Sleep – Sleep

von am 22. Juli 2015 in Album

Sleep – Sleep

Dass Ja, Panik-Frontmann Andreas Spechtl sein Debütalbum als Solokünstler unter dem selben Banner veröffentlicht wie die legendäre, seit 2009 wiedervereinigte Stoner/Doom Metal-Legende von Al Cisnero und Matt Pike, ist im Grunde die einzige Aufregung, die die 36 Minuten von ‚Sleep‚ hervorrufen.

Denn seinem programmatischen Titel folgend zieht es Spechtl abseits seiner Diskurspopstammband nun in einen zwielichtigen Dämmerzustand, einen nebulösen Wachtraum, der nun so gar nichts auf klare Konturen, griffige Strukturen und gezogene Grenzen gibt. ‚Sister Sleep‚ treibt mit seinem melancholischen Pianomotiv eingangs zwar noch zu auf eine elegische Melodieklarheit zu, die man so wohl auch auf den Ausläufern von ‚Libertatia‚ finden hätte können, entfernt sich danach aber schnell in einem skizzenhaft bleibenden Wellengang aus Score-Stimmung, trippigen Bassläufen, den allgegenwärtigen Trompetenschwaden von Heiterkeit-Bassistin Rabea Erradi und sanft pluckernder Minimal-Elektronik. Es knistert, hallt gedankenverloren, Effekte bedecken Stimmen, eine immanente Unwirklich dominiert die schleierhafte Dokumentation von Realem. Das Traditional ‚Duérmete Niño‚ wird deswegen in einen folkig-verschleppten Narkose-Beat-Soundkontext gestellt, der sich ein bisschen nach verschlafenem Morgentau anfühlt, ‚Hauntology‚ triggert dagegen zwischen Dub-Versatzstücken und jazzigem Flair.

Man kann sich so mühelos vorstellen, wie Brian Eno, Dirty Beaches, Jon Hopkins, Niels Frahm oder Nicolas Jaar sich in dem mediativen Fluss der Platte verlieren, dafür taucht Chris Imler irgendwo zwischen vage bleibenden Gitarrenfiguren, Loops und ausnahmslos englischen Textzeilen auf, begleitet Spechtl inmitten der immer wieder eingestreuten Fieldrecordings auf Nachtwanderungen von Neuköln bis Uganda, die transzentental um sich selbst kreisen. „Sleep is a record of the night, when eyes are closed and breathing is slow. It’s a record of the wee small hours of the morning, when the sky turns from black to blue. And it’s also a record of those shimmering hours when, in the flickering light of street lamps, people roam the streets in search for a hotel bar still open„. Manchmal treffen Pressetexte den Nagel stimmungstechnisch dann eben doch perfekt auf den Kopf.

Die avantgardistischen Soundgebilde bleiben diesen Gedankenbildern folgend flüchtig, öffnen sich räumlich in alle Richtungen, entbehren allerdings dann und wann auch nicht einer gewissen Griffigkeit: ‚After Dark‚ umreißt Western-Motive und Lounge-Flair mit dem Postrockspirit, den auch Grails forcieren, das langsam nachdrücklicher werdende Mantra ‚Time To Time‚ stellt in seiner zurückgenommenen Niedergeschlagenheit die Aussicht auf eine Parallelwelt zu James Blake, der schief-verspulte Groove von ‚Cinèma Rif‚ hätte mit seinen antreibenden Streichern in einem anderen Kontext durchaus dramatisch klingen können.
Wenn Spechtl mit dem dösenden R&B von ‚Jinja Nights‚ den umschließenden Rahmen von ‚Sleep‚ dann auf relativ stringente Weise schließt oder das unterbewusste Treiben zudem immer wieder mit allzu realitätswachen Zeilen wie „Germans, they get dangerous after dark /So watch out in Dresden, München, Berlin, after dark“ kontrastiert, führt  das allerdings auch sehr deutlich vor, dass die großen Stärken der Platten – ihre Freigeistigkeit, ihre Verträumtheit, ihre atmosphäre Bandbreite – auch zu wenig luziden Nachteilen werden können, wenn vieles wie im nicht restlos zu Ende gedachten Entwurfstadion feststeckend wirkt, mehr Ansatz als Vollendung ist. Zumal Spechtl über weite Strecken nicht einmal selbst zu wissen scheint, wohin ihn dieser Schlafwagen letztendlich transportieren wird, aber die Zügel dennoch nicht aus der Hand geben will. Öffnen sich die Augen, bleibt deswegen eine stets einnehmende, phasenweise so faszinierende wie unausgegorene Reise zurück, die Spechtl interessante Zukunftsperpektiven als Musiker eröffnet – den wahren Sleep wird er bis auf weitere allerdings nicht den Rang ablaufen.

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