Teyana Taylor – K.T.S.E.

von am 28. Juni 2018 in Album

Teyana Taylor – K.T.S.E.

Teyana Taylor nimmt den Hype um Kanye Wests aktuellen Produktionsrausch sicherlich dankbar mit, führt die Veröffentlichungsreihe der Wyoming Sessions mit dem vor Sexappeal triefenden K.T.S.E. zwischen kontemporäreren Vintage-R&B und klassichen Soul jedoch auch abseits davon zu einem wundervollen Ende.

Was durchaus als Überraschung gewertet werden darf. Konnte im Vorfeld doch durchaus der Eindruck entstehen, dass Labelboss Kanye für das Zweitwerk von Taylor primär den Windschatten von DAYTONA, YE, KIDS SEE GHOSTS sowie NASIR – am Papier allesamt deutlich prominentere Veröffentlichungen – nutzen wollte, um sein vergleichsweise als Underdog durchgehendes Signing aus Harlem als Nachzügler des Buzz ohne große Zuversicht einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Immerhin ist Taylor innerhalb der USA eher für Ihre Promi-Ehe samt Reality Show oder ihre Tanzmoves (etwa in Fade) bekannt und weniger für ihren (abseits der Hook von Dark Fantasy) bisher kaum gelungenen musikalischen Output, der sich primär um das unterdurchschnittlich-durchwachsene Debütwerk VII von 2014 dreht. Ähnlich billige Plattitüden wie vor drei Jahren sind unter der Ägide von Kanye auf K.T.S.E.Keep the Same Energy – nun weitestgehend passe.

Nur einen einzigen Fehltritt liefert sich Taylor – und diesen ausgerechnet im Überschreiten der von den vier bisherigen G.O.O.D. Music-Veröffentlichungen sklavisch eingehaltenen 7 Songs-Trackliste: Das abschließende WTP ist ein brachial aus dem Harlem Ballroom der 70er in den Eurotrash pumpender Aerobic-Workout-Dancetrack, der wohl auch Azealia Banks zu plakativ gewesen wäre. „Work this pussy“ läuft als Dauersample, Taylor schmachtet dazu mit stöhnender Hingabe („So I will make you cum through the night/ Will you touch me? Will you go deep in me?„) und treibt die explizit sexuelle Ausrichtung der Platte auf seine exzessive Spitze.
Die Draufgabe von WTP zur Trackliste ist aber nicht nur qualitativ ein Ärgernis. (Für sich stehend als überzeichnete Single könnte der strukturell viel zu eindimensional gestrickte und nur allzu leicht nerven könnende Song durchaus Spaß machen – obwohl die Nummer gerade dann zumacht, wenn der Dancefloor als ausgelassener Remix hätte explodieren können).
Vor allem jedoch passt der Song stilistisch schlichtweg absolut nicht zum ansonsten homogen im R&B und Soul verwurzelten Klangbild der Platte. Gerade auch, weil K.T.S.E ähnlich wie DAYTONA – und trotz seiner noch knapperen Spielzeit (die mit nur 23 Minuten gefühltermaßen länger wirkt, als sie ist – ohne dies negativ verstehen zu müssen) einen enorm schlüssigen, runden und kurzerhand kompletten Spannungsbogen zu kreieren versteht.

No Manners ist eine romantische Klavierballade mit Streichern und theatralisch-beschwörendem Vocalsample. Taylor schmachtet ihrem Gatten Iman Shumpert hinterher („My hubby-my hubby so handsome/ I hold him ransom, I hold him ransom„) ohne dafür zum devoten Heimchen zu werden: „I got a man/ But ain’t got no manners“ hat das glohrreiche Niveau von „I got Soul/ But I’m no soldier“ der Killers.
Im auf luftige Weise kontemplativ schwelgenden Gonna Love Me plingen die herrlichen Delfonics-Gitarren entspannt, man darf an die romantischen Tagträume von Kali Uchis oder Janelle Monáe denken, bevor Issues/Hold On über smoothe Samples mit retrofuturistischen Effekten ein Mark Ronson-Flair mit flüchtigem Amy Winehouse-Vibe über die so unheimlich schön-organische Sade-meets-Billy Steward-Ader mit subtilen Motown-Backingvocals und einer tollen Leistung von Taylor flimmern lässt. Das relaxte Hurry gibt dann mit latentem Funk den flanierenden Höhepunkt: Kanyes Gastspiel ist unterhaltsam („She in love with a man she can’t be with/But she know that pussy gon‘ leave him seasick/ Every time she round, she get treat like the sidekick/ Until that side chick went and got some side dick„), bleibt aber performancetechnisch farblos. Doch Taylor schmiegt sich umso präsenter an Sexfantasien („Keep your eyes all on this fatty/ If you like what you see take your hands and grab it/…/ Told him fuck me good with them Jimmy Choo’s on/ I can’t wait till you’re all on me, yeah/ You know I love it, love it, love it, love it„) und schickt sich an, sich mit ästhetisch in den Bann ziehendem Durchhaltevermögen in den Laken zu wälzen, bis alle Beteiligten hypnotisch wegdösen – doch Kanye unterbricht den Reigen in ikonischer Befehlsform: „No Fade Outs„.

