Joey Cape – Stitch Puppy

von am 24. September 2015 in Album

Joey Cape – Stitch Puppy

Das Lagwagon-Comeback konnte der niemals zur Ruhe kommende Workaholic Joey Cape im vergangenen Jahr mit ‚Hang‚ ja bekanntlich geradezu triumphal von der To-Do-Liste streichen, weswegen nach 5 Jahren Pause auch endlich der Weg zu seinem dritten Soloalbum freigeräumt ist.

Die auf dem achten Studiowerk seiner Stammband etablierte Nachdenklichkeit und Düsternis hat er nun beinahe anstandslos auf ‚Stich Puppy‚ hinübergerettet. Einer Platte, die auf Cape’s immer einfühlsamer und behutsamer werdende Stimme, vitale Akustikgitarren und vereinzelte Pianosprengsel, Cello-Tupfer und leise Percussion reduziert funktioniert, deren Hintergrundgeschichte (Labelboss Cape wurde  durch den Bau einer Puppe von seiner Tochter zu den nicht ein- aber doch gerade einmal zweiwöchigen Aufnahmen inspiriert) man praktisch nicht kennen muss. Da man ohnedies unmittelbar drinnen ist, in den melancholisch schwelgenden Innenansichten, die Cape einmal mehr als verletzlichen Trostspender („I promise I’ll visit you the day/ I find the words to convey hope“ singt er im fast kitschig schön treibenden ‚Cope‚) und kumpelhafte Stütze (ganz ohne Sarkasmus empfiehlt das erst genuschelte, dann euphorisch voranschreitende ‚Moral Kompass‚ die Einkehr zum Gewissen:“Use your moral compass if it feels wrong/ Lay it down son/Hold on heart/…/ I know who you are„) zeigt.
Tatsächlich steht dem bald 49 Jährigen die mit dem Alter gefundene sanftere, gedankenvollere – man ist fast geneigt zu sagen: reifere – Herangehensweise an sein wie immer vor simplen, zugänglichen Melodien sprühenden Songwriting einfach exzellent.

Im Grunde hat ‚Stich Puppy‚ insofern auch vordergründig nur mit dem selben Problem zu kämpfen, dass so auch vielen von Cape’s folkorientierten, akustiksongwriternden Punkrockkollegen auf ihren Soloausflügen begegnet: Die Spannungskurve über die gesamte Spieldauer bei so viel Zurückgenommenheit permanent gleich hochzuhalten, das gelingt auch dem Lagwagon-Frontmann nicht gänzlich.
Dem Manko nimmt er sich allerdings geschickter an als viele Kollegen, ‚Stich Puppy‚ ist permanent bemüht den dynamischen Spielfluss mit kleinen Anstößen und inszenatorischen Ideen am Laufen zu halten. Davor, dass die Platte in ihrem ruhigen Charakter gelegentlich in den Hintergrund plätschert kann Cape in den nur marginale Schwankungen durchlebenden 31 Spielminuten zwar letztendlich nicht immer verhindern, jedoch ist er schlau genug ist die enorm kompakten Kompositionen niemals künstlich in die Länge zu ziehen: ‚Broken‚ ist etwa in gerade einmal 107 Sekunden jene Art Pianoballade, die Dave Grohl auf ‚In Your Honor‚ nicht gelungen ist, das fast sechsminütige, alles überragende Epos ‚Tracks‚ macht dafür alles besser, was auch Chris Cornell auf dem kommenden ‚Higher Truth‚ anpackt.

Am Stück gehört stehlen die Highlight der Platte dem eher solideren Material deswegen auch ein bisschen das Sonnenlicht, jede Nummer für sich selbst genommen liefert Cape aber auf seinem bisher kohärentesten Soloalbum ausfallfrei ab. Das gelöste ‚This Life is Strange‚ und das trotz aller Traurigkeit optimistisch lächelnde ‚Gone Baby Gone‚ korrigieren etwa gleich zu Beginn mit ihrer beschwingten Art beinahe die getragene Grundstimmung der Platte, das große ‚St. Mary’s‚ öffnet sich mit ergreifender Geste im Refrain.  Yotam Ben Horin von Useless ID und Chris Cresswell zeichnen dazu vorsichtige Harmonien durch zahlreiche Songs (flirtet ‚Faultlines‚ gar mit Soul-Anleihen?), der eingeschobene, überarbeitete The Playing Favorites-Rückblick ‚Spill My Guts ist gar ein wunderbares (nur dezent leidenschaftlich über das Ziel hinausschießendes) Duett mit dem Flatliners-Sänger geworden.
Letztendlich ist es insofern auch absolut keine Schmach, wenn sich ‚Stich Puppynur wie der auf ein klanglich spartanisches Gewand heruntergefahrene, unaufregende, routinierte und enorm kurzweilig seine Stärken strahlen lassender Appendix anfühlt, dessen Songs es qualitativ nicht ganz auf ‚Hang‚ geschafft hat.

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