Jeromes Dream – LP

von am 23. August 2019 in Album

Jeromes Dream – LP

Klassischer Screamo erlebt aktuell einen vitalen zweiten Frühling. In diesem wollen nun nach 18 Jahren Plattenpause auch die wiedervereinigten Jeromes Dream mitmischen – und machen mit LP wohl das beste aus einem in dieser Form verzichtbaren Revival.

Schließlich sind die Voraussetzungen für das Trio aus Connecticut ambivalent wie bei kaum einer anderen Band im Comebackmodus. Immerhin darf das ikonische Debütalbum Seeing Means More Than Safety neben legendären Splits mit Orchid und anderen Szenegrößen zu Recht einen Platz in den Annalen der Genreklassiker für sich reklamieren, während der Nachfolger Presents an diesem Maßstab scheiterten musste, es trotz überraschend anhaltender Jubelkritiken subjektiv auch tat: Kreischkreisel Jeff Smith hatte sich (zumindest der Legende nach) vor den Aufnahmen der Platte längst die dauermalträtierten Stimmbänder vollends ruiniert und konnte am Zweitwerk anstelle seines manischen Katharsis-Geschreies nur noch über Effektgeräte verzerrt im Megaphon-Modus rufen (eine Technik, die vor allem Lightning Bolt erst Jahre später meistern sollten).
Die daraus entstandenen, immer gleich getakteten Stakkato-Attacken ließen die Vocals auf Presents jedenfalls zur großen Archillesferse einer musikalisch weiterhin im pursten Screamo triumphierenden Platte werden, die trotz ihrer furiosen Grundlage im besten Fall monoton frustrieren, meistens aber sogar eindimensional entnerven konnte. Die Karriere von Jeromes Dream war damit so oder so praktisch beendet. Man trennte sich 2001 und hinterließ ein kultisch verehrtes, immer wieder – von Daughters bis hin zu Vein – als Referenz herhaltendes Gesamtwerk.

An diesem grundlegenden Prüfstein hat sich vor dem Release von LP – und nach einer durchaus ambivalent aufgefassten Crowdfunding-Aktion inklusive dem Produzentenwechsel von Kurt Ballou zu Jack Shirley – entgegen aller Hoffnungen nichts geändert. Jeromes Dream gehen auch zur dritten Runde mit der Hypothek der verfremdeten Stimme ins Rennen. Und diese wird, um es gleich vorwegzunehmen, freilich weiterhin das primär polarisierende Manko der Band darstellen. Weil Jeromes Dream mit der Mikrofon-Krücke einfach kaum emotionalen Zugriff bekommen, Smith mit seinen niemals variablen, stets seltsam distanziert und hingebungslos wirkenden Shouts keine Intensität auf der Gefühlsebene auslösen kann und sich praktisch jeder Song darüber hinausgehend auch bis zu einem gewissen Grad enervierend gleichförmig geprägt anhört.
Dennoch funktioniert der Umgang mit dem Desaster auf LP ein wenig stimmiger als noch auf Presents, weil die Band aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, sich stilistisch nicht zwanghaft am Debüt orientiert, quasi im Gegensatz zu Presents von den unerreichbaren Vorgaben emanzipiert, musikalisch besser auf die Vocal-Fremdkörper-Situation eingeht und ihren Sound heavier, aber weniger harsch wachsen lässt. Alleine, dass die Platte mit 33 Minuten Spielzeit annähernd so lange ausgefallen ist, wie die bisherigen beiden Studioalben der Band zusammengerechnet, ist symptomatisch – und sollte Puristen rechtzeitig vorab vorwarnen.

Der weniger aufgebrachte, nun ja, Gesang ist im Mix nicht mehr ganz so frontal nach vorne gedrängt, geht hinter den Gitarren und vor allem dem superben Schlagzeug eher in Deckung und fügt sich so homogener harmonierend in den Sound ein. Was eigentlich paradox sein müsste, aber klappt: Das Songwriting nutzt gelegentlich (aber leider viel zu selten) auch melodischere Wege, wo das Tempo allgemein massiv gedrosselt und der Anteil an noisigem Feedback nahezu vollends eliminiert wurde. Mehr noch bedeutet das: LP ist stilistisch praktisch kein Screamo mehr, sondern in minimalen Nuancen zum Shoegaze und Postrock schielender Noiserock, viel eher mathlastig akkurat und präzise, stoisch und repetitiv, als chaotisch und impulsiv.
Schade nur, dass die dazugehörige Produktion zu dünn und schrecklich komprimiert ist, um die über die gesamte Spieldauer doch sehr gleichförmige Arbeitsweise und Ästhetik auf den nächsten Level zu heben, wo sich die Kompositionen an sich doch für eine gewisse dynamische Bandbreite bemüht hätten.

