Foals – Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1

von am 28. März 2019 in Album

Foals – Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1

Das große Ganze im Visier: Foals machen einen Schritt zurück von der spätestens 2015 auf What Went Down gepflegten Arena-Tauglichkeit und haben mit Everything Not Saved Will Be Lost trotzdem ihr bisher zugänglichstes Album aufgenommen.

Oder zumindest dem ersten Teil davon: Wo es nach einer langen Ruhepause und dem musikalischen Müßiggang in Griechenland sowie dem Ausstieg von Bassist und Gründungsmitglied Walter Gervers erst so aussah, als hätten sich erschöpfte Foals auf der Erfolgswelle, die rund um ihr viertes Studioalbum einen neuen Zenit erreicht hatte, eventuell zu sehr verausgabt, um überhaupt zurückzukehren, konnte mit etwas Abstand mehr als genug Kraft für neue Ideen und Ambitionen gesammelt werden: „Nach dieser untätigen Zeit hatte sich bei mir so viel Kreativität aufgestaut, dass es förmlich zu einer Explosion gekommen ist“ erinnert sich Frontmann Yannis Philippakis.
Eine Explosion in quantitativer Hinsicht einerseits, aber anderseits auch in inhaltlicher. Die Band blickt auf Everything Not Saved Will Be Lost nun über die eigene Vergänglichkeit hinaus, will Verantwortung übernehmen und Nachhaltigkeit leben, denkt an folgende Generationen, und transportiert den „Wunsch, sich mit größeren Dingen zu beschäftigen„, sich dezidierter zu positionieren, über einen optimistischeren, offeneren Sound und weniger abstrakten Texten in die kultivierte Ruhelosigkeit ohne Grenzen. „Die Welt ist in meine Privatsphäre eingedrungen und lässt sich nicht länger ausblenden.

Auch wenn die Plattenfirma sich vehement gegen ein Doppelalbum stemmte, erscheint Everything Not Saved Will Be Lost nun in zwei Teilen, zeitversetzt über wenige Monate. Was auch insofern eine Rolle spielt, als dass sich eine Bewertung von Part 1 alleine nun nicht bedingungslos richtig anfühlt.
Schließlich bleibt nach unheimlich kurzweilig verfliegenden 39 Minuten neben sehr viel euphorischer Genugtuung auch ein dezent unbefriedigender Eindruck. Nämlich die subtile Gewissheit, dass das eben tatsächlich nicht alles gewesen sein kann. Weil der ultimativ erschöpfende Climax ausgeblieben ist, die Dynamik und der Spielflluß nach zehn Songs und dem kontemplativ am Piano sinnierenden Closer I’m Done With The World (& It’s Done With Me) eher in der ruhigen Verschnaufpause vor dem Sturm pausieren, als das Foals mit Part 1 bereits ein Kapitel ihrer Karriere spannungstechnisch erschöpfend in die Ekstase getrieben hätten.
Eventuell liegt dieser Eindruck auch daran, dass sich Everything Not Saved Will Be Lost mit der Klammer aus dem Opener Moonlight (ein ätherisches Synthie-Meer aus pluckernden Beats, zischenden Effekten sowie blinkenden Gitarrentönen), dem vergänglichen 44 sekündigen Interlude-Geplänkel Surf, Pt. 1 und eben I’m Done With The World (& It’s Done With Me) als stimmungsbildender Fugenkitt gewissermaßen schon fast zu kompakt und direkt präsentiert, so fokussiert keinerlei Fett zulässt. Ob man derart konzipiert einfach die weitschweifenden, ausführlichen Epen der vorangegangenen Alben vermisst, den hymnisch überragenden Schlusspunkt, den einen restlos überwältigenden Übersong oder einfach nur zumindest zwei zusätzliche Nummern, die dem Kontext das nötige Gewicht geben, um für sich alleine zu bestehen, bleibt offen.
Und dennoch: Bevor Foals den Cliffhanger in wenigen Monaten auflösen werden, machen sie auf Everything Not Saved Will Be Lost im Grunde kaum etwas falsch.

