen Dynamik) ein klein wenig zu vorhersehbar im opulenten Instrumentarium aufgehend für das Stadion bereit machen, die in der feiernden „The end is near!“-Gemeinschaft herbeibeschworene Katharsis aber nur in einer solch schüchternen Konsequenz erzwingen, die im Zweifelsfall lieber die Bekömmlichkeit wählt, anstatt wirklich wehzutun.

Generell neigt Bridgers dazu, lieber in Sichtweite des generischen Weges zu bleiben, anstatt das wirklich interessante Wagnis jenseits der Komfortzone zu wählen. Weswegen die an sich derart maßgeschneidert packen müssende Musik auch nicht den emotionalen Impact forciert, der in all den überschwänglichen Reviews da draußen gelobt wird, obgleich all die Leisetretenden Szenen letztendlich doch einen immanenten zauber versprühen.
Moon Song überzeugt etwa als abgedämpft schippernde Downbeat-Nummer, die wattierte Distortion auf ihre Drums legt, die Gitarren umgarnen sich tiefenentspannt und das ist betörend – wobei die Litanei im falschen Augenblick durchaus einen Wimpernschlag von der Langeweile entfernt wandern kann. Die romantische Nostalgie Savior Complex lehnt sich dagegen immer weiter in die sorgsamen Arrangements zurück und tänzelt gar wunderbar durch alte Schwarz/Weiß-Filme, bestärkt jedoch gerade auch den Eindruck, dass Bridgers einfach interessantere Musik machen würde, wenn sie sich weiter von zu konventionellen Indie-Sicherheitsgedanken verabschieden würde. I See You pulsiert einen Meter von der Austauschbarkeit entfernt, nett und harmlos – man kennt das von dem Grätzel um Baker schon, man hat diese vermeintlich subtil inszenierte Dramatik schon so oft (und zudem besser) gehört.
Aber eben: Punisher ist smart genug, um sich daraus niemals einen Strick drehen zu lassen. Graceland Too ist deswegen mit Banjo und Fidel im Bluegrass und Country verwurzelt absolut angenehm zu hören, aber auch spannungsarm plätschernd – die Stimmung macht den Unterschied, ganz genrell bei diesem Album.
Am besten ist das Zweitwerk ohne wirklich überwältigende Nummern, ohne tatsächliche Gänsehaut, aber einer warm ums Herz werdenden Intimität, ohnedies immer dann, wenn das Gespür für eine dichte Atmosphäre das Verlangen nach Struktur und Form zu leiten scheint. Das abgedämpft pulsierende Garden Song lässt sich dann unaufgeregt mit dunkel-tiefen Timbre nuanciert in einen homogenen Kontrast geleiten und das Titelstück taucht als verträumte Piano-Elegie mit Effekten auf der Stimme in eine Slowcore-Collage, bevor das pluckernde Halloween fast schon Pointilismus im ätherischen Ambiente ist. All das braucht kein Spektakel, um die Seele balsamierend zu wachsen – wertet Punisher knapp zwischen den Punkten liegend aber dann doch nicht heimlich auf, weil sich nicht ausklammern lässt, wieviel berührender, ergreifender und eindringlicher Bridgers (egal auf welcher Veröffentlichungsplattforfm) bereits gezaubert hat. Ein Übergangsalbum?

 

 

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