Serpent Column – Kathodos

von am 11. Oktober 2020 in Album

Serpent Column – Kathodos

Serpent Column steigen auf Kathodos zum fünften Mal in vier Jahren hinab in psychotische Black Metal-Untiefen, graben dabei jedoch trotz aller Falltüren und Finten ihr womöglich zugänglichstes Werk aus.

Das dritte Studioalbum von Theophonos (James Hamzey) und seiner virtuosen Schlagzeug-Erfüllungsgehilfin Maya macht (natürlich) nicht dort weiter, wo das überragende, den Hardcore-Anteil auflagernde und Math-Einfluss konzentrierende Endless Detainment vor wenigen Monaten aufgehört hat, ist freilich aber auch keine Fortsetzung des direkten Langspieler-Vorgängers Mirror in Darkness – eine prognostizierbare Komfortzone war für Serpent Column aber ohnedies immer nur da, um sie gegen den Strich gebürstet zu zerreißen. Trotzdem – oder viel eher gerade deswegen – fällt der Zugang zu Serpent Column hiermit aber einfacher, als bisher.
Theophonos kontrolliert das dissonante Chaos strenger, drosselt den technischen Wahnsinn und evoziert auch eine konventionellere Gangart über ein direkter ausgelegtes Songwriting, wie alleine das vorauseilende Offering of Tongues mit stringenteren Strukturen, metallisch in den Himmel zeigenden Konturen und mehr melodischen Nuancen forciert – bevor die Nummer als heimliches Finale in der puren Katharsis einer tollwütigen Manie eskaliert.

Es gibt Momente, in denen Serpent Column mehr denn je wie Deathspell Omega klingen (gerade die Phase aus den Geißelungen Splinters of Departure sowie Wind and Fog) und solche, die ganz dezidiert in den rasenden Wahnsinn treiben sollen: Der repetitive Gong-Effekt im immer neu von den Drum-Pattern verschleppten Abgang von Dereliction, das dabei doch so eingängig und zielstrebig begonnen hat, bis der Song sich selbst verdaut, und am Ende ein frickelndes Avantgarde- Noise-Gemetzel am Schlagzeug ist. Und mehr noch der mit irrationaler Länge von neuneinhalb Minuten daherkommende Closer Desertification, der das immer gleiche kontemplative Riff auf einer rostigen Akustikgitarre bis zum Erbrechen wiederholt und damit ebenso aus dem Rahmen fällt, wie er eine seltsam hypnotische, versöhnlich in Trance versetzende Wirkung zeigt.
Am Beginn der Platte eröffnet Departure of Splinters dagegen praktisch unmittelbar mitten in einem längst laufenden Song, blendet dann aber kurzerhand ab und startet nach 20 Sekunden kurzerhand einen anderen Einstieg in vertrackte Rhythmen und infernale Blastbeats als Rahmen für melodisch wandernde Gitarrenfiguren und hirnwürtige Riffs, samt einer bisweilen beinahe rockigen Knackigkeit neu – nur um später anstelle eines stringent zu Ende komponierten Spannungsbogen nach und nach auszublenden, den Drone unbemerkt über das Fade Out-Szenario zu kippen und plötzlich das Titelstück zu reißen – eine umständlich walzende Abrissbirne mit heroischer Figur, ein aggressiv brüllender Leviathan mit postrockig flimmerndem Outro.

Kathodos wird klassische Verhaltensmuster in einer Karambolagen aus Konturen auch im weiteren Verlauf nicht respektieren, einzelne Stücke mal abrupten Radikalitäten und überraschenden Einbrüchen unterziehen und dann wieder mit viel atmosphärischer Bandbreite ineinander verweben. Anodos installiert ein Riff, das auch zu einem Hit führen könnte, entpuppt sich dann aber abblendend als in Nichts verglühendes, diffus platziertes Interlude von 63 Sekunden Länge als Verweigerungshaltung.
Generell zeigen Serpent Column aber doch mehr Ausgewogenheit und Balance durch ambiente Passagen, schärfen damit die Wahrnehmung der eingängigen Züge und den individuellen Wiedererkennungswert im atonalen Groove. Night of Abscence badet etwa erst im somnambulen Klangmeer der nachdenklichen Melancholie, explodiert dann aber als hymnischer Berserker, während die traurige Sehnsucht von Seinsverlassenheit im Postrock- Scoresugheht und Pathlessness seine gemeine Essenz mit wehmütiger Patina speist.
Das ist gleichzeitig so verstörend einladend wie herausfordernd, entlohnt mit ungekannten Griffigkeit aber wohl ebenso nachhaltig, wie es die Vorgängerwerke taten. Selbst wenn man die stilistische Ausrichtungen der bisherigen Veröffentlichungen noch ansprechender finden kann, muß das deswegen auch gar nicht notwendigerweise bedeuten, dass Kathodos schwächer wäre. Theophonos hat Serpent Column einmal mehr ein Stück weit neu erfunden, spaltet das schizophrene Wesen der Ästhetik immer mehr auf, praktiziert seinen referentiellen Eklektizismus auf höchstem Niveau und ringt seiner Unberechenbarkeit damit abermals neue charakteristische Facetten ab. Serpent Column bleiben also eine irritierende Ausnahmeerscheinung des mordernen Black Metal.

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