SOHN, Garden City Movement [30.05.2014 PPC, Graz]

von am 31. Mai 2014 in Featured, Reviews

SOHN, Garden City Movement [30.05.2014 PPC, Graz]

Zelebrierter Electro-Eklektizismus im PPC als imposante Leistungssteigerung: der in Wien beheimatete Brite SOHN ringt seinen breitenwirksamen Songs im Livegewand ein beachtliches Mehr an Wirkungskraft ab.

Für die Wahl der Vorband ist man derweil keine Wagnisse eingegangen: Garden City Movement vermengen partytauglichere Gang Gang Danceund gezähmte Yeasayer, begegnen Vondelpark-Gitarren und James Blake-Zitaten in einer unhibbeligen Foals-Stimmung, später hüpfen auch The Rapture-Cowbells durchs Geschehen und das Quartett wird daran scheitern Phoenix-Hooklines zu evozieren. Ein stimmiges Amalgam und darüber Trend-Laptopmusik also im weitesten Sinne, also durchaus nicht zusammengesucht – aber eben mit typischen Klackerbeats, Cut and Paste-Vocaleffekten und 80er-Stylehemd nichts, was man in den letzten Jahren nicht auf zahlreichen Baustellen deutlich zwingender und packender gehört hat. Zumal sich die Setliste als tückisch erweist: die Israelis vertändeln sich über zu ausführliche 50 Minuten unausgegoren im Wechselspiel aus zweckmäßiger Tanzbarkeit (wird vom Publikum wohlwollend entgegengenommen) und sphärischen Schwelgen (der richtige Ort um sich in Songs wie dem eigentlich schönenMove Onzu verlieren ist das an diesem Abend nicht), weswegen ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt, wenngleich die inhomogenen Zuschauermasse (Kinder tummeln sich neben braungebrannten Club-Aficionados und handelsüblichen Indie-Typen) letzten Endes mit enthusiastischem Beifall dankt.

Garden City Movement Live

Eine ganz andere Gewichtsklasse ist dann vom ersten Moment an die gewährte Audienz von SOHN: Christopher Taylor thront inmitten einer Plantage aus wirbelnden Lichtsäulen vor seinem gigantischen Synthesizer, wird unauffällig aber effektiv von zwei Helfern an Gitarre und Laptop flankiert, auf einer in Nebelschwaden getauchten und in Dunkelheit liegenden Bühne: die zwangsläufig statische Performance ist (abgesehen von den patentierten ausdruckstanzartigen Meditationsbewegungen Taylors) ist irgendwo Spiegelbild von weiten Teilen des Publikums, wird aber von der enorm stimmungsvollen Lichtshow (akute Lebensgefahr für Epileptiker übrigens!) absolut gelungen kontrastiert. Der gleichzeitig differenzierte wie mächtige Sound trägt sein übriges zu den gelungenen Rahmenbedingungen bei, die im PPC an diesem Abend auf einen fruchtbaren Boden treffen: SOHN hat das Publikum von Beginn in der Tasche und erfährt spätestens nach angenehm kompakt gehaltene 60 Minuten später mit den Zugabenhits ‚Artifice‚ (zündet fulminant als pushende Hymne) und dem zielsicheren Killer ‚The Wheel‚ bedingungslosen Jubel.

Dem nicht gänzlich unhaltbaren Vorwurf der Modeerscheinung wirkt SOHN dabei mit künstlerischer Präsenz entgegen. Die Songs fließen intuitiver aus den Boxen als auf ‚Tremors‚, wirken alleine durch die bisweilen in die Magengrube fahrende Lautstärke präsenter und körperlicher, vor allem intensiver und packender, die allgegenwärtigen James Blake-Referenzen werden mit einer gehörigen Portion Interpretationsspielraum auf ein Minimum reduziert: ‚Ransom Notes‚ gerät flächiger und eruptiver als auf Platte, das gefeierte ‚Bloodflows‚ explodiert hinten raus förmlich und ‚Oscillate‚ wird zum spacigen Trip ausgedehnt. ‚Warnings‚ arbeitet derweil mit einem Stroboskopgewitter und schiebenden Keyboardsounds, die hämmernden Schnipselbeats von ‚Lights‚ drücken derart, dass Stillstand kaum eine Option ist. Besonders großartig gelingt jedoch vor allem ‚Tempest‚, das über einen bestechenden Acapella-Beginn zu einer melancholischeren, auf verletzlichen E-Piano-Klängen basierten Version umgearbeitet wird. Taylor frasiert dazu stimmlich mit seinem bestechenden Falsett zwischen der sich auftuenden physischen Unmittelbarkeit und einer gesteigerten Emotionalität nach Belieben, verdichtet die Atmosphäre seiner Kompositionen in dieser Auslegung zusätzlich. Die Umsetzungen der digitalen Soulpop-Songs für die Bühne gelingt so nicht nur eindrucksvoll, sondern offenbart mit verschobenen Facetten vor allem die Erkenntnis dass der Livemusiker Chris Taylor den Studiobastler SOHN noch einmal spielend übertrumpft. Ein Zeitgeist-Produkt – vielleicht; aber zumindest ein  verdammt effektives.

Setlist:
01. Ransom Notes
02. Red Lines
03. Tremors
04. Bloodflows
05. Oscillate
06. Tempest
07. Warnings
08. Veto
09. Lights
10. Lessons

Encore
11. Artifice
12. The Wheel

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