Converge – The Dusk in Us

von am 5. November 2017 in Album, Heavy Rotation

Converge – The Dusk in Us

Fünf lange Jahre nach der nabelschauenden 2012er-Gewalttat All We Love We Leave Behind (sowie einer einstweilen einhergehenden Discografie-Renovierung) lässt The Dusk in Us offen, ob das neunte Studioalbum von Converge eventuell gar der Eintritt in das Spätwerk der Metal-/Hardcore-Institution geworden ist.

Eine andere Frage klärt Kurt Ballou hingegengleich eingangs: „Die 13 Songs auf dem Album sind nicht meine Lieblingssongs. Einige der Songs sind die, die ich aus den aktuellen Sessions am wenigsten mag, aber es fühlte sich so an, als würden diese Stücke das beste Album erzeugen„. Die Irritation, weswegen Converge das überragende Eve von der Vorab-Single I Can Tell You About Pain für The Dusk in Us ausgesparten, während der solide Sure Shot des vertrackten Titelsongs sehr wohl seinen Platz in der (übrigens absolut ausfallfreien) Trackliste gefunden hat, ergibt hinsichtlich der nahtlosen Kohärenz der Platte durchaus Sinn.
Abseits davon findet The Dusk in Us mit seinem hell strahlenden Titeltrack (eine nachdenklich über dem Shoegaze flimmernde Akustiknummer, beinahe postrockig zärtlich und ätherisch verträumt, eine Lagerfeuerballade für finstere Kellerlöcher, die erhaben und getragen Richtung garstigem Doomfolk aufbricht) sowie A Thousand Miles Between Us (düster aus dem Dreck fressende Gitarrenfiguren beginnen schwergängig und behäbig zu walzen, formen eine melancholische Verzweiflungstat, die sich mit beängstigender Intensität in Gang setzt, um eine wunderbare Sludge-Agonie zu finden) zu einen ohnedies bereits Platz für zwei ausführliche Monolithen.
Zum anderen arbeiten Converge in Songs wie Under Duress (ein doomiger Nackenbrecher, der mit massiven Rückkoppelungen und einem heavy bratendem Riff ausbremst, damit stoische Catchyness aus dem unbarmherzig angerührten Morast brechen kann) oder A Single Tear (zu den nach vorne kletternde Drums gesellt sich das markant tappende Spiel von Ballou, Bannon attackiert weniger brutal keifend und den Chorus bollern Converge über knackige Härte zur Fürsorglichkeit tackernd) auch im kompakteren Formaten durchaus mit ähnlichen Mustern wie bereits bei Eve, wenn Nate Newtons Hardcore-Brüllen die eskalierenden Aggressionsbomben für griffigere Refrains ala Doomriders mit harter Hand an der Leine nimmt und auf ein Podest prügelt.

Die selektiven Entscheidungen dienen also durchaus effektiv der übergeordneten Struktur einer grandios ausbalancierten Platte, die am Ende deswegen auch mehr ist, als die Summe ihrer Teile, hinter ihrer absoluten Homogenität im Detail dann gerade deswegen auch doch eine erstaunliche Vielseitigkeit und Entwicklungsverlagerung offenbart.
Vor allem die längeren Tracks mit ihren ruhigeren Passagen sind klar von den ambienten Ausflügen mit Wear Your Wounds sowie den Chelsea Wolfe-nahen Bloodmoon-Erfahrungen infiziert – Bannon singt nicht nur in Trigger, dieser mit grummelndem Bass und psychedelisch heulender Wüstengitarre groovenden Jesus Lizard– Verneigung, mit vergleichsweise nackter, cleaner Stimme: nahbar, stark und gebrechlich rezitiert er eher und kotzt nur in letzter Konsequenz – , während ein Cannibals oder der langsam in Fahrt kommende Closer Reptilian in der 80er-Thrash-Schneise von Slayer als metzelnde Bestien direkte DNA-Stränge von Nebenschauplätzen wie Mutoid Man oder All Pigs Must Die benutzen.
Bis zu einem gewissen Grad geht es auf dem neunten Studioalbum von Converge grundsätzlich darum, Bekanntes in einen neuen Kontext zu setzen, zu adaptieren und antizipieren. Dies formt den Charakter von The The Dusk in Us, der in seiner eklektischen, beinahe intrinistischen Veranlagung Axe to Fall auch einen späten, umgekehrt gepolten Zwilling mit der Ästhetik von You Fail Me beschert: Anstelle wie auf dem überragenden Kooperationsalbum von 2009 externe Inspirationsquellen zu assimilieren oder wie auf dem 2004er-Punk möglichst roh hinausgeschossene Impulsivitäten zu kreieren, verarbeiten Converge 2017 mit überlegter Haltung quasi hausinterne Einflüsse, indem das Quartett die kreativen Ergüsse von nominellen Nebenflüssen im Strom ihrer Stammband bündelt und ihren angestammten Sound zwischen einigen Déjà-vus durchaus inspiriert auffächert.

