Die Alben des Jahres 2025: 10 – 01

von am 30. Dezember 2025 in Jahrescharts 2025

Die Alben des Jahres 2025: 10 – 01

Die stille Zeit des Jahres ist praktisch vorbei – also gilt es nun, nochmal ganz objektiv auf die 50 besten Alben von 2025 zurückzublicken, während schon die ersten vielversprechenden Platten von 2026 auf dem Radar aufgetaucht sind. Den Anfang machen die Plätze 10 bis 01.

| HM | EPs | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 | Playlisten |

10.
Shearling

Motherfucker, I am Both: „Amen“ and „Hallelujah“…

Review |

Motherfucker, I Am Both: „Amen“ and „Hallelujah“… ist prätentiös, beinahe ohne Ende, klar. Dafür bürgt freilich alleine schon der Name Alexander Gregory Kent als Urheber. Und bestätigt wird es durch den Blick auf die Tracklist der Platte, die gerade einmal einen Song bei 63 Minuten Gesamtspielzeit auflistet.
Wer dem elaborierten Shearling-Debüt von den Gepflogenheiten des Sprain-Schwanengesangs The Lamb as Effigy (2023) weg über die Solo-Klanginstallationen Teaches Dust to Reason und Alexander, I Am Not a Saltlick (beide 2024) folgt, den erwarten in einer Collage aus experimentellem Eklektizismus, stoischem Noise- und Art-Rock, sprödem Folk oder karger Avantgarde jedoch mehr als nur einer stilistischen Nähe zu Alexis Marshall, Swans, Okkervil River oder Xiu Xiu. Theatralik und Drama prallen auf Exzess und Fragilität, szenische Collagen wachsen und kollabieren. In der konzeptuellen Handlung dieser Gratwanderung zwischen aufgeblähter Willkür und blasierter Genialität findet sich irgendwann sogar die Erklärung, warum es für Kent unbedingt notwendig war, das entblößte Arschloch eines Pferdes auf das edgy Albumcover zu packen!

Absent from the Morning Headcount - Compos Mentis09.
Absent from the Morning Headcount

Compos Mentis

Review |

Nach einer ebenso ansatzlosen wie stürmischen Live-Vorlaufzeit treibt Compos Mentis seinen berserkernden Emoviolence mit einer solch rohen, ungeschliffenen Leidenschaft in die offene Wunde des Screamo, dass man gar nicht anders kann, als in euphorischer Begeisterung schockverliebt zu sein: Compos Mentis scheppert, poltert, schneidet und keift, balanciert sein Songwriting ausgewogen an der Hysterie, und ballert eine ungefilterte Intensität aus den Boxen, die vor Energie nur so strotz – das sind gefühlt unter den Fingernägeln auf der Seele brennende Songs, die einfach um jeden Preis heraus mussten, um nicht vor Schmerz zu explodieren.
In gerade einmal zehn Minuten geht es deswegen auch weniger um Originalitäsansprüche oder das Ausloten von Bandbreiten (denn ja, natürlich ist dieses durch und durch effektive Debüt vor allem ein Versprechen an die Zukunft), als vielmehr darum, dass das blutjunge Quartett die Essenz des Genres so unpackbar pur, authetisch und unverfälscht destilliert hat.
Oder: Es spricht wohl für sich, dass diese Newcomer in einem ausgezeichneten Szene-Jahr mit einer sich nicht abnutzenden Furiosität von einem Einstand absolut atemlos an extrem stark abliefernden alten Hasen wie Massa Nera oder Nuvolascura vorbeigerauscht sind.

