Viagra Boys – Street Worms

von am 19. November 2018 in Album

Viagra Boys – Street Worms

Funktionaler Dancepunk aus Schweden, nach alle Regeln der hippen Kunst: Wenn American Dream (2017) die Verneigung von James Murphy vor David Bowie war, könnte Street Worms einem Tribut von LCD Soundsystem an die Stooges nahekommen.

An der unbedingt tanzbaren Schnittstelle aus den Punk Präfixen Post-, Garage, Art- und Disco funktionieren beinahe alle der neun Songs von Street Worms nach dem selben Prinzip: Eine unermüdlich treibende Rhythmussektion stellt das Rückgrad – markant coole Basslinien braten mit verzerrt-brutzelnder Massivität, hibbelig zuckende Hi-Hats zappeln über kraftvolle Disco-Beats, die mit fast schon krautrockiger-repetiver Hynose das Faible der Stockholmer Band für Techno übersetzen, während scharfkantig in die Tanzmoves zirkelnde Achtel-Gitarren fiebrig-rastlos das Ambiente attackieren, ein prominentes Saxofon neben subtilen Synthies die Texturen des Sextetts ausmalt.
Darüber der rezitierende Sprech-Singsang von Frontmann Sebastian Murphy, der irgendwo zwischen allem, was von Idles bis Protomartyr Staub aufwirbelt, seine makaber-absurden-pointierten Außenseiter-Texte ausspuckt – der unlängst ohnedies die Hüften shaken lassen habende Iggy wird das sicherlich mögen.

Für Blickfang und Sprachrohr Murphy endet Street Worms übrigens bereits nach knapp einer halben Stunde – und damit einen Song vor seinen Kollegen. Die drücken nämlich noch den rein instrumentalen Closer Amphetanarchy aus den Boxen, der den Sound der Band mit dystopischer Kante bis hinzu The Prodigy ausdehnt, aber zum Abschied noch einmal klar macht, dass Viagra Boys ihre Gangart bis zu einer gewissen Vorhersehbarkeit verinnerlicht haben.
Der ausgekoppelte Hit Sports ist da mit seiner Lou Reed-Gedächtnis-Skandierung schon ein adäquater Indikator, dem Down in the Basement (eine klare Stooges-Referenz!), Slow Learner, das flächige Shrimp Shack sowie Frogstrap – und damit eben auch ein Gros der Platte – geradezu wertkonservativ folgen. Viagra Boys poltern wuchtig, stoisch, mit fast schon maschinellem Drive, dessen staubtrocken produzierten Infektions-Grove man sich praktisch kaum entziehen kann, während die Band zwingenden Startphasen durchdekliniert wie Trouble im Roadhouse auf Speed, bis sich das hypnotische Songwriting mit unterschwellig brodelnder, selbstzerstörerischer Energie immer weiter einer manischen Eskalation nähert, die tatsächlich wohl erst live markerschütternd explodieren wird.

Wenn man Street Worms etwas vorwerfen muss, dann dass die Platte sehr wohl schmissige Endorphine freisetzt, nicht stillsitzen lässt, der stilisierte Exzess sich auf Tonträger konserviert aber nicht einstellen mag: Das auslaugende Momentum evoziert nicht die totale Erschöpfung. Die Platte trieft so vor lässiger Dichte und macht hemmungslos Spaß – tieferschürfende Emotionen bleiben dabei aber weitestgehend aus. Was dann auch der Punkt ist, der Viagra Boys nicht aus dem Stand in die Liga von LCD Soundsystem oder The Rapture aufsteigen lässt.
Dabei variiert gut ein Drittel der Tracks doch den genormten MO und prognostiziert, wo die Leistungsgrenzen sein könnten. Best in Show mag nur die Ansprache eines Interludes darstellen, zeigt aber, dass die Schweden sich auch auf dissonante Noise-Klangcollagen verstehen. Das schier großartige Just Like You dreht die Atmosphäre um einen latenten 80er-Vibe hoch, drosselt dafür das tempo und wirkt mysteriöser, anachronistischer, subtiler. Die Synthies funkeln zu einer versöhnlicheren Melodie-Nähe und später kriecht sogar ein sinister-deliriantes Free Jazz-Flair in den durchatmenden Song.
Und Worms adaptiert im Grunde Fuck this Band, macht dabei aber alles richtig. Murphy singt nölend, als befände er sich in einer Countryrevue, intoniert die zynischen Texte mit einer nachdenklichen Verletzlichkeit in Schräglage, der sich Street Worms durch seine rauschhafte Konsequenz ansonsten entzieht. Paradoxerweise hieven gerade diese Ausbrüche aus einem formvollendeten Schema dieses Debüt noch einmal eine Klasse nach oben. Darauf lässt sich für die Zukunft definitiv aufbauen – und aktuell ausgelassen vor den persönlichen Abgründen einer „fucked up society“ feiern.

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