Wenn etwa Eye of the über sich selbst herfällt, Räder schlägt und in kurzen Schüben austickt, obwohl die Band sowieso von Beginn an auf 180 ist, und letztendlich am Reap What You Sow-Gaspedal heult, oder Arkhipov Calm zuckt und zu seinem stampfenden Stakkato über unverkennbare Spannungsaufbauten zum flitzenden Gitarrenspiel stampft, exerzieren Converge durchaus primär Handlungsmotive, die man von den Vorgängerplatten bereits (zu) gut zu kennen scheint – zahlreiche aufgegriffene Elemente der Platte sind geradezu typisch für die Band und können in ihrer Selbstreferenz zumindest auf den Erstkontakt hin als zu routinierte Machtdemonstrationen ernüchtern.
Darüber hinaus entlädt der technisch makellose Vierer den aufgestauten Druck jedoch variabler als zuletzt und lässt The Dusk in Us gerade im Vergleich zu All We Love We Leave Behind deutlich mehr Raum zum Atmen: Die 44 Minuten der Platte versteifen sich keineswegs in ihrem Welthass, sondern artikulieren diesen mit gemäßigterer Brutalität nicht entschieden zugänglicher, aber melodischer, kompakter und eben doch auch durchaus eingängiger. Converge genießen merklich die Freiheit, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen, wachsen gerade deswegen immer wieder über die vorhandenen Augenblicke mühelos gespielter By the Numbers-Standards und bedienen auf den Songs von The Dusk in Us auch klassischer geprägte Schemen – wiederholen Parts freizügiger, bremsen die generelle Geschwindigkeit und Härte, oder bieten wie im chaotischen Mathcore-Radau von Wildlife fast schon konventionell straighte Refrains als Anhaltspunkte.

An anderen Projekten zu arbeiten hält uns frisch und offen für neue Ideen. Wir sind nicht  nur eine Hardcore- oder Metal-Band, wir leben von Diversität.“ fasst Bannon den Antrieb hinter diesem  gefühlten Comeback zusammen, bringt jedoch auch die Tatsache ins Spiel, dass die Menschen hinter der Musik reifer – und Familienväter – geworden sind.
Das knappe halbe Jahrzehnt seit All We Love We Leave Behind ist definitiv nicht spurlos an Converge vorbeigezogen, es hat es die komplexen und fordernden Trademarks der Band jedoch keinesfalls verwässert. Die routiniert nach Hause gespielten Szenen sind abermals vorhanden, aber auf The Dusk in Us wieder in der Unterzahl. Und selbst in diesen klingen Ballou, Bannon, Koller und Newton so dringlich, poetisch, explosiv, druckvoll, hungrig und effektiv, wie die vergangenen knapp zwei Dekaden über. Allerdings haben sich die Stärken der Band ganz allgemein auf eine breitere Basis verlagert. Alleine, wenn sich die latente Unberechenbarkeit der Platte nicht vordergründig durch hysterische Eskalationen definiert, sondern durch den überlegten Schritt zurück, ein Verschnaufen und harmonischeres Neusortieren.
Wo die langsameren Songs in dieser Veranlagung vielleicht stärker, weil dichter und fesselnder denn je zu Ende komponiert zünden (Murk & Marrow flimmert etwa hirnwütig, baut seine Dynamiken nervös zu apokalyptischer Größe auf, löst seine brodelnde Wut aber faszinierend implizit auf), ballern Converge an anderen Stellen immer noch so erbarmungslos, wie keine andere Band da draußen: Broken by Light kurbelt beispielsweise unermüdlich zur Selbstkasteiung, bis ein (allgemein über die gesamte Spieldauer der Platte) in Hochform agierender Gitarrenhexer und Soundmagier Ballou umso unbändiger turnt und den Song über das verabschiedende Riff zum Killer mutieren lässt.

