The Voidz – Virtue

von am 2. April 2018 in Album

The Voidz – Virtue

Während Albert Hammond Jr. das Vermächtnis der Strokes mit dem verdammt zuverlässigen Francis Trouble solide verwaltet, zelebriert Julian Casablancas die anhaltende Funkstille seiner Stammband nach Past Present Future ein weiteres Mal als Option zum Überschuss, hat für Virtue die psychotische Unberechenbarkeit des Debüts aber gegen eine sich selbstgefällig labende Unausgegorenheit getauscht.

In gewisser Weise scheinen Francis Trouble und Virtue sich auf symbiotische Art und Weise zu spiegeln: Die Vorzüge der einen Platte sind die Schwächen der anderen und vice versa, in umgekehrt proportionaler Relation gedeihen und kranken die zwei Werke an ihrer jeweiligen Balance aus Konvention und Ambition. Paradoxerweise ist damit jedes der beiden Werke in der direkten Gegenüberstellung gleichermaßen ein gutes Argument, warum eine gemeinsame Zukunft der Strokes nicht notwendig, aber irgendwie doch besser – oder wenigstens befriedigender und erfüllender – wäre. Zumindest bleibt stets das Gefühl im Hinterkopf, dass die New Yorker in der synergetischen Fusion aus Francis Trouble als Basis und Virtue als bewusstseinserweiternde Perspektive darüber die Diskographie der Band eine grandiose Fortsetzung hätten bescheren können.

Stichwort Teamplay: Dass Julian Casablancas nun nominell im Bandgefüge der Voidz aufgeht und seinen Namen als Präfix hat streichen lassen, ist sicherlich eine nette Geste für das Kollektiv, letztendlich aber eher doch nur ein Lippenbekenntnis.
Auch Virtue folgt klar den Vorgaben und Visionen des 39 Jährigen, die bereits Tyranny zu einer radikaleren Fortsetzung der Ambitionen der späten Strokes machte: Eine mit Speed und Steroiden aufgepumpte 80er-Ästhetik reißt unberechenbare Rock-Skizzen durch den Fleischwolf hin zu Disco, Wave, Elektronik… – wenngleich all die Ideen, Ansätze und Designs hinter dem praktizierten chaotischen Irrsinn in der Teilansicht diesmal klammheimlich aber doch in bekömmlichere, kompaktere Bahnen kanalisiert sind.
Eine Erkenntnis, die Virtue mit seiner erschlagenden Länge und Fülle an Songs, von denen praktisch jeder eine andere stilistische prägende Intention zu verfolgen scheint als der vorherige, gut kaschiert – vielleicht aber auch nur mit seiner Eingangsphase rund um die beiden Vorboten von Virtue überfordernd auf die falsche Fährte führt.

Leave it in my Dreams täuscht schließlich relativ entspannt mit dängelnden Gitarren eine verdammt Strokes-nahe Nummer an, als würde Casablancas alibihalber klarstellen wollen, dass er derart verdauliche Fandienste liefern könnte, wenn er nur wollte – ihm der Sinn aber eben nun mal nach der wabbernde Elektronik von QYRRUD steht, in der orientalische Harmonien und verschwurbeltes Gitarrendrehen den Gesang irgendwann als pures Statement in den überdrehten Vocoderschlund stürzen: Subtilität ist nicht das Ding dieser Produktion.
Die bratzenden Hardrockriffs von Pyramid of Bones surfen danach mit legeren Drive und metallischem Unterbau, für einen kurzen Moment können sich The Voidz gar ein muskulöses Geboller nicht verkneifen, mixen dann noch Schulterpolster-Spoken Word-Theatralik und ordentlich Dramatik in das Geschehen, während hinten raus eine nervös flimmernde Kakophonie wächst.
Eine Einleitung als Belastungs- und Stresstest für den Hörer, die jedoch tatsächlich eicht. Nach diesem eröffnenden Feuerwerk-Trip agiert die Band in weiterer Folge schließlich weniger psychotisch in die Vollen gehend. Wo die Hyperaktivität auf Tyranny noch wie eine manisch-dringliche Notwendigkeit klang, passiert sie hier eher als selbstgefälliger Zeitvertreib und sorgt damit für zweischneidige Ergebnisse. Virtue wird doch eine breitere Basis als sein Vorgänger ansprechen können, obwohl nur minimale Schrauben nachgezogen wurden; zelebriert seine retrofuturistische Überladenheit jedoch auch als deutlicher als reines Mittel zum Zweck, um das Psycho-Kaleidoskop stetig weiterzudrehen, und lässt die Form der spektakulär anstrengenden Inszenierung damit phasenweise den Inhalt domestizierend diktieren. Das grundsätzlich sogar relativ rücksichtsvolle Songwriting bleibt somit genau genommen weniger funkensprühend risikobereit, als die Ziele des schillernd nach Aufmerksamkeit haschende Brechstangen-Outfit.
Virtue wird deswegen in seinen schwächsten Szenen zur stylischen Geste, zum kompositionellen Sturm im Wasserglas, bei dem einzelne Nummern toll, faszinierend oder zumindest absolut interessant zu hören sind. Im Ganzen funktioniert das Album durch zahlreichen Leerlauf im Material aber unentschlossen und beliebig – oft mangelt es an destillierender Konzentration, um das Potential souverän abzuschöpfen. Wenigstens ein strengere Selektion hätte einer Platte mit zuviel Füllmaterial (gerade hinsichtlich des Wiederhörwertes) enorm gut getan.

