Weezer – Weezer (The Black Album)

von am 21. März 2019 in Album

Weezer – Weezer (The Black Album)

Mit über einem Jahr Verspätung ist das Black Album nur wenige Wochen nach dem petrolfärbigen Treppenwitz tatsächlich der prolongierte Gegenpol zum weißen 2016er-Triumph von Weezer geworden. Leider vor allem in qualitativer Hinsicht.

Lässt sich nun endlich mit unwiderlegbarer Sicherheit sagen, dass Weezer-Alben (zumindest nach wertkonservativen Massstäben beurteilt) mittlerweile nur noch proportional zur Bereitschaft des jeweiligen Produzenten überzeugen können, sich domestizierend gegen Rivers Cuomo und dessen Geschmackswahnsinn aufzulehnen?
Zumindest legt spätestens der Closer California Snow diese These einmal mehr nahe, wenn TV on the Radio-Mann Dave Sitek offensichtlich keine Einwände hatte, dass eine im Kern liebenswürdige Niedlichkeit, die mit weniger Brimborium auch auf dem weißen Album hätte landen können, hier zum schwerfälligen Synth-Stomper aufgebretzelt wird, die mit Trap-affinen Ansätzen eine Bühne für lahme Rap-Versuchseinlagen macht, „wooooh!
Es ist in der Achterbahnfahrt dieser so unkonstanten Banddiskografie jedenfalls wieder einmal Zeit für Zuckerbrot und Peitsche, wenn der Mann mit der Hornbrille ohne strenges Regulativ von außen Narrenfreiheit  walten lassen darf und niemand „zu wissen glaubt, wie diese Band um ihrer selbst willen besser zu klingen hat.“ Schade.

Wenn Cuomo also „I think it’s going to maybe be like Beach Boys gone bad“ zu Protokoll gibt, sollte man zwar infrage stellen, welche Perspektive der 48 Jährige auf Brian Wilson hat, kann sich aber wohl zumindest darauf einigen: Cuomo bleibt hinsichtlich der Ambitionen und Zielgruppe von Weezer eher unersättlich als unentschlossen. Die Weezer-Basis hätte er über Everything Will Be Alright in the End (2014) und The White Album (2016) an sich ja über allen Erwartungen versöhnt, doch er will weiterhin lieber für all jene Teens und Hipster relevant sein, die das kurzerhand eingeschobene Teal Album für angestaubte Nostalgie halten, oder das rasche Interimswerk Pacific Daydream als zu hüftsteife Verkrampfung erachteten könnten: Cuomo will wie ein manisch getriebener unbedingt den Zeitgeist der generischen Mainstream-Charts erfassen, koste es, was es wolle. Vor allem die eigene Credibility, wie man weiß.
Symptomatisch dazu wird das schwarze Album von der niemals um penetrante Vorschlaghammer-PR verlegenen Band mit einer eigenen Fortnite-Insel beworben, was gar nicht zwangsläufig davon ablenken soll, welch Verirrungen man Weezer mittlerweile ohne tatsächlichen Groll als egale Spinnerei einer Bande Nerds durchgehen lässt.

Entgegen der eigentlichen Ausgangslage fühlt sich Weezer (The Black Album) jedenfalls eher wie Ausschussware des eher fertiggestellten Pacific Daydreaman an. In Form und Inhalt, vor allem jedoch der ästhetischen Agenda: Alternative Rock ist das nur noch selten, nahezu immer aber banaler Pop mit brachial trendiger Facelift-Produktion. Sitek lässt ein paar schlaue State of the Art-Kniffe zu, doch der Sound bleibt im Grunde beliebig, glatt und mit Synthieeffekten zugekleistert – gar nicht unbedingt übertrieben arbeitend, aber mit allgegenwärtigem Zuckerguss permanent zwischen den Zeilen übersättigend.
Das Black Album konkretisiert den Charakter von Pacific Daydream sogar noch konsequenter, kann aber der Qualität des Songwritings dahinter nicht halten. Wo die Highlights schon 2017 rar gesät waren, wird vom nun wahrscheinlich nur das wundervolle High As a Kite bleiben: Eine liebenswert-traurige Homage an das Melodieverständnis von John Lennon und den Beatles, die auch deswegen bezaubert, weil sich die Single jene melancholische Nostalgie zumindest im Ansatz bewahrt hat, die Weezer an sich auszeichnet – und darüber hinaus mehr noch den einzigen Song der Platte darstellt, der einen emotionalen Impact hinterlässt.

Dabei könnten viele Kompositionen mit einer konservativeren Produktion zufriedenstellender agieren, doch Weezer in schwarz existieren in einer Blase der beiläufigen Gefälligkeit, die selbst an sich frustrierende Totalausfälle ohne nachhaltige Narben verschmerzbar macht. Living in L.A. etwa ist eine penetrant zum Hit folternde Refrain-Penetranz, die in ihrer brachialen Impertinenz fast schon wie eine Karikatur von Cuomos unerschöpflichen Talent steht, unmittelbar eingängig zündende Ohrwürmer fabrizieren zu können – aber trotz hohem „Stimmung!„-Nervpotential zu harmlos bleibt, um wirklich wehzutun.
The Prince Who Wanted Everything wiederum ist ein geradezu absurd eindimensional stampfendes Kinderlied, dem weder die galligen Las Vegas-Streicher und Bläser, noch die hin und wieder pflichtbewusst aufheulende Gitarre Charakter verpassen können – die größte Sünde der Nummer bleibt aber, eine einfach bocklangweilige Spannungslosigkeit der Extraklasse zu sein. Das Weezer unter Mithilfe der Against Me!-Chefin Laura Jane Grace mit Byzantine eine dünne Fahrstuhlversion von Have a Nice Day geschrieben haben, die offenkundig nur auf einem billigen Keyboard eingespielt wurde, darf man dann gar als Exzentrik durchgehen lassen. Trotzdem schade, dass der Platte im letzten Drittel so demonstrativ die Puste ausgeht.

