Various Artists – The Virtues (Television Series Soundtrack)

von am 12. August 2019 in Reviews

Various Artists – The Virtues (Television Series Soundtrack)

Nur wenige Monate nach ihrer musikalischen Aufbereitung von All About Eve bleibt PJ Harvey dem Score-Metier treu: Für die Shane Meadows-Serie The Virtues steuert sie sechs (weitestgehend rein instrumental gehaltene) Stücke bei.

Was im Umkehrschluss übrigens bedeutet, dass ein Großteil der Trackliste nicht von der Engländerin gestemmt wird. Mehr noch: Die Beiträge von Set Fire To Flames (When Sorrow Shoots Her Darts), Toydrum (Jesus Song im Rival Consoles Rework), Micah P. Hinson (Beneath The Rose), Lisa Hannigan (mit dem bisher stiefmütterlich verschwendeten Flowers), Mone (The Flames Beyond The Cold Mountain), Aphex Twin (Gwely Mernans), Ted Barnes und Gavin Clark (If The Truth Hurts) sowie Cutting Into Flesh von Gazelle Twin kennt man zudem allesamt, jeder einzelne davon wurde auch bereits anderweitig veröffentlicht.
Im Kontext von The Virtues ergibt die stilistisch an sich so inkohärente Zusammenführung der vom Postrock über die Elektronik bis zum Folk schweifenden Interpreten allerdings ein überraschend stimmungsvolles Ganzes. Die Zusammenstellung pflegt einen erstaunlich homogenen Fluß, funktioniert gerade mit den einenden Kompositionen von PJ Harvey als ästhetisch schlüssige Songsammlung.

Primärer Anschaffungsgrund dieser Melange aus Score und Compilation sind dann aber eben doch eindeutig die sechs neuen Stücke der Engländerin – auch wenn diese ohne Fanbrille betrachtet weniger essentielle Arbeiten, als vielmehr handwerklich gute, zweckdienlich ausgelegte und doch auch tiefenwirksam imaginative Fußnoten in der Discorgrafie von Harvey darstellen – zudem eine gewisse Wiederentdeckung der Ungeschliffenheit: „I am so happy to have provided the original music for this extraordinary and powerful new drama by a director I have admired and followed all my life. Shane has a unique directness and sensibility to his work which I am drawn to and aspire to in my own work, so our collaboration was open and trusting. I sent Shane ideas as demos for him to try out as he edited and let him choose what he used and where to greatest effect. In the end we both loved how the demos worked so left them as they were, again adding to the raw beauty of the piece.

Prayer baut melancholisch auf eine in die Einsamkeit schrammende Gitarre, über die leise Streicher wie ausgemergelt-wellenförmige Luftschutzbunker-Sirenen glimmern, archaisch und beunruhigend-beunruhigend, monoton und zutiefst atmosphärisch – ein bisschen wie ein dunkles, verlassenes Let England Shake aus der staubigen Score-Perspektive von Nick Cave und Warren Ellis. Submerge beginnt dagegen als mürrischer Drone, beklemmend im Unterbewusstsein rauschend, moduliert sich im Reverb, gespenstisch und traurig, ist eine minimalistisch Ambient-Klanglandschaft. Death übernimmt dort als kurzer Appendix, bringt nebelverhangene Bläser in das Geschehen, wie Colin Stetson sie lieben würde.
Im Hintergrund der beinahe optimistisch schimmernden Pianonostalgie The Lonely Wolf dräut es beklemmend, wenn Harvey ihr Organ als lautmalerisch beschwörendes Element in die Texturen legt – erstaunlich, wie assoziativ der Sound und die Ästhetik sich trotz gänzlich anderer Wirkungsweisen sich mit ihren jüngsten beiden Studioalben instinktiv decken. Die knapp 12 Minuten von Subterranean skizzieren dort mit jazzig-kleckernden Besen-Schlagzeugspiel ohne Rhythmik improvisierende Eindrücke, klaustrophobische Streicher zupfen und wiegen in lichtloser Suspense, die zumindest lose Ahnungen von Melodie zulässt, während die subversive Spannung dichter wächst.

Am nähesten dran am regulären Kanon ist dann jedoch das ausnahmsweise auf Gesang zurückgreifende The Crowded Cell, das sich durch die unverkennbare Stimme originärer verankert, als die rein instrumentalen Stücke, aber konventioneller strukturiert als die vorangegangenen Nummern auch nicht deren Freiheiten jenseits der Erwartungshaltung geniest. Das schrammend-elektrifiziertes Stück Gitarren-Sparsamkeit über dem abgedämpft monotonen-durchlaufenden Tom-Rhythmus zeigt einen bis auf die Knochen abgesmagerten, spartanischen kleinen Rocker und solide Lo-Fi-Skizze, aber eben auch keine wirklich substantielle Überbrückung zum Nachfolger von The Hope Sex Demolition Project. Selbst als Fan muss man diese kompetenten Stimmungsbilder nicht unbedingt im Plattenregal stehen haben, kann sich aber wahlweise eine imaginative kleine Reise in die Hohheitsgebiete der PH Harvey daraus basteln. Der Rest ist der Bonus, der (zwischen den Wertungen liegend) für das nötige Gewicht (zum vorsichtigen Upgrade) sorgt.

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