Titus Andronicus – The Most Lamentable Tragedy

von am 13. August 2015 in Album

Titus Andronicus – The Most Lamentable Tragedy

Titus Andronicus hätten sich wahrlich leichtere Wege einfallen können, um nach dem enttäuschenden ‚Local Business‚ zu versöhnen, als mit einer 29 teiligen Rockoper in 5 Akten zu erschlagen, die als Distanz wahrende Metapher für Patrick Stickles manische Depressionen dient.

Gleich vorweg: Natürlich tut sich die Band aus New Jersey keinen Gefallen damit, ihr Viertwerk zu einem elaborierten, 93 minütigen Hindernislauf auszudehnen, der weniger die zahlreichen (stimmungsvollen, aber nicht immer notwendigen) Interludes (Drones! Chants! Stille!) hinter sich bringen muss, als vor allem beinahe den kompletten ‚Act I: Set Aside or Miserable and Water-Buried‚, weil Titus Andronicus hier noch merklich die bemühte Behäbigkeit des Vorgängers abstrampeln müssen: Songs wie das grandios ambitioniert zur Hemmungslosigkeit von einst schielende ‚No Future Part IV: No Future Triumphant‘ oder das hinten raus mit eng gezogenen Zügeln zwingende ‚Lonely Boy‚ bleiben deswegen trotz der richtig gesetzten Akzente zwiespältig –  als hätte das Sextett zwar (noch) nicht die Genialität der ersten beiden Alben wiedergefunden, aber (zumindest ansatzweise) doch endlich wieder den hakenschlagenden Biss, auch wenn dessen Impulsivität nun satter wirkt, die spannende Unberechenbarkeit in den wendig gebliebenen Kompositionen manchmal zugunsten vieler galliger Déjà-vu-Momente geopfert wurde und man sich mittlerweile gut vorstellen kann, wie Patrick Stickles seine Band zur Schnittmenge aus The Hold Steady, Bruce Springsteen, Desaparecidos und Fucked Up in die Straßenmitte des Dadrock mit Orgeltwang, Pianogeklimper und Saxofon dirigiert, und dabei die späten Rolling Stones heftiger feiert als die jungen.

Wenn ein ‚I Lost My Mind (+@ )‚ dann mit Gospelanleihen flirtet, erkennt man, dass sich viele Songs der Band mittlerweile eben besser dazu eignen, um in der nächsten Spelunke gepflegt einen hinter die Binde zu kippen, als die Welt aus den Angeln heben zu wollen; ebenso integriert ein ‚Mr. E. Mann‚ (Arcade Fire-typische) Streicherarrangements, Bläser und Gangvocals besser denn je in den Soundkosmos der Rabaukentruppe, aber dahinter eben nicht mehr derartig befriedigend für all die Umwege aufkommt, die Titus Andronicus immer noch so gerne nehmen, die aber nun die Bedrängnis mit sich bringen, phasenweise doch etwas zu beliebig vor sich herzudümpeln.
Bezeichnend also, dass der Nummer justament dann der Knopf aufgeht, wenn Stickles die Handbremse löst. Folgerichtig zündet das von ‚Look Alive‚ bis zum furiosen Daniel Johnston Cover ‚I Lost My Mind (DJ)‚ losgetretene Punkrockintermezzo insofern auch deutlich unmittelbarer, weil die Kurzweiligkeit plötzlich wieder mit mehr Zielstrebigkeit agiert, als selbstgefällig zwischen den Stühlen zu sitzen – die knackig-getriebene rasante Gangart eines ‚Dimed Out‚ steht der Kombo einfach am besten.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich Titus Andronicus zu diesem Zeitpunkt der Platte endgültig eingegroovt haben und sich der Albumfluss von ‚The Most Lamentable Tragedy‚ endlich zu verselbstständigen beginnt: ‚Act II: Beside Himself‚, ‚Act III: Down by the Seaside‚, ‚Act IV: The Other Side or A Midsummer Night’s Dream‚ und ‚Act V: Decide‚ werden so zum nicht atemlosen, aber berauschend vitalen Husarenritt, bei dem sich die Highlights dermaßen die Klinke in die Hand drücken, dass nicht einmal das angenehm versöhnliche, aber doch eindruckslos bleibende Ende mit dem Trio ‚[ seven seconds ]‚, ‚Stable Boy‚ und ‚A Moral‚ dem Gesamtwerk nicht mehr die Kniescheiben brechen kann.

