Joe Volk – Happenings and Killings

von am 28. Februar 2016 in Album, Heavy Rotation

Joe Volk – Happenings and Killings

Das hatte veröffentlichungstechnisch schon beinahe etwas von einem ‚Chinese Democracy‚ der Singer/Songwriter-Zunft: Annähernd ein volles Jahrzehnt musste vergehen, ehe Joe Volk den Nachfolger zu ‚Derwent Waters Saint‚ (und damit immerhin einem der besten Genre-Alben der 00er Jahr) endlich vollenden konnte. Eine gefühlte halbe Ewigkeit an Wartezeit, die ‚Happenings and Killings‚ nun jedoch anstandslos rechtfertigt.

[Die Wartezeit] lag großteils an den Zeitplänen von Geoff [Barrow] und Ben [Salisbury]. Ich war nicht gerade in der Position, sie bezahlen zu können. Also musste ich es aussitzen“ erklärt Volk die lange Sendepause. Gut, untätig war der Mann aus Bristol seit seinem Debütalbum 2006 ohnedies keineswegs: Die ersten zweieinhalb Crippled Black Phoenix-Alben hob er mit seiner Zauberstimme in Meisterwerk-Sphären, zog nach Bern um eine Familie zu gründen, und ließ daneben auch immer wieder mit Projekten wie etwa Glenn aufhorchen. Abgesehen von einer Split-Veröffentlichungen mit Boris im Jahr 2012 zogen sich die Prozesse hinsichtlich seines Solo-Schaffens jedoch durchaus ermüdend schier endlos. Vor allem auch, weil Volk bereits kurz nach seinem Ausstieg bei Crippled Black Phoenix von seinem „beinahe fertigen“ Zweitwerk sprach.
Einem Zweitwerk, dass sich prolongiertermaßen aus der akustischen, bedrückenden Wohlfühlzone von ‚Derwent Water Saints‚ bewegen sollte und nun, vier Jahre später, auch tatsächlich einen Joe Volk präsentiert, der sich von einem reichhaltigen Instrumentarium und den damit verbundenen experimentierfreudigeren Strukturen aus der Introvertiertheit locken lässt: „Mit bloss einer Gitarre und meiner Stimme einen Raum voller Leute ruhig halten, das kann ich. Dieses Mal wollte ich mehr Risiken eingehen.

Die essentielle Grundlage des Songwritings von ‚Happenings and Killings‚ ist dabei immer noch sehr ähnlich wie seinerzeit bei ‚Derwent Waters Saint‚. Sparsam perlende Akustikgitarren umgarnen Volks ruhige, unmittelbar unter die Haut kriechende Stimme, beschwören eine Ausstrahlung, die abermals eine beispiellos intime Atmosphäre entwickelt und sich damit wie etwa im zuerst untröstlich niedergeschlagenen, dann aber seine Vorhänge melancholisch aufmachenden Herstück ‚Sirens‚ dank der einsamen Munharmonika wie eine nahtlose Fortsetzung zum Song ‚Whole Pig, No Head‚ anfühlen kann. Auch das von Streichern und Bläsern unterstützte ‚Yellow Sneak‚ ist in seiner gezupften Verletzlichkeit pure Anmut, zum Sterben schön – also trotz seiner relativen Opulenz genau von jener stillen Größe, die bereits das formvollendete ‚Derwent Waters Saint‚ als Mikrokosmos darstellte.
Allerdings ist diese immanente Vertrautheit der Platte zumeist nur noch der Ausgangspunkt der neuen Songs, die von Volk und alten Invada-Kumpels wie eben den beiden gravierend präsenten, kongenialen Partnern Barrow und Salisbury oder auch Adrian Utley und Jim Barr mit einer akribischen Detailliebe und ambitionierten Neugierde merklich dahingehend gestrickt wurden, sich in keinem Komfortbereich auszuruhen, sondern ‚Happenings and Killings‚ permanent neue Facetten und Ausrichtungen abzuringen.

