Chat Pile – Who Loves The Sun

von am 20. September 2026 in Album, Heavy Rotation

Chat Pile – Who Loves The Sun

Who Loves the Sun endet mit dem in seiner weitestgehend introspektiven, nur kurz mit Gewalt aus dem Rahmen gezupften Acoustic-Appendix October All the Time zwar annähernd dort, wo wir Chat Pile 2025 mit In the Earth Again verlassen haben.

Davor aber arbeitet die Band erfolgreich daran, ihren bisherigen beiden Alleingängen – God’s Country (2022) und Cool World (2024) – ein Update zu verpassen, das einmal mehr das Quäntchen Steigerungspotential im Signature Sound von Vocalist Raygun Busch (Randy Heyer), Schlagzeuger Cap’n Ron (Aaron Tackett), Bassist Stin (Austin Tackett) und Gitarrist Luther Manhole (Griffin Sansone) findet, dieses fokussiert nutzt, und dabei auch abermals die Bandbreite erhöht (während die immer komprimiertere Produktion die Heaviness theoretisch einpfercht und die Klaustrophobie verstärkt).
Also ganz so, wie es die bockstark vorauseilenden (und nun exklusive Masks als optimal sequenzierte Galionsfiguren im Kontext von Who Loves the Sun thronenden) Singles der Pigfuck-Meister versprochen haben.

Das ebenso gemeine wie melodische Deep Blue ist extrem catchy, nichts anderes als ein griffiger und schmissiger Hit, der Chat Pile strukturell, melodisch und überhaupt so zugänglich wie nie zuvor zeigt. Same Rules suhlt sich düster und entschleunigt in einer Goth-Mentalität, in der Raygun sich so verletzlich und fragil in der Melancholie suhlt, während seine Band sich depressiv an der Lethargisch aufreibt, und der Nummer am Ende einen aggressiven Schub gibt, hinter dem Pen I S Mall überragt: Der Titel ist gar nicht das Beste an diesem monströsen Bastard, der klingt, als wäre Page Hamilton im hirnwütigen Wahn bei Jesus Lizard eingestiegen, um Big Black als Industrial-Jünger den ewigen Godflesh-nacheifern zu lassen – nach der inhalierten Bong-Zügen sogar mit doomiger Death-Ästhetik. Brutaler und heavier war das Quartett aus Oklahoma City vielleicht noch nie konzentriert, bevor sie hinten raus ein zähes Ringelspiel im Delirium anwirft.
Und für Shrine passen die anderswo getätigten Cold-Vergleiche, wenn Chat Pile eine mit wirklich superber Drum-Arbeit eingeleitete Goth-Monstrosität von der Leine lassen, die Sehnsucht als Gewalttat interpretiert, und im erlösenden Finale kathartisch aufgeht.

So vertraut einem diese Herolde mittlerweile zwischen den Fronten aus Business as Usual und Systemoptimierung sind, hat auch das restliche Material ausnahmslos das Zeug zu Instant-Lieblingen und Diskografie-Highlights.
Creature ist ein Trademark-Schaulaufen in jenem patentierten Art Parallelwelt-Grunge, in der der die 90er den Sludge und Noiserock mit einer Helmet-Bridge direkt in den Nu Metal-Groove von Korn getrieben haben, stoisch und aufgewühlt slappend, abrassiv und entwaffnend eingängig.
Intruder zeigt Chat Pile mit seiner seiner Leichtigkeit, den weiblichen Harmonien und einer markant gackernden Leadgitarre als Fortsetzung von Tape so weit im Pop wie nie zuvor – auch wenn die Nummer die Daumenschrauben angesetzt und Gift in die Venen gespritzt bekommt, um am Ende rapide vor Wood kotzend zu frickeln. Brittany Sawtelle und Claire Hannah werden übrigens auch später nochmal Backing Vocals bittersüß schwelgend beisteuern- und damit eine superbe neue, verführerisch kontrastierende Facette in den Kosmos der Band implementieren, nachdem Influence erst knackiger rockend poltert, so zügig und kompakt drückt, und bevor die Nummer wie eine manische Planierraupe schiebt.

Christabel ’26 schleppt sich dagegen schwermütig und zeigt bekümmert eine melodisch malende Tragik, heult als martialisches Klagelied und ist in Relation gewissermaßen eine Ballade, bei der die Schönheit im Schraubstock der Härte steckt. Dahinter schnepft Family Funeral seine sinnierenden Erzählungen über die Liebe, bis die Zähne gefletscht werden und der Exzess kurzerhand abgedreht wird.
Wenn October All the Time den Rahmen dann beinahe versöhnlich schließt, macht Who Loves the Sun dann in seinen die Band in den nächsten Level hebenden 43 Minuten praktisch auch nichts falsch. Man kann dem wohl tatsächlich so nahe an die Ideallinie von Chat Pile kommenden Drittwerk der Band höchstens vorwerfen, dass es sich in Summe nicht wie ein (auf subjektiver, von A Tear for Lucas definierter emotionaler Ebene) begeisterndes Meisterwerk, sondern eher wie ein unbedingt befriedigender vorläufiger Zenit der bewährten Formel mit mehr Auftrittsfläche, variableren Songwriting und zugänglicherer Dynamik anfühlt. Ob es insofern nur deswegen ein Sakrileg ist, bei der folgenden Bewertung ob der ständig nach oben zeigenden Entwicklung der Band vorsichtshalber ab- statt aufzurunden, wird die Zeit zeigen.

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