Zuvor ist da allerdings viel Material, mit dem man sich trotz der Diskrepanz aus Substanz und Inszenierung nach und nach arrangiert, was so grotesk wie schlüssig ist – als wäre „I’m an ugly motherfucker, but I work hella harder“ das allgemeine Credo der Platte.
Das dazugehörige Can’t Knock the Hustle baut da auf einen torkelnden Hip Hop-Beat (ideal für Patrick Wilsons mittlerweile extrem stumpfes, ideenloses Spiel) und imitiert Latino Pop mit funky gurgelndem Bass, Texmex-Bläsern, Soul-Backingstimmen und kaum auszuhaltender „Hasta Lugeo„-Hook; ist ein entwaffnender, auf die Barrikaden treibender Ohrwurm sondergleichen. Freilich ist es schön, dass Weezer sich hier (unter vermeintlicher Motivation von Sitek) aus ihrer Komfortzone pushen wollen – nur steht ihnen diese Form der Selbstdarstellung einfach nicht. Sie klingen wieder – und vielleicht mehr denn je – nach einem seelenlosen Studioprodukt mit Identitätsproblemen.
Das zackige-entspannte Zombie Bastards entwickelt sich hingegen zum brutzelnden Recykling-Schunkler, dem man sich wegen einer meisterhaften Catchyness nicht entziehen kann. Kaum weniger nett dann Piece of Cake, das mit träumenden Folk-Textur beginnt und Geklimper in der tranigen Strophe findet, bis auf die billigen „Dooodooodoos“ eine solide Routinearbeit bleibt, die mit ihrem schmissigen Refrain und einer stärkerer Bridge auch auf Hurley gepasst hätte – im Kontext ein Kompliment?
I’m Just Being Honest täuscht mit 0815-Coldplay-Stadion-Standard-Gitarren erhebende Hymnenhaftigkeit vor, wo nur monotone Lethargie herrscht – mit ein bisschen mehr Saft im Chorus hätten Weezer zumindest ein paar Sympathiepunkte dazugewonnen, bevor Too Many Thoughts in My Head als kompetent treibender Tanzflächenfüller frech kopierend die Sollbruchstelle aus den Smiths und Lady Gaga hofiert, durch die Dynamik aus nebensächlich intonierter Strophe und aufmachenden Refrain beinahe Euphorie im eklektischen Treiben entstehen lässt.

Beinahe. Denn die theoretisch polarisierende Inszenierung der schwarzen Platte lässt praktisch eben nichtsdestotrotz kaum Reibungspunkte zu. 38 (in der ersten zwei Dritteln durchaus kurzweilige) Minuten lang ist das sechste selbstbetitelte Album der Kalifornier eine Hit-(selten!)-or-Miss (öfter!)-Karambolage, meistens eben beides im selben Song: Einzelne Elemente kriegen sofort an die Angel, drumherum klingt aber zuviel nach anbiederndem Einerlei, funktioniert nach und nach irgendwie auf einer seichten Ebene der beliebigen Austauschbarkeit, obwohl Cuomo spätestens beim Detailblick auf die bisweilen explizit schwachsinnigen Texte offenbart, dass er grundlegende Mechanismen maßgeschneiderter Chartfließbandware einfach nicht versteht.
Er hat Dave Sitek seine Auffassung von erfolgsorientierter Popmusik klonen lassen, die als anvisierter Dienstleister des Momentums gar nicht erst vorzugaukeln versucht, vielschichtig zu sein – und sich vielleicht gerade durch diese Ehrlichkeit von tatsächlich erfolgreicher Hitparaden-Einerlei der Marken Imagine Dragons oder Maroon 5 (die hier phasenweise tatsächlich eher als Messlatte herhalten müssen, als hausinterne Platten) in ihrem aufgesetzten Pathos überhöhter Pseudo-Tiefgründigkeit unterscheidet. Am Ende stehen deswegen okaye bis gute Weezer-Songs, mal besser, mal schlechter kaschiert durch ein kaum schmeichelhaften Outfit der authentischen Geschmacksverirrung, wenn man so will. Ein weniger aufgeschlossener Produzent hätte mit diesem Ausgangsmaterial vielleicht keine Wunder wirken, aber dem Quartett doch für ein zwingenderes Album in den Arsch treten können. Auch wenn schrullige Paradoxe wie dieses dafür sorgen, dass das Leben mit Weezer selbst durch eine weitestgehend egale Platte nicht langweilig wird: Das nächste Mal darf bitte wieder jemand als außenstehende Instanz Platz nehmen, der den Freiraum von Cuomo deutlicher einschränkt.

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