Catchy ist hier sowieso jeder Song, nahezu alle auch Grower, obwohl die jeweilige Agenda praktisch stets auf den ersten Blick erkennbar ist und da wieder diese Instant-Nachhaltigkeit entsteht, für die Foals längst bürgen. Mögen Einige Songs auch vordergründig auf ästhetischer Ebene zwingend bleiben und weniger emotionaler packen, entwickelt das abwechslungsreiche und trotzdem (mehr noch als seine Vorgänger zu?) schnell erfassbare Everything Not Saved Will Be Lost einen tollen Zug wie aus einem Guss, zündet eben phasenweise schneller als anderswo, kriegt einen früher oder später aber nahezu ausnahmslos über den einen oder anderen Kniff.
Immerhin schreiben die Briten immer noch (und immer wieder) smarte gewissermaßen Indie-Hits wenn ihnen danach ist, finden gleichzeitig aber auch wieder zurück zu einem gestiegenen Math-Anteil (nichts anderes passiert beispielsweise in White Onions, das mit oszillierend-blinkenden Gitarren und treibenden Rhythmen zwischen elektronischer Dancemusik und wuchtig bratender Rockmusik keinen Unterschied macht, „Oooooohhh“!) und lassen es auch zu keiner aufmerksamkeitsgeilen Phrase verkommen, wenn Philippakis deklariert: „Es waren immer Rhythmen, die uns interessiert haben. (…) Wir wollten unsere Version von Techno machen, nur mit Gitarren und einer traditionellen Band.
An dieser Schnittstelle operieren etwa In Degrees (das Muster der synthetischen Clubmusik adaptiert, zu Underworld und LCD Soundsystem schielt, mit tropikaler Leichtigkeit aus dem Bauch heraus Richtung EDM kurbelt) sowie der beste Track der Platte, Sunday, der von der verträumten Elegie in wellenförmiger Schönheit zum pumpenden Dancefloor-Flirt unter dem flimmernden Stroboskop-Licht mutiert.

Exits schiebt so mechanisch und stoisch wie organisch schnaufend, pluckert funkelnd und führt seine Texturen zu einem hinterrücks nicht mehr aus den Gehörgängen wollenden Refrain, mäandert als entspannter Rausch im Albumformat. Das starke Syrups groovt dagegen mit seinem explizit auf das Podest gehobenen Bass und zappeligen Drums hypnotisch um eine Gitarren-Berg-und-Talfahrt, die irgendwann die Handbremse löst und in einen krautrockig pumpenden Space-Modus verfällt, seine Motorik intensiver scheppernd verdichtet. On the Luna ist dagegen solide zappelnder Indie mit Dancepunk-Kante samt Cowbells, eher eine Routinearbeit mit viel Stil und prädestiniert als rundum dankbare Single, während Cafe D’Athens bimmelt wie eine meditative Annäherung an sphärische Radiohead-Momente. Kein unbedingtes Highlight der Diskografie vielleicht, aber ein fesselndes Teil dieses ausfallfreien, hochqualitativen Mosaikstückchens mit unvollständigem Beigeschmack.
Deswegen scheint es absehbar, dass erst der freie Blick auf das Gesamtpaket die wahre Größe der zurückgekehrten Foals im Jahr 2019 offenbaren wird, wenn die Szenarien des mit knapper Aufmerksamkeitsspanne angenehm konsumierbaren Happen Part 1 ihren verdienten Lohn mit mehr Kontrast einfahren dürften: „Das zweite Album wird mit einem Knall beginnen. Es wird mehr Gitarren haben und insgesamt härter sein. Sobald man es hört, wird man erkennen, dass eine übergreifende Geschichte dahintersteckt und die Platten einer inneren Logik folgen„.
Davon ausgehend, dass das bisherige Niveau in wenigen Monaten mit Part 2 zumindest gehalten werden wird, zeichnet sich insofern die Befürchtung ab, als hätten die Briten das potenziell stärkste Doppelalbum seit Ewigkeiten verschenkt. Womit man bereits jetzt, nach dem mehr als zufriedenstellenden Everything Not Saved Will Be Lost – Part 1, verdammt gut leben kann.

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