Spotlights – Love & Decay

von am 15. Mai 2019 in Album

Spotlights – Love & Decay

Das Ehepaar Sarah und Mario Quintero hat immer schon versucht, verwaschene Schönheit des Shoegaze mit der Heavyness des Post Metal zu übersetzen. Auf seinem Drittwerk Love & Decay gelingt ihm das endlich rundum schlüssig.

Auf den beiden Vorgängern Tidals und Seismic war ihnen das zwar bereits überzeugend genug geglückt, um einen Deal mit Ipecac an Bord zu ziehen. Doch funktioniert Love & Decay auch deswegen so gut und stimmig, weil Spotlights über ständige Tourneen und Session-Auftritte weiter gewachsen sind, monolithischeren Raum einnehmen und aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben.
Der beste Song einer Platte steht nun beispielsweise nicht mehr überragend an der Spitze, während sich danach ein qualitativ zu unausgegorenes Sammelsurium mit der einen oder anderen Länge im ästhetischen Leerlauf verzettelt. Love & Decay ist mit knapp 49 Minuten stattdessen weitaus kompakter gehalten als die bisherigen Spotlights-Alben und darüber hinaus im Ganzen atmosphärisch und kompositionell eine nahezu ebenbürtige Einheit, die einem feinen Spannungsbogen folgend nahtlos in sich geschlossen im dynamischen Fluss badet.

Love & Decay schmiegt dort seine ätherischen, (nahezu) niemals aggressiv brüllenden, sondern weich säuselnden Dream Pop-Gesänge in brachial schwere Riffkaskaden, lässt sanfte Synth-Texturen auf wuchtige Rhythmen (vom nun fest im Bandkontext angekommenen, mit ein paar subtilen Tricks ausgestatteten Tourschlagzeuger Chris Enriquez zu den muskulös mahlenden Bassläufen gestemmt) klettern; webt zarte, kaum greifbar leichte Melodien in eine unverrüspockbare Massivität und entwickelt so eine wattierte Schönheit, die nicht zu Unrecht als  Doomgaze firmiert: Heavy Dreampop quasi.
Das klingt dann in etwa so, als hätten sich My Bloody Valentine (ein wenig zu direkt und letztendlich auch ohne über den Post Metal-Standard hinausragende Genieblitz) an den majestätischen Gitarrenwänden von Isis bedient; als würden Slowdive mit der Dichte von Cave In und der Haltung von Failure spielen, während nicht nur Xerox den melancholisch beschwörenden Rock von Chastity mit der unerbittlich tiefgehenden Stimmung der Deftones artikuliert und der imposante Raum auch an typisch/generisch produzierten Genre-Tropen kaum kranken will.
Wo die einzelnen Bestandteile des Sounds für sich genommen nämlich wenig originär anmuten können, schafft das Amalgam Love & Decay in seiner Symbiose durchaus einen eigenwilligen Charakter als Nischensensation. Überhaupt ist es das eigentliche Kunststück der Platte, seine so konträren Elemente absolut homogen zu verbinden, die Diskrepanz in einen natürlichen Guß zusammenzubringen und keinen Unterschied zwischen betörender Anmut und brechender Härte zu machen – ein natürliches Konglomerat.

Den Rest erledigt das durchwegs substantiell starke Songwriting. Da schimmern in die Gitarren in Far From Falling etwa beinahe nackt durch das Geflecht, während Until the Bleeding Stops erst voluminös zum Sludge der Melvins schielt, bevor Spotlights sphärisch in einen versöhnlich ausgeleuchtete Kontrast des schleppenden Doom ziehen und dort einer fast schon verführerischen Hook folgend in den hymnischen Sphären von Pallbearer zu landen drohen.
Das grandiose Mountains Are Forever kurbelt dagegen sofort mit einer enorm eng geführten Dringlichkeit nach vorne, atmet im Ambient ein wenig Ruhe ein, doch ganz hinten im Mix fordert die Katharsis dann doch noch ausnahmsweise ein erlösendes Gebrüll – Love & Decay walzt plötzlich im Hoheitsgebiet von Cult of Luna, doch die Dinge verklingen leise. Danach könnte auch gut Schluss sein, doch folgt mit dem Closer The Beauty of Forgetting noch eine elektronisch von der Lagerfeuerakustik in den Postrock programmierte Nummer, die immer erhebender in den Metal-Himmel wächst. Der wahlweise sogar deutlich stärkste Song der Platte fühlt sich als von Null weg startender Epilog jedoch deplatziert an, hätte weiter drinnen im Kontext von Love & Decay wohl noch besser gezündet.
Dass Spotlights sich ihre Highlights mittlerweile bis zum Finale einer Veröffentlichung aufsparen (oder wie im Falle der Bonusnummer Sleepwalker gar auf Abstellgleisen parken), ist dann angesichts der bisherigen Bandgeschichte freilich irgendwo ein Luxusproblem – nichtsdestotrotz aber eines, aus dem die (endlich wie eine zu Ende gedachte, komplette und) so demonstrativ lernwillige Band sicherlich die richtigen Rückschlüsse für Album Nummer 4 ziehen wird.

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