Algiers – 1st November 1954

von am 11. November 2018 in EP, Sonstiges

Algiers – 1st November 1954

2017 konnte man noch unentschuldigt übersehen, dass Algiers eine eigene Tape/Zine-Serie gestartet hatte, immerhin konnte das furiose Jahreshighlight The Underside of Power einem schon die Sicht auf etwaige Nebenschauplätz verstellen. Spätestens mit 1st November 1954 – „Part 3 in our continuing music/zine series, comes with a digital copy of Zine #3“ – sollte man dieses potentielle Versäumnis nun aber korrigieren.

Limited edition tour cassette and zine. This includes new material and B-sides along with a 16 page color zine in collaboration with artist Brad Feuerhelm. Limited to 300 copies.“ klären Algiers über den Inhalt der Liebhaberveröffentlichung (mit historischer Titelgebung) 1st November 1954 auf. Seit September 2017 hat sich also nicht nur die nüchterne Titelgebung verändert, sondern auch die produzierte Stückzahl sowie der Inhalt, der 2017 noch „rare unheard material and demos“ versammelte, das Konzept ist das selbe geblieben.
Zumindest Hardcore-Fans kommen insofern nicht um ein obskures Druckventil nicht umher – auch wenn sich die stilistische Richtung der Tracksammlung mittlerweile in absolut unkonventionell verstörenden Gefilden eingerichtet hat, Algiers dieses zwischen 2014 und 2018 eingespielte Kurzformat primär dazu nutzen, den in ihrem Sound immer erkennbaren Einfluss von Elektronik-, Post-Industrial und Ambient hervorzuheben und konsequent zu erforschen.

Wofür jedwede zugängliche Strukturen ihres ansonsten doch ziemlich catchy daherkommenden Songwritings weitestgehend eliminiert wurden und stattdessen verdeutlicht wird, weswegen sich Algiers ansonsten gerne von radikalen Kollegen wie Prurient oder Uniform remixen lassen: Avantgardistische Expeditionen stehen hier über jeder Melodie, Hooks und dergleichen finden einfach keinen Platz.
Selbst auf ein todsicher fesselndes Element wird für 1st November 1954 verzichtet: Soulstimme Frank Fisher ist nahezu vollends aus den fragmentarischen Instrumental-Klangkonstruktionen verschwunden und eventuell diesbezüglich ja zu Randall Dunn als Gast phasenverschoben worden. Er taucht nominell zumindest nur in den finalen beiden Nummern der Kassette auf, während die Band abseits davon im personell reduzierten Kreis aus Ryan Mahan und Lee Tesche Knöpchen dreht und Ideen verfremdet.

Über knapp 12 Minuten folgen die beiden dafür unter dem Algiers-Banner im eröffnenden Knife Wounds in Grey experimentellen Veranlagungen in karge Fabrikshallen, die vergilbte Poster der Einstürzende Neubauten mit Plakaten von William Basinski überkleistert zeigt. Die maschinelle Klaustrophobie entwickelt sich da düster zu einer Drone-schwanger rumpelnden Ambientnummer, die wie alles hier vor allem daran interessiert ist, eindringlich-unkonkrete Stimmungen und kalte Atmosphären zu schaffen, für die die regulären Studioalben der Band schlichtweg zu zugänglich funktionieren.
Der hart pumpende Zeitlupenbeat von Le Torture setzt diesen Weg mit kontrastierend-einnehmender Klaviermelodie nahtlos fort, bringt aber kompaktere Artikulationsformen und verdaulichere Rahmenbedingungen in die Planung: Von hier weg könnte 1st November 1954 auch gut ein Entwurf für Songskizzen sein, die sich näher zum selbstbetitelten Debüt von Algiers bewegen. Blasted Heath drängt dort den postpunkigen Bass vor das dystopische ambiente, bevor das fiebrig programmierte Schlagzeug raschelnd zu treiben beginnt und das dramatisch tröpfelnde Piano ein Suspence-Score-Flair wie bei John Carpenter erzeugt. Der bluesig ausgemergelte Titelsong flirtet dagegen wiederum mit einem Drummaschinen-Beat, rostig-kantigen Gitarrensaiten und postapokalyptischen Synths, beginnt in seiner minimalistischen Form entrückt manisch zu shaken und lässt hinten raus sogar Fisher kurz über eine im Nebel liegende Tanzfläche hetzen. Gibt es etwas wie eine Algiers-Komfortzone (für Fans, wohlgemerkt – nicht für die Band!) bedient das Duo mit ihrem Sänger sie hier am annäherndsten.

Für die finale Aufnahme einer freejazzigen Lavalampen Session samt losen Bläser-Trancen fügen sich dann auch doch noch Matt Tong und sogar TM/Tech-Guy Tristan Griffin (Those Creatures) in das erweiterte Kollektiv des Various Instruments-Bandgefüges ein: Algiers mäandern hier bewusst traumwandelnd in nach allen Richtungen offenen Soundtexturen, verzichten auf Konturen und liefern die ziellose Untermalung für arty Inspirationsabende. Quad Cities Improv, aufgenommen im Roz-Toxx im April diesen Jahres vor einer Alex Zhang Hungtai-Show, der dann auch als maßgeblicher Parameter einer Performance dient, die sich so auch in Twin Peaks abspielen hätte können, umspült unverbindlich: Durchaus faszinierend, welche Ambitionen diese Band abseits ihrer Hit-Tauglichkeit forciert.
Das Material von 1st November 1954 will jedenfalls auch dezidiert keinen Platz im Formatradio neben Killersingles wie The Underside of Power. Möchte man sein Verständnis über den facettenreichen Charakter von Algiers jedoch vertiefen, ist man hier richtig aufgehoben. Und wer sich nach diesem dritten Teil übrigens auf die Suche nach der ersten Ausgabe des entsprechenden Zines machen möchte, sollte die Vinylversion der Walk Like a Panther-Single bei Gelegenheit genauer unter die Lupe nehmen.

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