Der Cut zu 3Way ist dennoch – wie alles auf K.T.S.E. – unheimlich gefühlvoll: Minimalistisch inszeniert und mit zurückgenommenen Ambient-Instrumentarium will sich Taylor irgendwo zwischen channel ORANGE (2012), Sisqo und D’Angelo einem Dreier hingeben, um ihren Mann aufzugeilen („Threeway, I couldn’t wait to have with you/ ‚Cause I know it turn you on, so let’s do it, babe„) – letztendlich taucht allerdings ein gut mit ihr harmonierenden Ty Dolla $ign auf: „You said you a freak just like me baby, guess you met your match/ I watch you licking on her while I beat it from the back/ Your secret lies safe with me, I’m with it whenever you ready„.
Dafür, dass die Spannungen in dieser Phase eher tranceartig plätschern, nimmt der Track vielleicht etwas zuviel Distanz der Platte ein, doch die Dynamik zieht nach dieser Ruhe vor dem sinnlich aufgeladenen Sturm ohnedies bald wieder an. Rose in Harlem gibt sich autobiographisch und addiert mehr Hip Hop in Form unaufdringlicher Beats, dezente Bläser begleiten die grandiose Hook, während der Track hinten raus dringlicher wird und in zeitlosen Streicherarrangements aufgeht. Never Would Have Made It wäre danach als sparsam klickernder Lovesong und Ballade mit einem leicht angezogenen Groove sowie vogelzwitschernd liegender Sinnigkeit der ideale Schlußpunkt gewesen – bevor eben das vermeidbare WTP mit der Tür ins Haus platzt. Ein Schönheitsfehler, den man durchgehen lässt.

Zumal K.T.S.E. rückwirkend ohnedies noch um das homogenere We Got Love nachkorrigiert werden soll. (Obwohl die Platte bereits im Jänner fertiggestellt war, schraubte Kanye bis zuletzt an Feinheiten und konnte die nötigen Rechte für den vorerst verloren gegangen Track offenbar nicht zeitgerecht klären).
Viel eher als ein im Detail nachjustierendes Zweitwerk fühlt sich K.T.S.E. ganz allgemein jedoch als stilistischer Reset für Taylor an. Ein Neubeginn, der sich eindrucksvoll bei Einflüssen von SZA über Frank Ocean bis hin zu Kelis bedient und dabei dennoch seine eigenen Stärken in der Synergie artikuliert.
Wo die Songs der Platte kompositorisch nicht gänzlich das individuelle Niveau der anvisierten Vorbilder erreichen und die talentierte, charismatische Taylor auch (noch) keine derart überwältigende Sängerin ist, funktioniert gerade das Zusammenspiel von ihrem nicht makellosen, aber authentischen Können, ihrem lyrisch charakteristisch fortgesetzten offensiven Sexualdrang sowie Kanyes atemberaubender Produktion kongenial. Die Handschrift von Ye ist stets erkennbar, gewichtiger aber ist hier seine Fähigkeit, soundtechnisch ideal auf die Bedürftnisse der Künstlerin einzugehen und ihr als meisterhafter Chronist ein aus der Zeit gefallenes Soundbild auf den Leib zu schneidern: K.T.S.E. ist modern und traditionell gleichermaßen, konterkariert die lyrische Offenherzigkeit jedoch vor allem mit einem instrumental simplizistisch gestalteten Understatement und führt so zu einer süchtig machenden Symbiose zwischen dem Visionär und seinem Protege.
Wie viel von den Wyoming Sessions, die zumindest fünf Sommerwochen im Jahr 2018 im Griff hatten, danach letztendlich überbleiben wird, muss nach einer anachronistisch arbeitenden Platte die Zukunft zeigen. Dass mit Taylor entgegen aller Erwartungen nunmehr aber definitiv auch als Musikerin gerechnet werden muss, zeichnet sich allerdings schon jetzt ab.

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