Dax Riggs - 7 Songs For Spiders08.
Dax Riggs

7 Songs For Spiders

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Ob die Reunion mit Acid Bath derart viel Raum beansprucht hat, dass Dax Riggs mit der eigenen Energie ökonomisch haushalten musste?
Fest steht, dass ausgerechnet seine legendäre Sludge-Band dank System of a Down und den Queens of the Stone Age demnächst in die Arenen dieser Welt gespült werden wird. Und dass Riggs‘ erstes Solo-Album seit eineinhalb Dekaden selbstverständlich noch weiter vorne in dieser Liste stehen müsste, würde man 7 Songs For Spiders alleine an der Qualität seiner ausfallfreien All-Killer-No-Filler-Statur messen.
Nach gerade einmal 28 viel zu kurzen (und zu abrupt beendeten) Minuten Spielzeit bleibt dann allerdings eben doch einfach der Beigeschmack zurück, dass es dieser Achse von Mark Lanegan zu Beck quantitativ an der angemessenen Masse fehlt, um seine bluesiges Gewicht ideal umzusetzen. Ein bisschen so, als würde man sich von einem perfekt auf Schiene gesetzten Zweiteiler nur Part 1 ansehen, um dann auf bestem Weg zum makellosen Klassiker einfach Schluss zu machen.

07.
Deftones

Private Music

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Klar, die Deftones sind seit jeher (und trotz Gore) unfehlbar. 30 Jahre nach dem Debüt nochmal mit einem derart hochklassigen Karriere-Highlight um die Ecke zu biegen, das im hauseigenen Ranking mindestens bis in die Top 5 vorprescht, hätte der Band aber vielleicht nicht einmal der loyalste Fan im Vorfeld zugetraut.
Doch Private Music zeigt Stephen Carpenter, Abe Cunningham, Chino Moreno und Frank Delgado mit Neo-Bassist Fred Sablan (der den unrühmlichen Abgang von Sergio Vega professionell abfedert) in einer von weißem Getier am Cover gespoilerten Bestform, ganz am ausfransenden Ende gar im Nu Metal-Modus – und reiht (von Rückkehrer Nick Raskulinecz nahezu ideal eingefangen) unbedingtes Best of-Material wie Infinite Source an entwaffnende Hits der Marke Milk of the Madonna, bezaubern mit Balladen (I Think About You All the Time) und überraschen ganz zum Schluß gar mit Klargesang.
Auch wenn die Kalifornier (mit einer milden Schwankungsbreite) eh immer liefern – ihr zehnter Langspieler definiert Heavy Rotation, fühlt sich wie ein erfrischend süchtig machendes Comeback an und unterstreicht den Status Quo als Ausnahme-Erscheinung mit Ansage.

Geese - Getting Killed06.
Geese

Getting Killed

Review |

Making Indie Music Great Again: Geese haben zuletzt mit ihren eigenwilligen Cover-Versionen von Songs aus dem Schaffen der New Radicals, von Pink Floyd oder Leonard Cohen neben Verneigungen vor den Stooges sowie Velvet Underground ordentlich Wirbel gemacht – wobei aktuell ja einfach alles, was die junge Band aus Brooklyn anpackt, allerorts scheibar vorbehaltlos unkaschierte Begeisterung hervorruft. Ein Status, den sich das Quartett verdient hat.
Auf Getting Killed, diesen nonchalenten Fiebertraum aus verschrobenen Stones, schmissigem Captain Beefheart und neben der Spur torkelnden Strokes, konnten sich nicht ohne Grund sowohl Nick Cave, Patti Smith und zumindest ein Sohn von Cillian Murphy einigen. Die schrullig-schmissigen Stücke dieses Vierwerks haben bei allem Instant-Charakter so viel Wachstum innewohnen, bersten vor Spielfreude und abseitigen Hooks, derweil Frontmann Cameron Winter jede Nummer mit einer hirnwütigen Hingabe und Leidenschaft intoniert, als gehe es um Leben und Tod. Deswegen ist es nur konsequent, dass Getting Killed so sehr zum Konsens wurde, dass es sogar das 2024er-Solodebüt des Frontmanns (dem unlängst auch Regie-Genie Paul Thomas Anderson enthusiastisch auf die Pelle gerückt ist) hier und da mit in etwaige Jahres-Charts gezogen hat.

