Converge – Jane Live

von am 16. März 2017 in Livealbum

Converge – Jane Live

Seit ihr achtes Studioalbum All We Love We Leave Behind vor inzwischen auch bereits knapp fünf Jahren erschienen ist, haben sich Converge vor allem retrospektiven Tätigkeiten hingegeben. Auf dem Roadburn 2016 haben sie dazu allerdings einen (nicht unverbrauchten, aber im bandinternen Kontext) relativ erfrischenden Zugang gefunden.

Zum Einen war da die finale Session von Blood Moon: Eine Quasi-Supergroup, bestehend aus Jake Bannon, Ben Koller, Kurt Ballou und Nate Newton, sowie Steve von Till (Neurosis), Steve Brodsky (Cave In), Ben Chisholm und Chelsea Wolfe, die sich als Kollektiv an vier Abenden über „ambient/post-rock interpretations„-Ansätze der Discografie von Converge annäherte, und damit das legendäre Festival in den Niederlanden in der 2016er Ausgabe auf den Höhepunkt trieb.
Zum Anderen war da (unmittelbar vor dem Blood Moon-Set) noch eine Premiere: Zum ersten und bisher einzigen Mal in ihrer Geschichte knüppelten sich Converge chronologisch und in voller Länger durch eines ihrer Alben – Jane Doe.

Das Ergebnis dieses Abends wurde erfreulicherweise auch für all jene konserviert, die nicht das Glück hatten an besagtem 14. April zugegen zu sein und macht dabei keine halben Sachen. Jane Live dokumentiert einen vor Energie und Atmosphäre berstenden Memory Lane-Trip entlang einer fabelhaften Kurt Ballou-Produktion (in druckvoll-mitreißendem Godcity-Sound – da lassen sich die auf ein Mindestmaß hinuntergeschraubten Publikumsinteraktionen auch verschmerzen) sowie (theoretisch) limitierter physischer Auflage: Die Erstauflage der Platte zählte insgesamt 4000 Stück Vinyl in 5 verschiedenen Bearbeitungen des ikonischen Artworks – eine in Eigenregie (!) veröffentlichte – Cashcow sicherlich, und doch vor allem Dienst am Hardcore-Converge-Fan.

Gerade jenen die grundsätzliche Klasse der versammelten 12 Songs anzupreisen, hieße freilich Tauben nach Athen zu tragen: Jane Doe ist als lebendige (Metal)-Historie schließlich nichts anderes als eines der besten und wichtigsten Alben überhaupt – wer sich nur ansatzweise für knüppeldicke Musik im Spannungsfeld von Hard- und Metalcore interessiert, muss Jane Doe im Regal stehen haben. Punkt.
Nicht umsonst finden sich ein Gros der Songs mit zuverlässiger Regelmäßigkeit in den üblichen Setlisten der Band wieder – es geht hier aber eben auch nur bedingt um Exklusivität. Relativen seltenheitswert hat höchstens die Möglichkeit, das Doppel aus Phoenix in Flight (ein langsam walzendes, sich beständig auftürmendes Stück Noise mit psychedelischer Brodsky-Leadgitarre und einem fast schon hypnotischen Bannon) sowie Phoenix In Flames (Ben Koller trommelt wie von Sinnen über ein Ambient-Inferno, das katzenbiestige Gekeife der Studioversion bleibt jedoch unerreicht) genießen zu dürfen. Dennoch halten Converge die Zügel stets eng, auch wenn Jane Live vielleicht am besten in der Gegenüberstellung unterhält: Welchen Zugang wählt die Band annähernd 15 Jahre nach dem Erscheinen der regulären Studioversionen? Welche Elemente funktionieren im direkten Vergleich vielleicht sogar besser, welche weniger gut?

Die Modifizierung der Urpsungsversionen ist dabei allgegenwärtig, der Sound des Quartetts hat sich seit 2001 eben verschoben. Alleine die brutalen Backingvocals von Nate Newton kommen auf Jane Live noch einmal weitaus deutlicher und aggressiver zur Geltung (die letzten Meter von Hell to Pay oder The Broken Vow mähen etwa alles nieder), als auf Jane Doe, sein Bass grundiert mit massiverer Härte im Soundbild. Ben Kollers Schlagzeugspiel ist spektakulär, rasend und intensiv wie immer, wird hier allerdings auch mit dem nötigen inszenatorischen Punch inszeniert und darf etwa beim Einstieg in den Brecher Homewrecker für zusätzliche Spannungen sorgen.
Die Performance von Bannon erweist sich dagegen als ambivalent: Immer wieder kippt er etwa in Fault and Fracture von hysterischen Shouts in sein patentiert keifendes Gebrüll, „singt“ den ersten Part einer Zeile und bellt den zweiten hintennach, neigt generell öfter zu seinen rezitierenden Sprechgesangs-Stil – was gelegentlich etwas zu angestrengt zur Brechstangenvariation tendiert. Oder aber ohnedies eher als Tribut an das voranschreitende Alter zu verstehen ist.

Gerade die Passagen, die Bannon näher an den – nun ja – Klargesang führen, funktionieren dafür erstaunlich gut, lassen den 40 Jährigen akzentuierter als in jungen Jahren wirken. In Distance and Meaning klingt Bannon reifer denn je und verleiht dem Song damit eine neue Breite. Auch die Vielschichtigkeit seiner Darbietung im finalen Epos Jane Doe ist zudem bestechend.
Stichwort Jane Doe: Hier bekommt der die Gitarrenparts bis zu den letzten vier Songs alleine stemmende (und damit mal eben Aaron Dalbec’s ursprüngliche Arbeit vollends kompensierende) Kurt Ballou Unterstützung von Bandkumpel Brodksy, der den Monolithen mit schimmernden Facetten bereichert, ihn sich immer intensiver und intensiver als vielschichtiger Leviathan der Bandgeschichte ausbreiten lässt. Spätestens hier zertrümmern Converge über 13 Minuten hinweg auch entdgültig jeden Vorwurf, der in der Darbietung der Platte lediglich einen weiteren Auswuchs eines hippen Gimmick-Trends erkennen will: Obwohl sich sich die Band ohne nennenswerten Improvisationsradius meist eng an die Studioversionen zu halten versucht, existiert hier durchaus ein gewisser, wenn auch überschaubarer Mehrwert.

Natürlich kann und will Jane Live dennoch kein Ersatz für den originalen Album-Klassiker sein, sondern eher eine unnostalgische Neuverortung und leidlich nötige Frischzellenkur. Unbedingt essentiell ist das natürlich nicht, zumal gerade nach dem eigentlich erschöpfenden A Thousand Miles Between Us eher als optionale Discografie-Zugabe zu verstehen. Aber in jedem Fall gehaltvoller, als etwa Live at BBC oder das letztjährige You Fail Me: Redux. Ein Schmankerl für den Fan eben. Nicht mehr, nicht weniger.
Am Ende zählen objektive Verankerungen allerdings ohnedies kaum etwas, wenn 51 Minuten nicht nur grandios unterhalten und die Live-Macht Converge absolut adäquat einfangen. Denn ehe man sich versieht, hat man sich über diese Aufarbeitung vor allem wieder aufs Neue in die zeitlosen Qualitäten von Jane Doe verliebt, lässt sich süchtig von der unmittelbar transportierten Energie von Jane Live mitreißen, fiebert neuem Material einer Ausnahme-Band entgegen. Noch schöner (und spannender) als diese getriebene Verneigung wären insofern wohl nur Mitschnitte der Blood Moon-Sessions gewesen.

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