Steve Gunn – The Unseen In Between

von am 2. Februar 2019 in Album

Steve Gunn – The Unseen In Between

Ob er die Klampfe gerade ein- oder auspackt, bleibt bewusst offen: Selbst wenn Eyes on the Lines (2016) Steve Gunns explizitere On the Road-Platte in ständiger Bewegung war, ist The Unseen In Between weniger Ankommen, als ein sich im Kreis nach vorne drehen.

Vielleicht hat sich die Perspektive in Relation zu dem Major-Durchbruchswerk des Amerikaners mittlerweile einfach insofern verschoben, dass Gunn die endlose Straße dann und wann auch gegen nimmermüde Streifzüge durch universelle Städte getauscht hat, er mittlerweile tatsächlich zu dem „Typ geworden ist, der einfach ein paar Nummern an einem Ort spielt und danach weiterzieht“.
Steve Gunn und seine alten Spezies Kurt Vile und Adam Granduciel haben sich mittlerweile eben nicht nur die wechselweise Abfolge in den Jahrgängen gut aufgeteilt, sondern auch die Kompetenzbereiche. Auf The Unseen In Between positioniert sich Gunn nämlich schon deutlich eher am Anachronismus eines Ryley Walker, als an seinen alten Violators-Tagen, unterspült den luftigen Westcoast (70s)Rock mit sehnsüchtige Folk-Tendenzen und leichten Pop-Avancen, latenter Psychedelik und faszinierend körperlosem Americana. Die ewigen Vergleiche mit Vile sollten damit eigentlich bereits durch den entspannt über flirrenden Mundharmonika-Erinnerungen wehenden Opener New Moon der Vergangenheit angehören, wo die sich auftuenden Assoziationen hinter The Unseen In Between sich passenderweise mehr denn je frei in der Musikhistorie bewegen.

Schließlich adaptiert Gunn die zeitlose Klasse seines Songwritings, gibt seinen Kompositionen allgemein mehr Raum, zieht sie mal in die Breite und lässt sie dann wieder reduzierter in sich zu gehen, wie im versöhnlichen tonalen Morgentau von Morning is Mended. Gemeinsam mit Produzent James Elkington (der auch den Part des Gitarristen in Gunns formidabler Backingband um Jazz-Schlagzeuger T.J. Mainani sowie Bob Dylans Bassist und kreativen Intimus Tony Garnier bekleidet), der auf The Unseen In Between durch ein meisterhaft subtiles Arrangieren der Nuancen zum den Sound feingeistig ausbalancierenden, kongenialen Kollaborateur wird, gelingen Gunn neun rundum fabelhafte Songs – elektronische und akustische Tendenzen verweben sich friedlich miteinander. Das hippieske New Familiar treibt seinen Rhythmus beispielsweise gar bis zum heulend-knisternden Exzess, ohne das elegische, eklektische Spektrum der Platte dafür aggressiv verändern zu müssen. Hier ist jedes Element im Einklang mit sich selbst – und seinem nächsten.

In der countryesk zum plingenden Spiel von Real Estate schunkelnden Smoke Ring for My Halo-Reminiszenzen (also doch noch!) Vagabond umgarnen sich Gunn und Meg Baird als harmonische Einheit vor ihrer Liebe zu den Smiths, dösen nach vorne gehend, kaum aufgeregt und unspektakulär im besten Sinne.
Im der akustischen Kontemplation Chance branden die Verstärker als friedvollster Wellengang zwischen der bezaubernden Gefälligkeit auf, während das minimalistisch bleibende Stonehurst Cowboy neben seinem melancholisch zum verstorbenen Vater blickenden Text vor allem vom nahbar-organischen Klang und einer entwaffnenden Hook lebt.
Der in hallenden Texturen aufgehende Sonnenschein von Luciano lässt die vorsichtigen Streicher hingegen niemals wichtiger erscheinen, als die elegant über die Bünde gleitenden Finger von Gunn oder ein komplexes Besenschlagzeugspiel, das hier wie die nebensächlichste Sache der Welt erscheint. Pure Synergie, erhebend.

Demnach ist der vielleicht einzige Vorwurf, den man The Unseen In Between machen muss auch ein paradoxer: Die versammelten 44 Minuten fühlen sich in Summe eher wie eine Übergangsplatte an, sind phasenweise zu sehr umspülendes Nebenher, anstatt auch einmal mitreißend zu packen. Freilich ein relativer Kritikpunkt, weil The Unseen In Between gerade durch diese Unverbindlichkeit seine imaginative Tiefenwirkung entfaltet, wie im flirrenden Lightning Field das zwangloses Wesen zum puren Freiheitsgefühl destilliert und verdeutlicht, mit welch einer fabelhaften Dynamik die Platte zudem im kohärenten, ausfallfreien Ganzen arbeitet.
Sobald Paranoid mit einer dezent getragenen Fülle aus Piano, Kirchenglocken, Orgel und Gitarre wie ein homogenes, aber nicht restlos konsequentes Déjà-vu verschwindet, bleibt deswegen vor allem der Eindruck, dass sich Gunn auch mit knapp einem Dutzend an Alben im Rückspiegel noch einmal einem neuen Ereignishorizont nähert, schlichtweg noch mehr geht, als der einkehrende Roadtrip The Unseen In Between skizziert. Mit der unterschwelligen Impression, hier einigen seit Jahrzehnten bekannten Klassikern begegnet zu sein, ist einstweilen freilich nicht der schlechteste Trost.

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