Deafheaven – New Bermuda

von am 10. Oktober 2015 in Album, Heavy Rotation

Deafheaven – New Bermuda

Rifforientierter, metallischer und wieder deutlich härter auf der einen Seite, noch himmelstürmender in die Weite ziehend auf der anderen: Deafheaven stemmen die Bürde von ‚Sunbather‚ im Ausformulieren der Extreme, vergessen aber phasenweise auf die Wege dazwischen.

Sunbather‚ war nicht das erste Album, dass Black Metal-Versatzstücke mit massiven Screamo-, Postrock- und Shoegaze-Elementen aufwog, sicherlich auch nicht das mutigste – mit dem richtigen Label, Artwork, Auftreten, Klang und vor allem übermächtig grandios strahlenden Songs im Rücken als Gesamtkunstwerk 2013 aber mindestens zur richtigen Zeit zur Stelle, um Genre- und Szeneübergreifend zum so gefeierten wie streitbaren Konsenswerk des salonfähig herausgeputzten Blackgaze zu mutieren: Puristen fiel es vor allem leicht die hippe Ästhetik der Band zu verachten, während sich Bewunderer in den traumwandelnden Rausch fallen lassen und verlieren konnten, den die Kalifornier über nahtlos ineinander verwobene Stilfacetten und ätherische Klangteppiche heraufbeschworen.

Gerade im Rückblick auf eben diese makellos fließenden Strukturen kam der erste Vorbote des zwangsläufig schwierigen Nachfolgers ‚New Bermuda‚ einem kleinen Schock gleich: Nach dem Glockengebimmel aus Amsterdam verdichtet ‚Brought to the Water‚ seine gegen den Rhythmus Sturm laufenden Gitarren immer dichter zu einem Knäuel Hass (die Tempodiskrepanz zwischen pressenden Blastbeats und knackig abgehackten Riffs lassen gar ganz, ganz entfernt an Meshhuggah denken), schickt sie mit erhaben ausholender Geste in die Weite ätherischer Tremolo-Landschaften – nur um den in die Breitbeinigkeit anschwellendend positionierten Song inmitten seiner Galle speienden Schönheit plötzlich vollkommen unmotiviert ausfaden zu lassen und ein aus dem Nichts kommendes Piano-Outro dranzupappen, wie es inspirationsloser kaum in die Komposition eingelagert hätte werden können. Der bis dahin aufgebauten Spannung wird in die Kniescheibe geschossen, in seiner dilletantischen Stümperhaftigkeit grenzt das gar an jene brachiale Unfähigkeit gute Einzelideen zu kohärenten Gesamtkonstruktionen auszuformulieren, unter der auch die verzweifelten Deafheaven-Epigonen Ghost Bath auf ‚Moonlover‚ leiden.

Zum Glück der drastischste und unrundeste Bruch im Spielfluss der Platte. Aber dennoch ein symptomatischer, weil das pessimistisch finstere ‚New Bermuda‚ innerhalb seiner Kompositionsgrenzen immer wieder zu marginal holprigeren Wendungen neigt, in Summe zwar durchaus schlüssig seine Form wandelt, letztendlich aber nicht so ganzheitlich verwachsen ist wie ‚Sunbather‚, und ohne seine verbindenden Interludes eher eine loser verschweiste, nichtsdstotrotz homogene Songsammlung bleibt.
Zumal eine, die Deafheaven entlang anders gewichteter Schwerpunkte im Sound immer wieder zu Höchstleistungen treibt.
New Bermuda‚ ist konsequenter und selbstsicherer als der 2011er Einstand ‚Roads to Judah, dazu zu jedem Zeitpunkt kompakter, griffiger und direkter als ‚Sunbather‚, transkribiert dessen flächigen Gitarrenfiguren zurück in ein greifbareres Riffing, das sich gar immer wieder bis in den Hardrock lehnt und generell schlichtweg mehr Metal ist. ‚Baby Blue‚ etwa täuscht Explosions in the Sky-Magie an, entlädt seine generischen Energien in einem apokalyptischen Thrash-Gemetzel ala Kvelertak (hätten Deafheaven standesgemäße Matten, könnten sie nicht nur hier hemmungslos headbangen!), ein vor Verzweiflung berstender George Clarke reißt die Arme mit gipfelstürmender Erhabenheit empor, bevor der Orkan sich legt: Der Paradigmenwechsel in die Stille ist unsauber assimiliert, doch plötzlich bewegen sich Deafheaven ohne jede Verrenkung mit einer Leichtigkeit durch nachdenklich treibende Gefilde, die unumwunden die Liebe zum dunklen Pop von The Smith offenlegen. Die Spannweite der Extreme werden nun eben deutlich zielstrebiger vermessen.

Nur das betörende ‚Luna‚ tritt dabei nahtlos die Erbfolge von ‚Sunbather‚ an, ballert mit geifendem Black Metal-Gekeife atemlos nach vorne, öffnet dahinter aber weite Räume, die trotz des vordergründigen Härtegrades jene unterschwellig-ergreifende Hymnik beschwören, die etwa auch Dredg in ihren gleißendsten Momenten ansteuern. Das allgemein düsterer, depressiver, weniger hoffnungssuchende Ambiente der Platte perlt hier ausnahmsweise langsam in eine atmosphärisch lichtere Stimmung, Deafheaven atmen durch, um in ein meditatives, luzides Delirium von Suburbia verfallen.
Das überragende ‚Come Back‚ beginnt dagegen als erhabene The CureVerneigung, geht allerdings rund um ein schwindelerregend furioses Gitarrensolo einen ähnlichen Weg, indem es seine majestätischen Melodien schichtet, jeden Moment höher inszenieren will als den davorliegenden, sich permanent nach der decke streckt. Sicherlich: Diese immanente Sucht von Deafheaven nach dem Epischen, die Emotionen immer noch einen Schritt übermannender kanalisieren zu wollen, beschert dem Album bisweilen auch eine latent vorhersehbare Entwicklung zum Reißbrett – aber genau diesen Zug beherrschen Deafheaven eben auch weiterhin nahe an der formvollendeten Perfektion.
Wenn ‚Gifts for the Earth‚ bis auf Clarks (mitunter monoton werdenden könnendes) Geschrei problemlos als flotte Shoegaze-Nummer durchgehen könnte, sich aber dann doch immer intensiver wundreibt und in rasender Tollwut explodiert, sich über mehrere Schübe wieder beruhigt und es letztendlich sogar zustande bringt, das geliebte Piano auf eine natürlich gewachsene Art in den Raum zu ziehen, endet ‚New Bermuda‚ vielleicht weniger auslaugend und erfüllend als ‚Sunbather‚, dafür aber unmittelbarer, komprimierter und unnachgiebiger. Vor allem: wieder eine Spur vor allen anderen. Tatsächlich sind Deafheaven hiermit nun (nicht nur, weil diese Verortung für das schwereloser gewichtete, im Grunde grenzenlose ‚Sunbather‚ ohnedies immer zu kurz gegriffen hat) sogar wahrscheinlich mehr denn je die (Black) Metal(!)band, für die man das Quintett längst vergöttert oder hasst.

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