Gerade das Herzstück der Platte in Form zweier knapp zehnminütiger Epen trumpft groß auf: das direkt querverweisende ‚More Perfect Union‚ beginnt stimmungsvoller als alles seit ‚The Monitor‚, spielt seine Riffs mit dramatischen Gesten und bratzend heulender Hymnik entlang keltischer Western-Euphorie und ist der elektrifizierenden Song der Band seit langem; ‚(S)HE SAID / (S)HE SAID‚ zelebriert das Gespür für zündende Hooklines danach funkensprühend und fesselt vielseitig zwischen Soul und Punkrock pendelnd – ein Schaulaufen von Titus Andronicus im eigenen Hoheitsgebiet aus aufbrausendem Zitatwahnsinn und schonungsloser Selbstreflexion.
Danach gleitet ‚The Most Lamentable Tragedy‚ praktisch wie auf Schienen zur verloren geglaubten Form weiter. ‚Come On, Siobhán‚ implementiert mehr Lieblichkeit und zuckersüße Streicher, Queen-Gitarren und feierliche Backingvocals, das Traditional ‚Auld Lang Syne‚ sorgt für die historischen Monumentalität im konzeptuellen Überbau, die man im hochtrabenden LoFi-Rrock der Band immer schon hören wollte. Wo beispielsweise in ‚Fatal Flow‚ allzu viele Melodien, Ideen und Strukturen längst bekannt vorkommen mögen, packen Titus Andronicus als Trostpflaster plötzlich ein Metalsolo aus, das Rivers Cuomo verzücken würde. Dass die Pogues-Interpretation von ‚A Pair of Brown Eyes‚ sich nicht nur nahtlos in den Spielfluss einfügt, sondern mit ihrem unaffektiert werkenden Fokus auch für eine oft fehlende Handfestigkeit sorgt, kann man trotzdem gleichermaßen als Lob wie Tadel verstehen.

Im Detail betrachtet macht alleine ein ‚I’m Going Insane (Finish Him)‚ aber eben auch alles richtig, was ‚Titus Andronicus vs. The Absurd Universe (3rd Round KO)‚ noch misslang und hat dazu eine wahrhaftige Finisher-Soloarbeit an Bord, die Hosenschritte platzen lassen wird, bevor ‚Into the Void (Filler)‚ als Klavierballade so bitterböse neben der Spur liegt, dass es eine wahre Freude ist, und das besoffene Akkordeondelirium ‚No Future Part V: In Endless Dreaming‚ freudentrunken die Dämonen von Stickles ein für alle Mal begräbt: „Yr at peace when you sleep/ Enter the endless dream/ And it will be you and me/ Beneath the leaves„.
Die verworrene Hintergrundgeschichte [„Our Hero, a man who is visited by his doppelganger and goes through considerable life experiences and dream sequences„] der Rockoper wird dadurch freilich nicht weniger verwirrend [wer sich genauer in die Details einlesen will, kann dass dank der akribischen Aufklärungsarbeit der Band allerdings in aller Ausführlichkeit tun], der springende Punkt ist aber ohnedies viel eher ein relativ simpler: Nicht nur Stickles Bart ist wieder dran, entlang der wieder aufgenommenen instrumentalen Reichhaltigkeit schaffen es Titus Andronicus die verkopfte Pseudodirektheit des Vorgängers zu den Akten zu legen und (endlich wieder), ihren im Grunde prätentiösen aufgeblasenen und blasiert agierenden Punkrock in alte Songwriting-sphären zurückzukatapultieren, ihn gleichzeitig so bombastisch wie hemdsärmlig klingen zu lassen, ihn so megalomanisch wie bodenständig auszuleuchten, dass dieses polternde Spannungsfeld aus Verzweiflung und Intellektualität trotz einiger Längen ein reines, schwindelerregendes Vergnügen ist.

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