Keep Those Bristles Clean and Closed poltert auf Krawall gebürstet hinaus und schiebt sein Riff stellvertretend für die folgende Platte eruptiv an, spätestens Drone Before Parlor Violence arbeitet fast schon mit den abgehakten Gitarrenwänden von Helmet, die Band rotiert und hämmert – aber schon hier zeigt, dass Jeromes Dream auch aus musikalischer Sicht keine unbedingte Ekstase auslösen können, zu behäbig agieren, um mitreißenden Zwang auszustrahlen.
Songs wie With Ash to Drink oder Cataracts So Far (das mit seinen wirbelnden Drums der blastenden Wildheit von einst zumindest ansatzweise nahe kommt und als Vorbote insofern ein veritabler Blender war) klingen deswegen auch irgendwann wie kaum individuelle, typisch genormte, nur schwer auseinanderzuhaltende Standards, aus den immer gleichen Elementen zusammengeschraubt – alleine die Gitarren könnten zudem einfach viel mehr bedrängende Größe besitzen.
Das ist nichtsdestotrotz gelungen, hätte aber durch einige Destillationen sowie aus dem (zu) kohärenten Kontext fallende Überraschungen und Genieblitze auch einfach besser funktionieren können. In kleineren Dosen wissen die vorhandenen Nummer schließlich durchaus zu überzeugen und hofieren einige Highlightmomente. Das knackig und wuchtig aufbrausende Pliers Consult with DRR baut beispielsweise Spannungen in verschiedenen Perspektiven auf, erinnert in manchen davon sogar durchaus an Cloud Nothings, bevor Marrow in the Circuitry ausnahmsweise den punkigeren Hardcore-Sprinter mit energischer Attitüde gibt. Reverse in a Valley Combine wechselt seine Gangart immer wieder, ist im Grunde aber einnehmend-schwerfälliger Post Hardcore, der den Groove für sich entdeckt hat. In Taking Twelve bekommt eine fast alternativerockige Leichtigkeit im Gitarrenton samt flottem Tempo und Antietam for Breakfast überholt sich nur beinahe selbst – zwar kurbelt die Nummer, wirkt aber auch schaumgebremst – nur um in einen zum Ambient träumenden Part zu schwelgen.

Hinten raus nimmt sich LP dann mehr Raum, indem Smith das Mikro kaum gebraucht – was der Platte wirklich gut tut – auch wenn sich das instrumentale Spektrum dadurch nicht wirklich erweitert und ohnedies viele getroffene Entscheidungen an sich irritieren. Etwa, warum das 62 sekündige Cognizing Mechanics for Deliberate Machinery als eigenständiger Track läuft, wo doch die meisten Songs ohnedies eine stimmungsvolle Klammer aus atmosphärischem Geplänkel verpasst bekommen haben; oder weswegen ausgerechnet In Memoriam: BE rein instrumental belassen wurde – immerhin unterscheidet sich die Nummer kompositionell keinen Millimeter von anderen Stücken. Beide Punkte lassen sich übrigens im finalen Half-In a Bantam Canopy nachprüfen, das ein langes Intro bekommt, dann über ein erstes Crescendo zu einer beschwörenden Kurz-Kurz-Lang-Entladung findet, die dann immer vertiefender ihrem Finale entgegenpocht und letztendlich einen versöhnlichen Drone-Ausklang findet.
Letztendlich scheitert LP also gar nicht nur an Fehlern wie jenen, diese Platte am Debüt und allgemeinen Status der Band messen zu wollen, oder sich die neuen Songs gar im (die Studioversionen absolut wegblasenden) Live-Outfit zu geben – man sollte vor allem nicht übersehen, dass das Comeback auch mit einem anderen Sänger Probleme offenbart hätte.
Es spricht nichtsdestotrotz für die reaktivierte Klasse von Jeromes Dream, dass unter dem Strich bei all diesen Schönheitsfehlern ein doch sehr ordentliches – mit Fanbrille gar gutes – Noiserock-Werk steht. Ob man das nur drittbeste Album der Rückkehrer deswegen allerdings wirklich gebraucht hätte, sei dahingestellt.

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