U2 – Songs of Experience

von am 1. Dezember 2017 in Album

U2 – Songs of Experience

U2 und speziell ihre jüngere Discografie scheiße zu finden, ist spätestens seit dem qualitativ soliden PR-Querschläger Songs of Innocence ein klein wenig, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Songs of Experience macht einem die Sache diesbezüglich leider vielleicht sogar noch einfacher denn je.

Den besten Moment seit beinahe eineinhalb Dekaden hatten U2 bezeichnenderweise erst vor wenigen Monaten, als es die mittlerweile künstlerisch weitestgehend irrelevante Stadionband aus Irland als mitunter unwahrscheinlichstes Feature des Jahres ausgerechnet auf Kendrick Lamars Hip Hop-Triumph DAMN. verschlug. Dem unberechenbar wendigen XXX. verpassten Bono, Larry Mullen Jr., Adam Clayton sowie The Edge einen soulig weichen Ankerpunkt mit grandioser Trademark-Hook: „It’s not a place/ This country is to me a sound of drum and bass/ You close your eyes to look around„.
Als thematischen Nachhall zu Songs of Innocence, der U2 von der traumatischen Kindheit in Belfast nun über eine „collection of letters written by lead vocalist Bono to people and places closest to his heart“ inhaltlich direkt hin zur eigenen Sterblichkeit und die Gegebenheiten der Weltpolitik springen lässt, greift Songs of Experience die Zusammenarbeit mit King Kendrick für American Soul noch einmal auf und kehrt die Vorzeichen dafür um –  in einer durchaus exemplarische Art und Weise für das vierzehnte Studioalbum der Steuerlastoptimierer.

Nach dem sakral-geprägten Intro von Kung Fu Kenny („Blessed are the bullies/ For one day they will have to stand up to themselves/ Blessed are the liars/ For the truth can be awkward„) spinnen U2 den Faden lyrisch gefühlvoll weiter („It’s not a place/ This country is to me a thought/ That offers grace/ For every welcome that is sought„), doch wird die feine Melodie von XXX. hier zur Strophe eines billigen Arena-Stimmungsmachers mit Volcano-Reminiszenz umfunktioniert.
You are rock and roll/ You and I are rock and roll/ You are rock and roll/ Came here looking for American soul“ feuert Bono an, (ein im gesamten Plattenverlauf praktisch ohnedies kaum stattfindender) The Edge kitzelt ein austauschbar kratzendes Riff aus den Saiten. Das stampft pseudo-angrifflustig, die Band klingt jedoch nicht ausschließlich wegen der auf Nummer Sicher gehenden Abwasch-und-Haushalt-Produktion von Jacknife Lee und Ryan Tedder so ermüdend und vorhersehbar – im Grunde sogar zu uninspiriert, um tatsächlich bemüht zu wirken. Das rockt einfach nicht, bockt nicht, packt nicht, erzwingt keinerlei Momentum und läuft emotional nebenher durch, ohne weh zu tun. Durchaus symptomatisch für Songs of Experience im Gesamten, wie alleine hier mit einem an sich vielversprechenden Ansatz umgegangen wird.

Denn selbst wenn sich U2 anbiedernde (aber deswegen selbst für Puristen noch lange nicht kontrovers auftretenden) Trendnarreteien wie die Vocoder-aufgeweichte R&B-Schwelgerei im warmen, aber nirgendwo hinfindenden Intro Love Is All We Have Left gönnen, sich in netten Bagatellen verlieren (der dominante Bass im beseelt aufgestellten Get Out of Your Own Way führt zu einem plumpen, eingängigen Zeitgeist-Formatradio-Refrain ohne Herz oder Druck; das stacksende Red Flag Day sehnt sich nach Intensität; und das leger-flockige Revival The Showman (Little More Better) scheitert halbakustisch-hüftsteif am beschwingten Stimmungsbarometer) oder mit souveränem Stangenrock langweilen (das mutlose You’re the Best Thing About Me dümpelt schnörkellos hüpfend; The Blackout ist gar ein Offenbarungseid, dem nicht einmal das Mindestmaß Routine am Fließband gelingen will; Love Is Bigger Than Anything In Its Way schwächelt wenigstens nur als der Schatten ehemaliger Pathos-Feuerwerk-Großtaten, dem der Weg zur Hymne durch das eigene Ego verstellt ist), ist Songs of Experience natürlich nicht gänzlich von jedwedem Potential befreit.
Das schrammelig-rumpelnde Lights of Home klingt etwa wie ein souliger Pop-Schulterschluss von Beck und Danger Mouse, bringt seine vorhandenen PS aber zu unverbindlich auf den Boden und schiebt stattdessen hinter ein halbgares Solo einen groß gemeinten, aber seltsam leidenschaftslos bleibenden Gospel-Appendix. Landlady ist mit Ausnahme seiner Lyrics wie auch das zärtliche Synthieanstrich 13 (There is a Light) ein durch und durch angenehm berieselndes Stück Atmosphäre, das lockere Summer of Love gleitet mit entspannter Geste zum Strand, hätte aber eventuell die nostalgische Sepia-Wucht einer Lana del Rey als zusätzlichen Impuls brauchen können – so müssen eben launige Bond-Streicher die Unentschlossenheit kaschieren. Einzig das rundum schöne The Little Things That Give You Away könnte Songs of Experience insofern tatsächlich nachhaltig überdauern – wie eine ätherisch perlende Erinnerung an eine City of Blinding Lights-B Seite glitztert The Edge über eine unaufgeregte Ballade, die weit weg vom Evergreen strahlt, von der Coldplay aber trotzdem nur träumen können.

Selbst in diesen besseren – natürlich wieder den ruhiger geprägten – Phasen ist es jedoch vor allem eine erschreckend harmlos bleibende Beliebigkeit, die die Kompositionen letztendlich trägt, und die 51 Minuten von Songs of Experience in ihrer Gefälligkeit auf einen rein teilnahmslosen, nebensächlichen Konsum ausgelegt zu haben scheint. Das Ergebnis ist hinter den altbekannten Bürden der Band – Bonos Messiaskomplex, ein bissloses Politikum und heuchlerische Ansätze zur Weltverbesserung prägen weiterhin die Wahrnehmung der Band – eine eingängige, aber zutiefst blass bleibende Verwalterplatte voller kompositorischer Selbstzitate, aber mit fragwürdigem Extra: Beinahe jede der 13 Nummern geht schnell ins Ohr, mäandert noch während der Rotation alsbald mit einer penetrant-enervierenden Repetition in den Strukturen und schafft dennoch das Kunststück, unmittelbar nach ihrem Ende bereits wieder einer latenten Egalität anheim gefallen zu sein.
Wo der stigmatisierte Vorgänger Songs of Innocence also mit dem Backlash der unrühmlich zwangsbeglückenden Veröffentlichungsweise qualitativ doch ein wenig unter Wert verkauft wurde, muss das höchstens mit amikalen Verbindungen und halbseriösen Jahreschartsplatzierungen für Spannungen sorgen könnende Songs of Experience insofern eventuell mit einem weitaus härteren Schicksal rechnen: Das bisher mitunter schwächste Studioalben von Bono und Co. könnte ungeachtet seiner wenigen Lichtblicke bald schlichtweg in Vergessenheit geraten sein – immerhin ist das Gros des hier versammelten Materials schlichtweg zu egal, um es tatsächlich scheisse finden zu müssen.

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