Slugdge – Esoteric Malacology

von am 9. Mai 2018 in Album

Slugdge – Esoteric Malacology

Warum noch niemand sonst bisher den gemeinsamen Nenner entdeckt hat, unter dem sich melodischer Tech-Death Metal und Prog der Marke Mastodon ganz wunderbar verbinden lassen? Fragen sich auch Slugdge – und perfektionieren mit Esoteric Malacology auf ihrem vierten Studioalbum in fünf Jahren mal eben diese stilistische Ausrichtung.

Es ist jedoch die erste Platte, die unter den Augen einer breiteren Öffentlichkeit erscheint. Der Wechsel zu Willowtip Records, Experten für die abseitigen Nischen des Death (man betrachte nur Labelkollegen wie Pyrrhon), hat der Band aus Euxton, Lancashire einen enormen Schub an Aufmerksamkeit gebracht – die einhergehende Annäherung an die Formvollendung des bisherigen Stilspagats besorgt den Rest. Das Duo von der Insel klingt auf Esoteric Malacology (auch dank einer fetteren Produktion sowie dem lauteren Mix) konsequenter, bestimmter und kräftiger als bisher, komplexer durchdacht und nimmt über apokalyptische Flächen auch mit einer atmosphärischeren Tiefenwirkung ein. Selbst die programmierten Drums wirken nunmehr restlos organisch in Szene gesetzt.
Passend dazu hat sich das Duo Matt Moss (Vocals, Gitarre) und Kev Pearson (Gitarre) mittlerweile auch ganz offiziell mit The Black Dahlia Murder-Drummer Alan Cassidy und Novena-Bassist Matt Lowe zum Quartett erweitert.

Wo die variabel-gefinkelte Schlagzeugarbeit über einen gen Meshuggah oder Gojira schielenden Groove also bis zu den Blasbeats martialisch hämmert, Takte verschiebt und mit Signaturen trickst, knurren die gutturalen Growls dazu markerschütternd tief, beschwörend chantend rezitierend oder aggressiv pressend. Doch schlagen Slugdge kompositorisch immer wieder die Brücke zu Werken wie Leviathan: Mit den Formen der gefinkelten Gitarrenfiguren, all den wuchtigen Riffs und Sequenzen, den rhythmischen Finten und shreddenden Abfahrten. Vor allem aber den Melodien und Gesangslinien, die sich hinsichtlich ihrer Stimmfärbung, Intonation und sehnsüchtig beschwörenden Harmonien  nahtlos an das Schaffen von Mastodon anlehnen. Slugdge haben die Konturen dieser Prägung auf Esoteric Malacology definitiv noch einmal stärker nachgezogen als bisher und profitieren von der assoziativen Verankerung bei den Metal-Giganten insofern auch ergiebiger als bisher, erweitern ihr Einzugsgebiet und bieten ihre Rasanz einer breiteren Masse an.

Eine Entwicklung, die wohl endgültig dazu zwingt, Slugdge ungeachtet ihres Gimmicks vollends ernst nehmen zu müssen. Denn im Kern betreiben Moss und Pearson  freilich immer noch eine parodistisch-absurde Konzeptformation zum Thema Slugs: Schnecken kriechen am Artwork, in den nach ulkigen Pointen gestreckten Songtiteln und den schleimigen Texten, die oft hintergründiger als vermutet zeitaktuelle politische Themen widerspiegeln. „The soldiers won’t defend the hive/ When the Queen neglects to satisfy the builders/ You like to play the devil’s advocate, passive and impotent/ Brood over fallen empires/ That were built upon the bones of millions“ röhrt Moss und reflektiert damit weniger cartoonhafte Slurms MacKenzie-Parties, als er Analogien in Zeiten von Brexit und Co. anbietet. Und natürlich auch ohne bedeutungsschwangere Überhöhung einfach ein brutal-wahnsinniges, unseriöses Hail Mollusca! in die Welt brüllt.
Das konsequente Momentum dieser Ausgangslage sorgt diesmal jedoch gerade im Verbund mit der gestiegenen Hartnäckigkeit der Musik dafür, die unbedingte ambivalente Alleinstellungsmerkmale von Slugdge noch einmal zu unterstreichen und zu verdichten – ihre polarisierende Außenwirkung behalten sich die beiden Engländer also mühelos. Und obwohl die Referenzen heute deutlicher als je zuvor durch den Sound scheinen, macht eben keine einzige Band da draußen, was die zerschossenen Spinner von Slugdge tun.

Gerade wie unheimlich kohärent und schlüssig dieses eklektische, am Papier so schwachsinnig anmutende Amalgam letztendlich jedoch funktioniert, ist deswegen auch über etwas zu ausführliche 59 Minuten Atemlosigkeit fantastisch. Weswegen der nichtsdestotrotz berechtigte Vorwurf, dass Slugdge die beiden Säulen ihres Sounds in der jeweiligen Potentierung zum Maximum kompositorisch phasenweise mal zu archetypisch und generisch gestrickt spinnen (was paradoxerweise den Death in all seinen für Subgenres offenen Tendenzen angeht) und sich dann wieder etwas zu direkt bei Elementen der Urzeitviecher um Brent Hinds und Co. bedienen, nur bedingt greift. (Das Songwriting war auf den bisherigen Platten weniger stark definiert, aber im Grunde keineswegs schwächer – nachzuhören übrigens weiterhin nach Name Your Price-Muster auf  Dim and Slimeridden Kingdoms, Gastronomicon, Born of Slime sowie der Cover-EP Slug Life: Volume 1).
Ein wenig Leerlauf in der Mitte der Platte (mit dem zu unfokussiert zu keinen Punkt findenden Transsilvanian Fungus) ist nach triumphalen Husarenritten wie dem bockstarken Crop Killer oder The Spectral Burrows leicht zu verschmerzen. Zumal bolzende Bretter wie Putrid Fairytale sich bis zu Erinnerungen an Opeth strecken, das epische Salt Thrower dem Midtempo mehr Nachdenklichkeit einräumt und der Rausch hinten raus bis Limo Vincit Omnia ohnedies zum Triumphzug gerät, den man nicht zwangsläufig lustig finden muss, um dennoch verdammt unterhaltsam von diesem slug-getriebenen Death’n’Mastometal mitgerissen werden darf.
Dass der Hype um das obskure Esoteric Malacology dennoch ein wenig zu hoch gegriffen ist – geschenkt. Slugdge haben sich das Spotlight verdient. Nach dem allgemeinen Genre-Triumphjahr 2017 hat die Renaissance des Death Metal hiermit schließlich ihr nächstes Highlight. Und auf absehbare Zeit wohl auch ihr speziellstes.

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