Für jedes All Wordz Are Made Up, in dessen Space-Funk-Hülle versteckt ein toller Popsong schlummert, den auch die Maniacs von MGMT zu schätzen wissen werden, gibt es also ein Permanent High School, das mit entspannten Rhythmus und offenen Akkorden wie eine Beck‘sche Erinnerung an moderne Black Keys-Anschronismen mit Comedown Machine im Hinterkopf klingt, die zu nett und gefällig an ihrem bemüht- hölzern im eigenen Korsett siechenden Refrain zu ersticken droht.
Es leben gelungene Experimente wie AlieNNatioN, in dem Casablancas durch ein neonsinister pumpendes Downbeat-Hip Hop-Gerüst treibt, als wäre er in einem Dreampop-Song, neben sedierten Fiebertäume der Marke One of the Ones, in dem der Frontmann seine unterforderte Band affektiert begleitet, anstatt die Zügel in die Hand zu nehmen und zu des Pudels Kern vorzudringen.
Das kleine Demo-Akustikballadenintermezzo Think Before You Drink lüftet als unverbindliche Bagatelle den angespannten Fluss kaum relevant aber angenehm durch, wohingegen der maschinell dahinlaufende Beat von Wink trotz Hammond Jr.-artiger Gitarren mit seinem beruhigtem Flair und unaufgeregten Club-Anstrich wie eine Hommage an Primal Scream oder A Place to Bury Strangers anmutet, die zu gemütlich nicht über eine etablierte Grundidee hinausgehen will. Eine Hit or Miss-Parade also, vereint durch die Psycho-Handschrift der Voidz, Casablancas toller, variabel gelangweilter Gesangsleistung und den mitunter doch auch starken, abstrakten Texten. Gerade in seinem letzten Drittel reiht Virtue dann aber sogar doch noch eine durchwegs ausfallfrei gelungene Stafette aus zwingenden Einzelpassagen aneinander.

My Friend the Walls zieht als in Schieflage denkender Rocker gut aus der pendelnden Melancholie an – ohne Casablancas hätte den Voidz hier eventuell gar eine zwischen straight und schwelgend flanierende Anlehnung an Radiohead gelingen können. Auch Pink Ocean hat diese maritim oszillierenden Greenwood-Gitarren, dazu ein larmoyantes Mäandern samt einigen angetäuschten Solos, während Black Hole klingt, als würde eine metalaffine Band im Nebenzimmer von Ariel Pink proben. Das absolut wunderbare Highlight Lazy Boy döst hingegen zwischen den späten Velvet Underground und Tame Impala, bevor das feine Pointlessness als avantgardistische Ambientcollage den Bogen des zerfahrenen Sammelsuriums Virtue mit stellar funkelnden Horizont zu Phrazes for the Young spannt.
Wahrscheinlich kommt Casablancas mit dem zweiten „Futuristic Prison Jazz“-Experiment ohnedies jenen Zielen am nächsten, die er zumindest seit Angles verfolgt. Deswegen ist es auch verschmerzbar, dass die Platte mit We’re Where We Were doch noch einmal strauchelt – der schrammelnde Rocker gibt sich betont kratzbürstig und über die starke Schlagzeugarbeit polternd, zeigt aber auch, dass Virtue einige Motive zu forciert und angestrengt verfolgt, gewisse inszenatorische Settings für das Songwriting auf Biegen und Brechen durchsetzt, ob sie funktionieren oder nicht, und sich damit immer wieder in Sackgassen manövriert.
Das passt dann aber auch stimmig zum Charakter einer Platte mit einigen Highlights und mindestens ebensovielen Ausfällen: „Don‘t Play it safe“ singt Casablancas irgendwann – wahrscheinlich nur allzu genau wissend, dass Virtue ein weitaus besseres Album hätte werden können, wenn er sich mit seinen Voidz auf einzelne Elemente daraus konzentriert hätte, anstatt demonstrativ zu viel zu wollen…oder aber einfach eine intern kritischere Qualitätskontrolleals seine neuen Bandkollegen als Gegenpol zugelassen hätte.

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