Dass der Platte in dieser Spannweite mutmaßlich (und natürlich irgendwie auch: ironischerweise) zur nächsthöheren Glückseligkeit vordergründig nur eine leicht variierte Trackabfolge auf den letzten Metern samt wirklich epischer Nummer als Closer fehlt, die den relativen Mangel an über allem stehenden Geniestreichen oder emotional auslaugend-packenden Instant Mindblowing-Momenten inmitten des Kollektivs dann auch restlos kompensieren würde – auf diesem furiosen, so sehr in sich geschlossenen Level: nahezu geschenkt. Nahezu. Weil eben die unbedingte Überwältigung zur triumphierenden Ekstase dann doch fehlt.
(Immerhin ist es durchaus symptomatisch, dass ausgerechnet das starke Reptilian mittlerweile bereits als fulminanter Setlisten-Opener agiert, sich auch hier weniger wie ein Abschluß, als ein Kickstart anfühlt. Auch deswegen hätte sich die Nummer subjektiv beispielsweise gut gleich direkt an den Rabatz-Part nach Cannibals angefügt, bevor der elegische Ruhepol Thousands of Miles Between Us zum erschöpfend auflösenden Abspann des Albums – der nicht zwangsläufig Eve heißen müsste, aber eben sehr gut könnte – hinüberführt. Jammern auf immens hohem Niveau, freilich, doch entlässt die Platte auf eine nicht restlos befriedigende Weise.)
The Dusk in Us ist nichtsdestotrotz vor allem in seiner Gesamtheit ein unfassbarer Grower geworden, der keinen Übermut pflegt, sondern sich für seine Katharsis ohne jedwede Längen Zeit lässt, kompakt und knackig drangsaliert. Bedächtiger wird der Dampfkessel mit verändertem Energielevel entlastet, mit dem Kopf durch die Wand muss diese Band endgültig nicht mehr zwangsläufig. Ob das ein Zeichen dafür ist, dass Converge kurz vor ihrem 30. Geburtstag unwiederbringlich in ihrem Spätwerk angekommen sind, wird sich wohl ebenso erst mit ein wenig Abstand bemessen lassen, wie der Verortung der Platte in den Top 5 des restlichen Œuvres der Band.
Converge sind mit The Dusk in Us damit dann auch vielleicht nicht mehr vollends auf Augenhöhe mit ihren Klassikern aus der Zeit der Nullerjahre unterwegs, aber nichtsdestotrotz qualitativ eine unvergleichliche Bank, leidenschaftlich und exzessiv. Unter hochklassigen Ausnahmealben macht es diese Band scheinbar nicht, darauf ist Verlass. Die Art und Weise, wie sich The Dusk in Us derart nahtlos aus seinen Vorgänger speist, hierraus aber eine absolut individuelle Persönlichkeit mittels der Mutation durch bisher ferner liegende Interessensgebieten formt, ist dann jedoch einer der Gründe, warum diese vorhersehbare Konsistenz allerdings auch zu keinem Zeitpunkt langweilig wird. Converge halten die Dinge spannend, obwohl es keine Konkurrenz mehr für sie gibt.

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