Qrixkuor - The Womb of the World05.
Qrixkuor

The Womb of the World

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Dass The Womb of the World das Werk einer Disso Death Band mit uferlos sinfonischen Ambitionen ist, und nicht jenes von einem Orchester, in dem der psychotische Black Metal-Wahnsinn ausgebrochen ist, lässt sich im Zweifelsfall schon noch problemlos feststellen.
Wie eng verwachsen diese beide Aspekte des Sounds allerdings sind, ja, sich als pure Symbiose gegenseitig bedingen und den Ansatz in dieser Radikalität überhaupt erst funktionieren lassen, das degradiert ähnlich geartete zeitnah erschienene Werke (wie beispielsweise Phantom Island oder naheliegender Abgnose) zu geradezu zögerlich erscheinenden Statisten. All in zu gehen war den Beteiligten offenkundig zu wenig, S, D und The Orchestra of the Silent Stars transzendieren in Synergie, als Einheit.
Der seine verqueren Riffs, krumm blastenden Rhythmen und dämonisch fauchenden Schreie durch einen apokalyptischen Score aus Chören, Streichern und Bläsern schleusende Zweitwerk-Hybrid von Qrixkuor erschließt in seiner absoluten Konsequenz so bis zu einem gewissen Grad gar Neuland und suhlt sich ganz am Ende deswegen auch verdient im puren Triumph.

Deafheaven - Lonely People with Power04.
Deafheaven

Lonely People with Power

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Epische Sternstunden wie Winona mal außen vor: Der womöglich grandioseste Charakterzug von Lonely People with Power ist, dass es nicht nur das Album ist, dass sich so viele Fans seit Sunbather gewünscht haben, indem es in vielerlei Hinsicht direkt an das ikonische 2013er-Blackgaze-Meisterwerk anknüpft. Sondern, dass es dafür nicht all die neuen Perspektiven, die die ambivalenter aufgenommenen Nachfolger New Bermuda (2015), Ordinary Corrupt Human Love (2018) und Infinite Granite (2021)ausprobiert haben, ignoriert. Die Band revidiert keine Entscheidung ihrer Entwicklung, sondern nimmt sich Erkenntnisse, Tugenden und Stärken aus jeder Phase ihrer Karriere mit, um sie als Initialzündung für den Weg weiter nach vorne zu assimilieren.
Was nur zu leicht als schaler Kompromiss hätte enden können, macht aus Lonely People with Power soviel mehr als die Summe seiner Teile und ein Paradebeispiel in Sachen adaptiver Entschlossenheit und ausdauernder Zielstrebigkeit. Inklusive epischer Sternstunden wie Winona.

Garish - Am Ende Wird Alles ein Garten03.
Garish

Am Ende Wird Alles ein Garten

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Die Top 3 der heurigen Jahrescharts können sich auf Themen wie Verlust, Tod und Trauer als übergeordnetes Motiv einigen. In den proklamierten „Endzeitgedanken“ finden Garish als Herold aber am ehesten Zuversicht, wie der sich den Kopf zerbrechende Titelsong mit zweifelhaftem Happy End suggeriert: „Schön dann müssen wir warten/ Bis zum Ende, du weißt/ Am Ende wird alles ein Garten/ Super Wetter, und die Luft voll Melodie“.
Alle deutungsoffene Abgründigkeit kassiert man da nur zu gerne ein, passt ein bisschen Sonnenschein und Zweckoptimismus doch zu diesem Traum von einer Rückkehr nach acht Jahren. Immerhin haben Garish zweieinhalb Dekaden nach ihrem Debüt das eigentlich Unmögliche geschafft und ihren bisherigen Schaffenszenit Wenn dir das meine Liebe nicht beweist mit einer Leichtigkeit übertroffen, die den Spagat zwischen Altersweiheit und Frischzellenkur dort schafft, wo es am erfüllendsten nachwirkt: als Begleiter fürs Leben.

