Marissa Nadler – Strangers

von am 9. Juni 2016 in Album

Marissa Nadler – Strangers

Marissa Nadler und Produzenten-Mastermind Randall Dunn schweben auf Strangers den Weg des Vorgängers July weiter, feilen dabei an den Details und erweitern zudem das instrumentale Spektrum.

Selbst eine größere orchestrale Breite lüftet den Sound des siebenten Studioalbums der Künstlerin aus Boston nicht optimistischer: Strangers kreiert wie bereits July von der ersten Sekunde an eine einnehmende, beklemmend dicht gestrickte Atmosphäre, die hoffnungslos gefangen nimmt. Mit faszinierender, zum Fürchten schöner, möndäner Intensität inszeniert Nadler ihre Songs mit der dunklen Aura einer Melancholie, die alle Zeit der Welt zu haben scheint. Beinahe mit vampirhafter Eleganz strahlen die elf Nummern ihren bedrückenden Glanz aus, evozieren eine intuitiv verwurzelte Vertrautheit zwischen betörendem Unwohlsein und zutiefster Behaglichkeit, die aus nebelverhangenen Mooren und längst vergangenen Zeiten zu steigen scheint, deren pittoreske Magie leise in die tröstende Finsternis nachhallt. Es ist diese Aura des Ewigen und Unergründlichen, die Strangers nun eben zu jedem Zeitpunkt zu umgeben scheint.

Dass Nadler und ihr kongenialer Produzent Dunn (dessen Einfluss, Gewicht und Erfahrungschatz von Wolves in The Throne Room bis Sunn O))) auf Strangers allgegenwärtig, aber spürbar im Hintergrund dämmert, nicht nur im so unbeugsam wie flüchtig marschierenden Hungry is the Ghost einen Gutteil des Gesamtgewichts ausmacht) dabei den Arrangements mehr Nuancen abverlangen und die Songs etwa großzügiger mit Streichern ausschmücken, lässt die 35 Jährige wie den mitternächtlichen Gegenpol zu den Elegien der Lana Del Rey wirken: Das balladeske Songwriting entfaltet sich mit ähnlich suizidalem, anachronistisch leidenden Flair, bleibt dabei aber unprätentiöser und subtiler. Herzstück und Höhepunkt dieser Entwicklung ist das butterweich umgarnte All the Colors of the Dark, das unendlich viel Eleganz in seine sehnsüchtige Romantik fließen lässt – selten zuvor hat Nadler das Gefühl vermittelt sich der Größe ihrer Songs bewusster zu sein, sich in deren Erhabenheit wohler zu fühlen.
Weniger sicher in seiner Zielsetzung wird Strangers jedoch auch drumherum nicht, mögen die Gesten auch weniger theatralisch aufmachen. Viel eher webt Nadler ihr vielleicht vielschichtigstes Album in den so homogen in sich geschlossenen Trademarksound. Sie erntet mit fokussierteren, näher bei ihrem Kern kreisenden Songs, was das mit der Zeit über sich selbst hinaus gewachsene July an Selbstbewusstsein gesät hat.

Das ätherisch gehauchte Pianokleinod Divers of the Dust wirkt wie mit zarten Pinselstrichen in die Nacht gemalt, Katie I Know schwebt mit feingliedrigem Beat über den Folk von Midlake, während die Streicher mit graziler Zurückhaltung in den Song kriechen. Skyscraper bezaubert als eine so demütige, zutiefst melancholisch gezupfte Schönheit, in deren Gebälk beinahe unscheinbar die beängstigenden Drone-Synthies wuchern, während der Titelsong zwischen den Zeilen eine gespenstische Country-Affinität mit Slide-Gitarre erdenkt. Das glimmernde Janie in Love beschwört hingegen in unwirklichen Traumlandschaften seinen griffigen Refrain – wieviele verwunschene Ohrwürmer Nadler in diesen schwer zu greifend verwehenden Kompositionen doch versteckt hat!
Spätestens mit Nothing Feels the Same ist Strangers dann endgültig nicht nur vereinnahmende Stimmungsmusik, die Vorhänge zuzieht und an der man sich trotz aller umarmender Distanz mit schwerem herzen wärmen kann, sondern auch körperlicher und zugänglicher als seine Vorgänger, ohne deswegen eine weniger faszinierende, todtraurige Andersweltartigkeit zu verströmen.
Flowers bloom and I saw you standing/I know it’s safe to come out of the woods/God knows what brought us together/But we grew better, we grew better/…/You never bring me down„. Dass im abschließenden Dissolve dann auch tatsächlich so etwas wie Hoffnung am Ende des Tunnels zu funkeln scheint, macht insofern durchaus Sinn: Strangers klingt wie die Platte, die Marissa Nadler nicht zur Frohnatur hat werden, aber zumindest eine gewisse Aussöhnung mit ihren inneren Dämonen hat erstreicheln lassen.

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