Dusted – Blackout Summer

von am 23. April 2018 in Album

Dusted – Blackout Summer

Dass Holy Fuck-Mitglied Brian Borcherdt gemeinsam mit Produzent Leon Taheny ein ganz famoses Nebenprojekt für die stillen Momente ins Leben gerufen hatte, konnte man bereits zu Zeiten des wundervollen Debüts Total Dust nur zu leicht übersehen. Daran wird sich wohl auch knappe sechs Jahre später mit dem noch wunderbareren Blackout Summer wenig ändern.

Was natürlich für all jene einen Verlust darstellen sollte, die sich für jene Art eines tröstenden Indierock erwärmen können, der in etwa zwischen den Weakerthans und Wintersleep aus Kanada direkt in die Herzen herüberschwebt und mit unaufdringlicher Gefälligkeit die Seele balsamiert.
Immerhin war Dusted immer schon auch ein Ausgleich für Borcherdt selbst. „If (…) Holy Fuck represented a reckless night out, Dusted was the somber comedown the morning after.“ Musik also, die auch (und gerade) in der Einsamkeit funktioniert, eine gewisse Nachdenklichkeit und beruhigende Heimeligkeit transportiert.
Ein Gefühl, das sich nicht unmittelbar nach unter Strom stehenden Live Auftritten erzeugen ließ, wie Borcherdt nach dem Dusted-Debüt feststellen musste. Die lange Wartezeit auf Blackout Summer hat nämlich weniger damit zu tun, dass Holy Fuck immer noch am meisten Aufmerksamkeit verlangen, oder Borcherdt in Form der Quasi-Supergroup Lids (mit Doug MacGregor von Constantines and Alex Edkins von Metz) zudem mittlerweile eine weitere Spielwiese gefunden hat, sondern mit einer kompletten Albumaufnahme, die angesichts geänderter Arbeitsweisen zu zu sterilen Ergebnissen führten: Alles bereits aufgenommene Material wurde deswegen verworfen und unter den selben intimen Verhältnissen noch einmal in Angriff genommen, die bereits Total Dust geformt hatten.

Die Umstände haben sich für Dusted dennoch geändert. Für Blackout Summer hat Borcherdt nun immerhin nicht nur seine Frau Anna Edwards-Borcherdt als zusätzliche Leadgitarristin sowie etwaige Backing Vocals rekrutierte, sondern sein Projekt rund um Great Detachment-Gast Anna Ruddick am Bass sowie Wintersleep-Drummer Loel Campbell gleich zum vollwertigen Bandgefüge erweitert.
Dass Borcherdt selbst in Dead Eyes (das mit minimalistischer Gitarre über eine sparsame Drummaschine hoffnungsvoll dem Dreampop-Horizont entgegenblickt) oder No Prison (ein mit sanfter Distortion verfremdeter Beat bietet den Rahmen für eine sanft-bittersüße Rock-Elegie, die sich entspannt in den Folk-Jam fallen lässt) stimmlich zudem mehr denn je wie Paul Murphy auf einem potentiellen (und mittlerweile ja tatsächlich angekündigten) Postdata-Nachfolger anmutet, passt da nur zu gut ins allgemeine, amikal geprägte Stimmungsbild, dass sich aus dem Lofi kommend nunmehr merklich präziser und voller aufbaut, als noch da Debüt: Der Sound ist organischer und bandbasierter, will sich instrumental weniger Limitierungen unterordnen und ist merklich nicht mehr primär auf ein elektronisches Grundgerüst ausgelegt.

Blackout Summer setzt dabei immer noch auf verhuschte Texturen und kommt ohne scharfkantige Konturen aus, legt also einen verwaschenen Sound über die relativ simpel gestrickten Kompositionen, die dadurch allesamt einen unwirklichen und verträumten Charakter bekommen. Die kompakten 37 Minuten klingen deswegen auch wie eine Erinnerung an eine Vergangenheit, die so gar nicht unbedingt stattgefunden haben muss und wärmen tatsächlich mit einer nie ganz greifbaren Distanz.
Dass Borcherdt seine Songs mit einer regelrecht nebensächlich wirkenden Unaufgeregtheit fließen lässt, spielt der unter einer kohärenten Stimmung überaus kurzweiligen Platte zusätzlich in die Karten. Wo Backwoods Ritual mit einem folkigen Teppich unterspült und vom flottem Rhythmus nach vorne getrieben wird, nimmt sich All I Am die Zeit, um zu einen munter laufenden, verwunschen-funkelnden Ohrwurm aufzublühen zu lassen. Das bezaubernde Cut Corner schwelgt danach ohne Bruch im Fluss als stiller Akustiksong im ambienten Klangschleier, während Will Not Disappear schleichend über die Tasten streichelt und geisterhafte Backingchöre dräuen.

Hinten raus kann Blackout Summer allerdings auch nicht ganz verbergen, dass Dusted trotz eines relativ konstanten Qualitätsniveaus ein klein wenig zu beliebig die Luft auszugehen droht. Five Hundred and Four ist so zwar ein luftiger Gitarrenpop für feine Sommerplaylisten im androgyn-psychedelisch angehauchten Cloud Control-Stil und verdammt nett, aber auch belanglos oder einfach etwas zu lang geraten. Und dass Outline of a Wolf zwar den Rock-Exzess andeutet, mit Aufbruchstimmung über den Horizont will, aber seine Energien wohl erst live wirklich packend umsetzen wird und damit in Anbetracht seines emotional zwingenden Abspann-Momentums zu unverbindlich entlässt, fällt dann vor allem auch deswegen ins Gewicht, weil Blackout Summer gleich mit dem überragenden Opener Seasons eine zeitlose Schönheit auffährt, die den Mond aus dem Hall heraus liebestrunken in perlender Melancholie anheult – und damit alles nachfolgende ohnedies dezent in den Schatten stellt.
Alleine wegen derartiger Glanztaten wäre es allerdings freilich auch nur zu schade, Dusted wieder für längere Zeit aus den Augen verlieren zu müssen. Oder aber Borcherd und Co. abermals nicht gleich die Aufmerksamkeit zu schenken, die sich die Kanadier für derart unaufdringlich nach subtilen Lebensbegleiter-Song-Streicheleinheiten verdient haben.

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