Greet Death - Die in Love02.
Greet Death

Die in Love

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Greet Death sind seit New Hell (2019) zum Quintett aufgestockt worden, aber als Band und Individuen auch zusammengerückt und -gewachsen, wie der neben (dem unlängst mit Christian Science Reading Room ein Nebenprojekt gegründet habenden) Harper Boyhtari als Bandkopf fungierende Logan Gaval reflektiert: “Hopefully we’re becoming older and wiser as people, just like the things we’re writing about, the things we’re conveying in our songs, trying to find a little more peace.
Das bedeutet auch, das Die In Love weniger homogen ausgerichtet ist, als seine beiden Vorgänger, dafür mit einer neuen Vielseitigkeit jedoch eine unheimlich schmissige Zugänglichkeit emporhebt, von Death Cab über The Cure bis zu den Magnetic Fields unzählige Assoziationen aufwühlt, mit seiner die persönliche Tragik in universellen Themen findenden Melancholie und Trauer aber vor allem für so viele unter die Haut gehende Szenen sorgt.
I think the music that (…) some of our favorite music is what makes us feel less alone, like somebody else sees me. So I think that’s the kind of thing that we are trying to make, art that will make people feel less alone.“ sagt Logan und fängt das eklektisch tröstende, tatsächlich latent ikonische Gefühl von Die in Love in all seinen vom Shoegaze bis zum Indie Rock reichenden Facetten prägnant ein. Songs wie Emptiness is Everywhere schreibt man eigentlichnur einmal im Leben, doch Greet Death bündeln darum herum ebenbürdiges Material. Nur um mit einem Versprechen nachzulegen: „Logan said that he and I are forever on a journey to write the best song, and we still haven’t done it yet, so I guess we’ve got to keep swinging.

Alan Sparhawk with Trampled by Turtles01.
Alan Sparhawk with Trampled by Turtles

Alan Sparhawk with Trampled by Turtles

Review |

Die Wahl von Alan Sparhawk with Trampled by Turtles zum Heavy Pop-Album 2025 war keine schwierige, sondern eine in vielerlei Hinsicht naheliegende Entscheidung – die wohl einzig richtige in diesem Jahrgang sogar.

Doch um es gleich vorwegzunehmen: Der archaische, fatalistische Folk, Country und Americana dieser Kooperation müsste auch dann auf der Pole Position stehen, wenn dieses Album der so abrupt ein Ende gefunden habenden Geschichte von Low nicht ein derart erfüllendes, rundes und versöhnliches Ende bereiten würde – indem es alte Skizzen und Entwürfe aus der Mottenkiste von Sparhawk und Parker holt, um sie auf einem ruppigen Podest fertig zu denken; mit tottraurigen Abschiedstexten und einem erhebendem Optimismus; und natürlich vor allem jenem Moment, wenn Tochter Hollis in Not Broken an die Stelle ihrer Mutter tritt und das Vermächtnis von Low mit einer unerwarteten Unmittelbarkeit plötzlich wieder (in aller niederschmetternden Tragik) so hoffnunfsvoll und lebendig scheint.

Denn auch ohne diese Ebene hat Alan Sparhawk with Trampled by Turtles als vielleicht einziges Album dieses Jahres wahrlich magische Momente zu bieten.
Egal, ob diese in kleinen Genieblitzen wie der unendlich dunkel Harmonie-Schattierung von Don’t Take Your Light verpackt wurden oder in den malträtierenden Fidel-Wurzelbehandlungen im Screaming Song bestehen. Oder in Formvollendungen, wenn Trampled By Turtles (die soviel mehr sind, als Sparhawks Backingband, und deren Arbeit hier gar nicht hoch genug eingestuft werden kann) mit ihrem Förderer, Fan und temporären neuen Frontmann aufzeigen, welche Juwelen im streitbaren White Roses, My God geschlummert haben.

Diese existenziellen 31 Minuten wühlen für sich genommen und im übergeordneten Kontext betrachtet auf, sind in aller Kompaktheit mehr als die Summe der Teile, erzeugen immer wieder Gänsehaut und würden verzweifeln lassen, wenn sie nicht so unendlich schön wären. Sie zeigen Sparhawk eine Perspektive für die Zukunft und können Frieden schenken, sogar in universeller Hinicht.
Und ja, sie hätten auch als ein weiteres Low-Meisterwerk durchgehen können, würde Mimi nicht unersetzlich bleiben und schlichtweg fehlen.

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