Sleep – The Sciences

von am 15. Mai 2018 in Album

Sleep – The Sciences

The Sciences ist kein neues Holy Mountain, kein weiteres Dopesmoker – aber wohl im bestmöglichen Sinne genau die überraschungsarme Zuverlässigkeit am Schnittpunkt aus Vergangenheit und Gegenwart, die man von Sleep pünktlich zum Ad Hoc-Release am Weltkiffertag erwarten durfte.

Obwohl die reformierte Doom-Legende ja bereits seit 2009 wieder unterwegs ist (anstelle des mittlerweile zugunsten seiner Familie in Musikerpension gegangenen Chris Hakius bekanntlich mit Neurosis-Schlagwerker Jason Roeder an den Drums) und neben sporadischen Tourneen seitdem immer wieder Infos über neues Material die Runde machten (ob als Morsecodes, irreführende Fährten oder sogar in konkreten Formen, wie der Single The Clarity) kam der plötzliche Über-Nacht-Release von The Sciences dann doch ohne große Vorlaufzeit: Album Nummer Vier, dass je nach Zählweise erste seit knapp 19 Jahren, sei fertig und werde zur Feier des Canabis-Tag innerhalb der kommenden 24 Stunden verfügbar sein, später auch physisch via Jack Whites Third Man Records-Label nachgereicht.

Folgerichtig braucht es dann auch keine großartig ausgedehnte Inkubationszeit, um unmittelbar in den dröhnenden Kosmos von Sleep hineingezogen zu werden. Der eröffnende Titeltrack, praktisch ein Intro, verschmilzt bratzendes Feedback und amalgamisiert Fuzz aus dem Verstärker mit nebulösem Effektpedalgeschwurbel. Die physische Bewusstseinserweiterung namens Sleep fährt hoch; bleibt noch diffus und ruckelnd, die Turbulenzen beim Austritt aus der Stratosphäre gehören aber zum Programm. Danach strahlt der Kosmos von The Sciences in all seiner magenaushebelnden Heavyness geradezu schwerelos mit spaciger Weite. Gitarrengott Matt Pike türmt übermannende Kaskaden aus tieftönenden Riffs übereinander, Al Cisneros lässt seinen Bass mit vollkommen entschleunigt nach unten gestimmten Grummeln rumoren, die so zweckdienliche Rhythmusarbeit von Roeder dient als groovendes Bindemittel.

Ein Stoner-Sound, der alte Trademarks aufleben lässt, in kleinen Nuancen aber die Zeit seit Dopesmoker nicht ausklammert. Wenn sich raffiniert auf High on Fire verweisende sportliche Tricks in den wuchtig schieben Gitarren-Monolithe finden lassen. Etwa gleich im überragenden Marijuanaut’s Theme, das die Bong mit einer fantastischen Kompaktheit anschmeißt: Da gibt es dann nahezu makellose Genre-Perfektionen, massiv und sportlich-wendig, die mit ihrer Hi Hat-Hatz den einen unfassbar energiegeladenen Antrieb zeigt. Die Gitarre rotiert schwurbelt solierend, der Bass brät und auf die letzten Sekunden hastet noch eine letzte Hook mit Gesang als brillante Finte über die Ziellinie. Pointierter als hier hat die Band selten das nackenbrechende Zeitlupen-Element ihrer tektonischen Headbanger mit einem transzententalen Vibe verschmolzen.

In direkter Relation ist die Update-Entwicklung in den Vocals von Cisneros erkennbar, seine (fast schon stakkatohaft gen Rap arbeitende) Intonation mit einem hypnotischen Singsang nahe an der meditativen Repetition von OM rezitiert, sicher ein polarisierenderes Element der wiederbelebten Sleep. In Giza Butler findet das Trio über Verweise auf Tony Iommi und Frank Herverts Dune auch gleich die verbindende Reminiszenz an die OM‘sche Mystik und Black Sabbath’s Tieftöner Geezer Butler – und mehr als das: Giza Butler rockt heftig und sucht später sogar den Exzess, entwickelt über zehn Minuten hinweg eine schwerelos zermalmende Dichte.
Auch wenn die Riffs und Gebirge hier weniger ikonisch sind, als die bisherigen Arbeiten von Sleep – viel falsch macht The Sciences deswegen in seinem walzenden Wellengang noch lange nicht. Die einzige Schwächephase der Platte ist also höchstens eine relativ: Antarcticans Thawed folgt dem militärischen Marsch an der Snare und legt einen traumwandelnden Slow-Mo-Schub darüber, der sich monströs gebärdet – der typische MO von Sleep. Im Gegensatz zu den restlichen Songs erschöpft sich Antarcticans Thawed dann aber irgendwann etwas träge. Wo der Song im Kontext durchaus stimmig sitzt, weil Sleep längst in eine ganzheitliche Stimmung versetzt haben, um im Rausch des Gesamtwerks einzunehmen, wirkt der Song für sich genommen zu uninspiriert und nicht hungrig genug. Erst auf die letzten Meter von Antarcticans Thawed überzeugt das Trio wieder, wenn die Nummer weicher und harmonischer ausklingt. Vielleicht mäandert die längste Nummer der Platte ein wenig zu ziellos, an der langen Entwicklungszeit (der Song datiert aus den Sessions von Dopesmoker) kann es jedoch nicht liegen.

Immerhin hat auch Sonic Titan eine derart lange Entwicklungszeit hinter sich – und mutiert hier zu einem reinen Triumphzug. Ein Monolith, der Geduld verlangt, die hauseigene Schwerfälligkeit mit stoischer Macht dekliniert. Es ist durchaus eine der Tugenden von The Sciences, dass Sleep die kompositorische Monotonie ihres Songwritings mit subtil variierten Nuancen als Kurzweiligkeit ohne Ermüdungserscheinungen umsetzen. Stattdessen atmet Sonic Titan kurz durch und wälzt dann mit garstigen Vocals, einer Badass-Attitüde und ordentlich Fuzz dahin. Fokussiert geht freilich anders, der Hypno-Weg in die Trance genau so – zumal Pike seine Gitarre hinten raus heulen lässt und das prägende gleichzeitig Riff mit herrlicher Ausdauer repetiert.
Spätestens hier zeigt sich auch, dass Sleep weiterhin uneingeschränkte Meister des Mantra-Doom sind. Indem sie eine zeitlose Qualität pflegen, die in diesen Höhenmetern nur wenige andere Klassiker wie etwa Goatsnake erreichen, und die The Sciences vor allem auch als Gesamtwerk enorm stringent zu Ende denkt. Das abschließende The Botanist nimmt sich selbst und damit auch den praktizierten Druck der vorherigen Songs wieder etwas zurück, lüftet den Sound akustischer mit einer wunderbaren Dynamik durch und schließt den Kreis. Ein epischer Horizont strahlt beim Wiedereintritt in die Atmosphäre, die leidenschaftliche Gitarrenarbeit gniddelt und soliert, bevor sich der Closer komplett ausbremst und sich versöhnlich bettet. Das spannt den Bogen zum Titeltrack, lenkt das Wesen von The Sciences aber nunmehr in harmonischere Bahnen und schließt die Reise damit auf eine halluzinogen runde Weise an: Dieser Trip funktioniert auch gänzlich ohne Drogen.

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