Gleich das bedächtige ‚Bampfylde Moore Carew‚ wächst so anhand seines jazzigen Schlagzeugspiels über zahlreiche Lagen – von den zwischen weihevoll und bedrohlich aufkochenden Backingvocals bis hin zum mysteriösen Gemurmel im Untergrund gibt es schon eingangs so viel auf ‚Happenings and Killings‚ zu entdecken: Die symbiotische Tiefe, die Vielschichtigkeit, mit der die wandelbaren Arrangements Volks Miniaturen gedankenvoll und organisch wachsen lassen, ist schlicht beeindruckend – und folgend zudem noch deutlich offenkundiger praktiziert als im mit Harmonium in See stechenden Opener der Platte.
Das stringent angetriebene ‚These Feathers Count‚ bedient sich oszillierender Gitarrenlinien, die auch den mathematischen Foals zusagen dürften, und ist wie ‚Is Pyramid‚ (das aus dem Weltraum eine mit kompaktem Beat bespielte Tanzfläche betrachtet, um über ein im Bandsalat aufgehendes Spachsample zum ‚Kid A‚-Moment der Platte zu mutieren) eventuell die konkreteste Annäherungen Volks an aus sich heraus gehende Rocksongs. Der unermüdliche, niemals greifbare Optimismus, mit dem das stellare Vorabmysterium ‚Soliloquy‚ inmitten zerbrechlicher Eleganz wächst, war insofern also durchaus ein adäquater Herold, spiegelte aber eben dennoch nur einen Teilbereich der stilistischen Gebiete wider, die Volk auf ‚Happenings and Killings‚ letztendlich erkundet.

The Thief of Ideals‚ klingt mit Melotron und Analogsynthesizer also, als hätte Volk seine ganz persönliche Hintertür von The Good, The Bad and the Queen zu den Midlake der ‚Acts of Man‚-Ära gefunden, während ‚The Curve‚ mit Pauke und programmierten Drums ein ähnlich postapokalyptisches Blade Runner-Szenario auf den Leib geschneidert wird, mit dem bereits Portishead oder ‚Drokk: Music Inspired by Mega-City‚ flirteten: Selten schien die Distanz von Nick Drake’schem Folk zur Elektronik von BEAK> derart gering und logisch übersetzt. Aber es ist ohnedies eine der größten Stärken der Platte, dass Volk Grenzen frei fließend interpretiert, Einflüsse scheinbar mühelos assimiliert und mit eigener Handschrift versieht, ohne dabei jemals zu wirken, als müsste er sein Songwriting tatsächlich kräftezehrend strecken.
Eine derartige Homogenität wie das meditative ‚Derwent Waters Saint‚ kann und will das dynamischere und abenteuerlustigere ‚Happenings and Killings‚ aufgrund seiner Beschaffenheit damit natürlich grundsätzlich nicht erzeugen und bleibt im direkten Vergleich eher eine Songsammlung und verinnerlichte Momentaufnahme – der nahtlose Fluss des Albums erscheint nicht nur angesichts des breitflächigen Spektrums und der langen Liste an Beteiligten jedoch erstaunlich kohärent und in sich geschlossen.

Wie ein kaleidoskopartiger, kleinteilig zusammengearbeiteter Blick auf die vergangenen Jahre eben, der seine Ingredienzen mit meisterhafter Balance anordnet, all seine Facetten auf das Gewicht und die Wärme von Volks Stimme sensibilisiert. Der Weißabgleich am Cover temperiert insofern auch die so bedächtig ausgeleuchtete Aura der Platte, die ihre Reichhaltigkeit und Tiefenwirkung mit einer beinahe unscheinbaren Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit strahlen lässt. Wenn sich in ‚The Walker‚ von Harmoniegesängen bis zu traurigen Pianoklängen ein an sich so ausführliches Instrumentarium mit sparsamer Zurückhaltung an den glimmernden Grundton schmiegt, und jeden Ansatz der Überladenheit in seinen Expeditionsdenken geschickt umgeht, ist das ebenso charakteristisch für Happenings and Killings, wie wenn Volk im Booklet in der Dunkelheit stehend gedankenschwer aus einem Fenster in die Ferne blickt.
Musikalisch und lyrisch liefert Volk trotz einer bisher ungekannten Stringenz nämlich weiterhin keine Gebrauchsanweisung dafür, wie seine eigenwillig um ihren Kern kreisende Songs letztendlich zu funktionieren haben, lässt den Hörer ohne aufklärenden großen Knall gerne im Unklaren tappen. Mit viel Gänsehaut, aber ohne richtigen Knockout-Augenblick, wodurch Happenings and Killings‚ trotz der bisweilen handfesteren Gangart immer noch eine unergründliche Rätselhaftigkeit und hypnotische Irritierung anhaftet: Eine im richtigen Moment geradezu magisch packende Erfahrung. Abermals eigentlich, diesmal nur eben mit anderen Mitteln. Womit praktisch jede Sekunde der Vorlaufzeit von ‚Happenings and Killings‚ es wert war, auf dieses Zweitwerk zu warten.

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