Pig Destroyer – Head Cage

von am 4. September 2018 in Album

Pig Destroyer – Head Cage

Führen im Grindcore letztendlich womöglich alle Wege zurück zu Napalm Death? Zumindest sind externe Einflüsse prägender denn je, wenn Pig Destroyer ihren Sound mit Head Cage über den Tellerrand blickend von innen heraus exzessiv mutieren lassen.

Sklavisch an die Erfolgsformeln der stilprägenden Meisterwerke Prowler in the Yard und Terrifyer haben sich die Genre-Könige aus Virginia ohnedies schon mit den polarisierenden Nachfolge-Geniestreichen Phantom Limb sowie Book Burner (2012) – und mehr noch „Kurz“formaten wie Natasha oder Mass & Volume – nicht gehalten. Weswegen es umso schwerer wiegt festzustellen, dass Scott Hull und Co. nichtsdestotrotz wohl noch keine größere Herausforderung für Puristen vorgelegt haben, als  Head Cage nun eine ist.
Ganz unvorbereitet sollte es jedoch niemanden treffen, dass Pig Destroyer ihren Sound erweitern. Darauf ließ schließlich alleine schon die Aufnahme von Scour-Kumpel und Familienmitglied John Jarvis schließen, der der Klangpalette der Band seit 2013 nunmehr auch erstmals Basstöne verleiht und mit seinen flächigen Tiefen für neue Facetten sorgt.

Die personelle Erweiterung wirkt sich nämlich gerade im Verbund mit der den schnepfenden Punch suchenden Produktion von Hull sowie dem Metalcore-erprobten Mix von Will Putney ganz generell gravierend auf das allgemeine Spektrum aus. Head Cage klingt deutlich heavier, fülliger und muskulöser als sein Vorgänger, weniger rasend als wuchtig, lässt J.R. Hayes zudem endgültig auf reißerisch verzerrte Effekte über seinem (primär mit weniger Bandbreite, sondern roher Brutalität) attackierenden Gebrüll verzichten und reduziert mit gedrosselten Tempo sogar die Blastbeats im groovenderen Rhythmus eklatant.
Allesamt Entscheidungen, die dazu beitragen, den ikonisch-originären Charakter der Band austauschbarer zu machen, indem Pig Destroyer assoziativ (zu) nahe in fremde Gewässer – eben hin Richtung Napalm Death oder (gerade – und ausgerechnet! – im Drumsound) Agoraphobic Nosebleed wandern. Im Umkehrschluss öffnet sich dadurch allerdings auch eine neue Flexibilität und ein stärker differenzierter Kontrast im Songwriting, was das Quintett nutzt, um sich nach dem ohne Understatement auskommenden, aber zumindest nicht zu generisch explodierenden Intro Tunnel Under the Tracks neben einzelnen vertraut-atemlosen Grind-Sprintern (wie dem rasenden Dark Train oder dem schlichtweg bestialischen Mt. Skull) immer wieder eindrucksvoll aus der eigenen Komfortzone zu provozieren.

Army of Cops orientiert sich am metallischen Hardcore und Kumpanen wie Nails, zündet im Albumkontext noch einmal deutlich imposanter als in seiner Single-Funktion und spielt seine extrem catchy daherkommende Schmissigkeit mit Grindfather Richard Johnson kompromisslos aus, während Circle River klingt, als würden Pig Destroyer rifffixierten Sludge der Marke Down oder Corrosion of Conformity mit einer Extraportion Speed ausstatten, und The Torture Fields kurz zögert, dann aber in einem kaum zu bremenden Thrash-Abriss eskaliert.
Terminal Itch tackert mit Kat Katz am technischen Death entlang, wohingegen sich das vertrackte Concrete Beast ohne konkretes Ziel vor Augen um seine zerfahrene Dynamik verbiegt und zeigt, dass nicht alle Szenen der expandierenden Assimilierung Head Cage gleich intensiv und effektiv zünden. Längen oder Leerlauf sind dennoch ausgeschlossen, denn gerade am Stück können sich die 32 Minuten darauf verlassen, von einem mitreißenden Fluss getragen zu werden, der jedwedes Mäandern unmittelbar ausgleicht – im konkreten Beispielfall mit dem Zug des immer dringlicher werdenden The Adventures of Jason and JR.
Das grummelnde The Last Song hetzt später mit Dylan Walker von (den Artwork-Spezis) Full of Hell über bollernde Tempowechsel und wirft trotz seiner Komplexität unzählige Gitarrenfiguren ohne Ende mit griffiger Eingängigkeit aus dem Reißwolf, bevor das siebenminütige House of Snakes mit akribischer Math-Präzission von Corey Taylor‚esken Tendenzen über zerhakten Death und postmetallischen Noiserock praktisch wie selbstverständlich hin zu beinahe klassischen Pig Destroyer-Stärken findet, die sich über so viele atmosphärische Texturen und Finten winden.
Gerade auch, wenn man sich die Abneigung ansieht, die Head Cage trotzdem/gerade wegen derartiger Momente von zahlreichen enttäuschten Anhängern entgegenzuschlagen scheint, ist das sechste Studioalbum von Pig Destroyer sicher nicht das Werk geworden, auf das ein Großteil der Fans knapp sechs Jahre gewartet hat. Dabei wäre es durchaus empfehlenswert, die Diskografie der Band aufgrund derartig unbequem-ambivalenter Kampfzonenverlagerungen nur umso höher wertzuschätzen.

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